Diese Geschichte ist eine Episode aus einem Serienprojekt, welches sich mit Urbanen Legenden beschäftigt. Ähnlich wie bei 'Geschichten aus der Gruft' oder 'Masters of Horror' beinhaltet jede Episode eine in sich abgeschlossene Geschichte basierend auf einer urbanen Legende.
Obwohl es eine etwas bekanntere Legende ist denke ich, dass sie dennoch eine gelungene Neuinterpretation des Stoffes darstellen dürfte. Nicht wie der total verkorkste Kinofilm, aber urteilt am besten selbst ;)
Urbane Legenden – 1x03 - Stimme der Dunkelheit
Eins
„Ich hätte alles für dich getan.“ Susanne nahm Peters Hand in die ihre und lächelte ihn sanft an. „Es gibt noch so viel, was ich dir sagen wollte.“ Mit schwarzer Schminke vermischte Tränen liefen ihre sonst perfekten Wangen hinunter. „Es tut mir Leid, dass alles so enden musste, hätte John doch nur rechtzeitig das Gegenmittel gefunden.“ Sie löste sich von seiner Hand, die wieder schlaff auf das Krankenbett sank und dort reglos liegen blieb. Bevor Susanne sich zum Gehen wandte, gab sie ihm einen letzten Kuss auf die kalte Stirn. „Ich werde dich immer lieben.“
„Ich werde dich immer lieben …was für eine dämliche Schnulze. Wenn das so weitergeht, sterbe ich noch vor Langeweile.“ Sarah wechselte den Sender.
Auf MTV lief gerade eine Folge der allseits beliebten Serie „Room Raiders“. Eine Bande notgeiler Teenager in einen stickigen Van gepfercht, die dabei zuschauen dürfen, wie ein blondes Flittchen mit großen Silikonbrüsten ihre Zimmer durchwühlt, um dabei allerlei Schmutziges zu entdecken, sehr gehaltvoll. „Wenigstens etwas.“
Als würde den Fernsehmachern nichts Besseres einfallen. Stupide Realityformate, die x-te hirnlose, schmalzgetränkte Soap und eine Welle ideenloser Fortsetzungen und Remakes, Sarah hasste sie alle.
S.S.D.D. – Selbe Scheiße dauernd dasselbe, sie hatte das mal in irgendeinem Film aufgeschnappt, und es beschrieb ihre Situation wirklich am besten.
Sarah nahm noch einen Schluck aus der Flasche, Rotkäppchensekt, nichts weltbewegend Teures, aber er erleichterte ihr Hiersein ungemein, und keiner würde die Flasche später wirklich vermissen. Sie stellte den Sekt wieder auf den Tisch und schaltete den Fernseher aus. Eilig griff sie nach der nächsten von drei fein säuberlich nebeneinander aufgereihten Fernbedienungen auf dem edlen Holztischchen und mit zwei simplen Knöpfen hatte sie zur Anlage gewechselt, die kurz darauf schon ein altes Stück von Wagner spielte.
Wie entspannend diese Ruhe für manche auch sein mochte, auf Dauer konnte Sarah die Stille einfach nicht ertragen. Sie nahm wieder die Flasche, stand auf und schlenderte neugierig zum Kamin hinüber.
Auf der geräumigen Ablage standen diverse Bilder, die eine glückliche Familie mit zwei Kindern zeigten, Urlaubsfotos, Bilder aus jungen Jahren, welche den Lebensweg des Nachwuchses Stück für Stück festhielten, und das obligatorische Familienportrait war natürlich auch vorhanden. Ihr Blick haftete an einem silbernen Rahmen, der ein Bild der Familie vor der Freiheitsstatue beherbergte. „Amerika.“ Sarah sprach mehr zu sich selbst. Die Kinder lagen ja schon oben in ihren Betten, und ihre Eltern würden erst in zwei, drei Stunden wieder hier sein. Es war beinah schon gespenstisch einsam hier unten, aber diese sporadischen Monologe gaben ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Wenn sie schon alleine hier war, leistete ihr wenigstens die eigene Stimme Gesellschaft.
Sarah seufzte. Sie hatte schon eine Weile geplant als Au-Pair ins Ausland zu gehen. Amerika war immer ihr Wunschziel gewesen. Bei einer halbwegs reichen Familie einziehen, ein wenig auf die Kinder aufpassen und nebenbei aufs College um ihren Abschluss zu machen. Nichts was sie auch hier hätte tun können, aber sie hatte schon zu lange für den dringend nötigen Szenenwechsel gespart.
Fulda war nicht mehr tragbar, und es war Zeit weiter zu ziehen. Diese Stadt widerte sie einfach nur noch an. Überall nur scheinheilige Menschen, die verzweifelt den Eindruck einer perfekten Welt aufrechterhalten wollten, in ihren schicken Häusern, mit dem sorgsam gepflegten Vorgarten, einer Garage, mindestens einem Auto und im Durchschnitt 2,5 Kindern, der Traum vom schönen Leben, einem guten Job und einer rosigen Zukunft. Wer hatte ihn nicht? Für Sarah war das erstmal nebensächlich, mit neunzehn hat man das ganze Leben noch vor sich. Die Welt entdecken und Spaß haben stand für sie zurzeit an oberster Stelle, alt und runzlig werden kam später.
Doch in dieser scheinbar perfekten Welt spiegelte sich zugleich auch die Abartigkeit des schon krankhaften Perfektionismus wieder. Sie konnte sich drehen, wohin sie wollte, hier stimmte einfach alles. Die große, penibel ausgerichtete sowie wirklich bequeme Couch, der sicher verdammt teure Flachbildfernseher an der Wand ihr gegenüber, umgeben von der ideal abgestimmten Surround-Sound-Anlage, und das war nur der Anfang. Alles war teuer, edel und bis ins kleinste Detail perfekt. Sie musste gar nicht noch mal in die Küche oder die übrigen Räume gehen, sicher war es dort nach wie vor genauso bezaubernd. Wenn man es überhaupt so nennen konnte. Für die einen mag es schön sein, für die anderen ist es IKEA - Katalog Seite ‚102’ Komplettausstattung mit allen Extras, preislich bei etwa fünf- bis sechstausend Euro. Es fühlte sich zwar an wie Leben, aber letzten Endes war es nur eine Vorlage nach einem herzlos ausgekotzten Muster, wie die silikonverschönerten Damen in den Medien.
Musste eine Frau wirklich schlank und vollbusig sein, um sich als schön bezeichnen zu können? Ihr taten die vielen Mädchen Leid, die immer noch in der Pubertät steckten und verzweifelt versuchten diesem Schönheitsideal nachzueifern. ‚Bloß nicht zuviel essen’, hatte ihre Mutter immer gesagt, die Jungen mögen keine dicken Mädchen. Damals hatte sie es nicht verstanden. Wie auch? Sie war noch jung gewesen. Barbiepuppen und ihre Freundinnen, mehr brauchte sie damals eigentlich nicht. Heute war sie indirekt froh, dass sie auf ihre Mutter gehört hatte. Es hätte zwar an den Hüften etwas weniger sein können und bei der Oberweite etwas mehr, aber das konnte man ja noch ändern.
Zur Hölle mit ihren klein karierten Prinzipien. Immerhin war sie kein seelisches Wrack von einem Knochengerippe wie ihre ehemals beste Freundin. Verräter wie sie würden noch früh genug erfahren, was es kosten würde, Sarah Schneider den Freund auszuspannen. Sie nahm noch einen großen Schluck aus der Sektflasche und ging zur massiven Balkontür.
Durch das blank polierte Glas hatte man einen wunderbaren Blick auf die Terrasse sowie den malerischen See, an dem das kleine Anwesen lag. Es war wirklich idyllisch hier oben. Eine kleine Zuflucht, und das nur eine halbe Stunde vor der Stadt. Wäre das kleine Wäldchen um sie herum nicht gewesen, hätte es vielleicht auch freie Sicht auf die nächtlichen Lichter der Stadt gegeben.
Sie kramte einen zerknitterten Zettel aus ihrer Hosentasche. Mit den Fingerknöcheln tippte sie die siebenstellige Zahlenkombination in das Kontrollfeld neben der Tür. Ein leises Piepen bestätigte die Eingabe, während Sarah schon die Tür öffnete und hinaus ins Freie trat, eine herrliche Nacht, nicht zu heiß und nicht zu kalt, genau richtig. Mit wenigen Schritten war sie beim Geländer.
Die goldgelbe Hälfte des Mondes spiegelte sich auf dem dunklen Wasser des Sees. Sarah nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. Die wunderbar romantische Stimmung hier war unvergleichlich. Langsam wurde ihr warm. Ob es wohl doch ein Schlückchen zuviel gewesen war? Was sollte diese unnötige Sorge? Sie würde sich nachher noch einen Kaffee machen und zu Hause wartete dann ja auch noch ihr gegenwärtiger Seelentröster. Warum sollte sie einem Typen nachweinen, wenn der nächste schon in der Schlange wartete? Was er wohl gerade machte?
Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Sie leerte die Flasche und ging wieder ins Haus um den Anruf entgegen zu nehmen. Wer immer es auch sein würde, etwas Abwechslung dürfte ihr sicher gut tun.
Beitrag geändert von Askeron (21.07.2008 16:54)
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Zwei
„Hier bei Kramers.“ Sarahs Stimme klang regelrecht lustvoll, vielleicht schwang sogar ein gelangweilter Unterton mit, aber das konnte sich schon in wenigen Sekunden ändern. Für einen Moment blieb es am andern Ende der Leitung still, dann begann die Stimme eines jungen Mannes zögerlich zu sprechen. „Hallo, ich hab deine Notiz gefunden. Wie geht es …?“ Weiter kam er nicht. Sarah knallte den Hörer augenblicklich wieder aufs Telefon. Sie würde Jochens weinerlichen Ton noch unter Tausenden erkennen. Dieser weiche Bastard, wie konnte er es nur wagen sie noch mal anrufen zu wollen, und wo zum Teufel hatte er diese Nummer her? Sicher von Katja, was für ein elendes kleines Miststück sie doch war.
Es blieb nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Das Klingeln des Telefons bohrte sich wieder in ihren Verstand. Erneut nahm Sarah den Hörer ab und lauschte. „Sarah?“, flüsterte die Stimme am anderen Ende. Augenblicklich legte sie auf und den Hörer im nächsten Moment neben das Telefon. Warum rief er hier an? Wieso konnte er es nicht verstehen? Schweigen war doch eine Antwort? Warum konnte Jochen das nicht sehen und wollte immer noch mit ihr reden? „Wie geht es dir? Sag mal, denkst du noch über uns nach?“, ahmte sie seine Stimme nach. Am liebsten hätte sie ihm die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen und aus einem fahrenden Auto auf eine stark befahrene Kreuzung geworfen. Wie konnte man nur so dreist sein? Sie verstand es nicht.
Auf der anderen Seite war sie hübsch und selbstbewusst und dementsprechend anziehend auf das andere, sowie das eigene Geschlecht. Wer konnte ihm da schon sein hormongesteuertes Verhalten übel nehmen. Dennoch war es aus und vorbei. Keine zweite Chance, keine Versöhnung und mit Sicherheit kein Sex mit dem Ex. Einmal untreu, immer untreu. Soll er doch wieder zu seinem Gerippe zurückkriechen und sich bei ihr ausweinen. Ein paar Tränen mehr oder weniger dürften dem Rest ihres gemarterten Körpers nichts weiter ausmachen.
Das Handy in ihrer Tasche begann zu vibrieren. Sarah fischte es gewohnt schnell heraus. „Anonym“, stand auf dem Display. Schon mal nicht Jochen, seine Nummer war zum Glück gesperrt. Sarah drückte die graue Taste mit dem grünen Telefonhörer.
„Ja?“
„Was soll das?! Warum behandelst Du mich wie Dreck?“ Es war Jochen, welch’ Überraschung. Jegliche weinerliche Unsicherheit war aus seiner Stimme gewichen, und er klang das erste Mal seit langem wieder wie ein richtiger Mann.
„Weil Du es verdient hast.“
Keine Antwort, da war nur Schweigen am anderen Ende der Leitung.
„War’s das? All diese Anrufe und das elende Gewimmer für diese eine Frage? Und jetzt schweigst Du? Willst Du mich nicht fragen, wie’s mir geht, oder ob ich noch über uns nachdenke?“
Nach wie vor blieb Jochen still, er hatte nicht aufgelegt, soviel war sicher.
„Nun mir geht es bestens, mir ging es ehrlich gesagt noch nie besser. Erst vorgestern hatte ich den besten Sex meines Lebens, und ich weiß bis heute nicht mal, wie der Kerl hieß.“
Sarah hielt für einen Moment inne. Sie wollte diesen Moment bis aufs Letzte auskosten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Wut, Trauer und Jähzorn auf einmal herauszulassen, und obwohl es nur wenige Worte waren, würden sie seine verliebte Seele wie ein Insekt zertreten. Warum Sarah das tat? So richtig wusste sie es auch nicht. Früher war alles anders gewesen. Bevor das mit Katja passiert war.
Dass sich hinter einem so schönen Namen eine doppelzüngige Schlange verbergen konnte, war wirklich eine unliebsame Offenbarung für Sarah gewesen. Halte deine Freunde nah, aber deine Feinde noch näher. Ironie, anders konnte sie es schon nicht mehr nennen. Vielleicht war es auch allein ihre Schuld gewesen? Hätte sie damals nur nicht Jochen zu einem Treffen mit ihren Freundinnen mitgebracht. Katja und er wären sich womöglich nie über den Weg gelaufen. Die Welt hätte sich weiter gedreht, als wäre nichts gewesen. Heute sah alles anders aus. Was hatte ihn nur in ihre Arme getrieben?
Sie machte sich nur unnötige Gedanken. Das alles lag hinter ihr, und indirekt war Sarah glücklich, dass sich alles in diese Richtung entwickelt hatte. Die Phase des Bedauerns war vorbei, sie hatte sich weiter entwickelt.
„Ich …“, begann Jochens Stimme aufs Neue. „Ich …“ Die eben gewonnene Stärke war mit einem Schlag von ihm gewichen. Sarah konnte sich richtig vorstellen, wie er den Tränen nahe im Hausflur seines kleinen Apartments auf dem Boden beim Telefon neben der Garderobe kauerte und sich das Herz aus dem Leib weinte. Jochen war schon immer empfänglich für Emotionen gewesen. Geradezu krankhaft übersensibel, es war einfach zum Kotzen. Ein echter Mann würde nicht weinen, er würde es mit Fassung tragen oder sie irgendwie mit aller Gewalt zurückerobern wollen. Eins würde er jedenfalls nicht tun – um ihre Liebe betteln.
„Ich ... Ich …Ich …?“, Sarah äffte ihn wieder nach, „Sprich es endlich aus verdammt.“
„Denkst Du noch …?“ Es war nicht zum Aushalten, er stellte dieselben Fragen immer und immer wieder, wie eine Platte aus den Sechzigern mit einem gottverdammten Sprung, deren Zeit schon lange zu Ende war, aber niemand hatte es je für nötig gehalten ihr diesen Fakt mitzuteilen. Wirklich zu schade.
Sarah würde das übernehmen, sie war gerade in der richtigen Stimmung für einen blutigen Schnitt. „Du willst wissen, ob ich noch über uns nachdenke? Nein, verdammt! Du kriegst es einfach nicht in deinen Schädel oder? Soll ich vielleicht vorbeikommen und jeden einzelnen Buchstaben in deinen Kopf nageln?! Vielleicht verstehst Du es dann? Wie kann man nur so hirnlos sein? Du widerst mich einfach nur noch an. Hör endlich auf mich anzurufen und mir nachzustellen. Was soll das Geflenne? Immer die gleichen Fragen. Versteh es endlich! Du änderst damit nichts daran, dass es kein „uns“ mehr gibt. Soll ich es vielleicht auf einen Dolch schreiben und ihn dir in die Brust rammen? Verschwinde aus meinem Leben und komm nie wieder zurück!“ Das dürfte seinen Zweck erfüllt haben. Sarah hörte noch ein leichtes Wimmern von der anderen Seite der Leitung, gefolgt von einem sanft gehauchten „Ich …liebe dich.“ Danach war die Leitung tot. Jochen hatte aufgelegt.
„Gut.“ Es war auch besser für ihn. Sarah fühlte sich bestens. Ein bisschen wie ausgekotzt, aber es waren nur die schlimmen Dinge, die sich über längere Zeit in ihr aufgestaut hatten. Jetzt wusste sie, wie Katja sich immer fühlen musste. Sarah rang sich ein zufriedenes Lächeln ab. Letzten Endes war es ihr egal, was aus Jochen werden würde. Ihre Wege hatten sich getrennt. Ein kleiner Teil von ihr hoffte, dass er verstanden hatte, dass es einfach kein Zurück mehr gab. Ein anderer malte sich aus, wie er nun ins Bad kriechen und seine Existenz mit einer Rasierklinge beenden würde. Es wäre zu schön um wahr zu sein, vielleicht sollte sie ihn später noch einmal besuchen, nur um sicher zu gehen.
Sarah steckte das Handy wieder in ihre Tasche, während der Telefonhörer nebenbei wieder seinen Weg in die für ihn vorgesehene Halterung fand. Locker griff sie zur Sektflasche. Sie war leer. „Verdammt.“ Ein guter Schluck hätte diesen Moment noch perfekter gemacht. Sie ließ die Flasche auf dem Wohnzimmertisch zurück und wollte sich eben Richtung Kellertreppe wenden, als das Klingeln des Telefons sie wieder aufhielt. Sarah fuhr herum, nahm wütend den Hörer in die Hand und ließ dem noch nicht ganz erstickten Feuer ihrer Wut freien Lauf.
„Was willst Du, Du verdammter Mistkerl!? Lass mich endlich in Ruhe, Jochen, oder ich rufe die Polizei!“
„Aber, aber wer wird denn so aufbrausend sein?“ Die fremde Stimme am anderen Ende traf sie wie ein Hammerschlag. Sie war tiefer, klang älter und hatte Charisma, es war definitiv nicht Jochen.
Beitrag geändert von Askeron (21.07.2008 16:55)
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Drei
Erst wollte Sarah den Hörer schnell wieder auflegen oder die Sache mit einem spontanen ‚Wer ist da?’ klären. Aber nach kurzem Überlegen schwenkte sie um und entschied sich stattdessen für ein beschwichtigendes, leicht verlegenes „Oh, äh entschuldigen Sie bitte, es tut mir leid, ich habe Sie für jemand anderen gehalten.“ Danach legte sie einfach auf, nur um gleich wieder zu realisieren was sie da gerade getan hatte. „Verdammt!“ Jochen hatte sie ganz aus dem Konzept gebracht. Es war jedoch nichts, was eine Flasche Sekt nicht wieder ertränken konnte. Sie wollte sich schon der Küche zuwenden, als das Telefon von neuem mit dem langsam nervtötenden Klingeln begann.
Ok, cool bleiben. Es ist nur das Telefon. Etwas entnervt, aber mit einem falschen freundlichen Unterton, nahm Sarah wieder ab.
„Hier bei Kramers?“
„Sie haben ja schon wieder aufgelegt?“ Es war wieder dieser Mann.
„Nichts Persönliches mehr ein Reflex. Sorry“, entgegnete Sarah kleinlaut.
„Dieser Jochen muss ihnen ja ziemliche Probleme bereiten? Exfreund, der es nicht verstehen will, nehme ich an?“
„Ja, so könnte man es ausdrücken. Will einfach nicht einsehen, dass der Zug für ihn abgefahren ist.“
„Liebe macht blind. Meist ist es wohl nur eine Frage der Zeit.“
„Hoffentlich ist seine bald abgelaufen.“ Sarah erschrak kurz über ihre klare Offenheit, aber dieser Mann am andern Ende der Leitung hatte etwas. Sie konnte nicht genau festmachen, was es war, aber sie fühlte sich gut und der Klang seiner Stimme war Balsam für ihre Ohren. In diesem Moment hätte sie ihm alles sagen können.
Ein kurzes Lachen am andern Ende der Leitung, leise, kaum hörbar, dann sprach der Fremde wieder mit ihr.
„Eine gute Freundin von mir denkt da ähnlich wie Sie. Nichts desto trotz hat sie bekommen was sie wollte. Wie ist es mit ihnen?“
„Was soll ich sagen? Man lebt so vor sich hin. Ora et labora.“
„Beten und Arbeiten? Das passt nicht wirklich zu ihrer Aussage.“
„Ohh, ein gebildeter Mann. Das hätte ich mir beinah denken können.“ Sarahs Promillewert machte sich wieder bemerkbar. Reiß dich zusammen Mädchen. Es ist nur ein Mann!
„Man erntet was man säht. So war es schon immer. Sie haben es wohl nicht so mit der Kirche?“
„ Für mich ist die Kirche nicht mehr als die größte Sekte auf Erden. Eine Bande Betrüger und Halsabschneider, die es sich auf Kosten anderer gut gehen lassen und hin und wieder kleine Kinder missbrauchen? Nein, Danke.“
„Glaube ist wichtig, mein Kind. Ohne Glauben gibt es keine Hoffnung und ohne Hoffnung keine Erlösung.“
„Wer will schon Erlösung? Das hier ist die Hölle und wir dürfen sie gratis zum Spielen benutzen!“ Sarah kam langsam wieder in Fahrt. Das war die perfekte Unterhaltung, auf die sie den ganzen Abend gewartet hatte. „Sind Sie einer dieser Telefonseelsorger?“
„Rumtelefonieren und Leuten vor schlimmen Dingen bewahren? Nein, sicher nicht. Ich würde mich eher mit einem Hirten vergleichen, der seine verlorenen Schafe wieder einfängt. Ich rede einfach gerne mit Menschen. Sie glauben gar nicht, was man so alles erfahren kann und wie bereitwillig andere reden und zuhören möchten.“
„Das wäre sicher nichts für mich. Wildfremde Leute zu Hause anrufen nur um mit ihnen zu reden.“
„Aber auf die Kinder anderer Leute aufpassen ist etwas anderes?“
„Woher…?“ Sarah zuckte kurz zusammen.
„Sie haben mich schon richtig verstanden.“ Wieder hörte sie dieses abgehackte Lachen am andern Ende der Leitung. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin ein guter Freund der Familie. Marie und John haben mich gebeten mal anzurufen um wegen den Kindern zu fragen.“
Puh… Sarah wirkte erleichtert. „Ich dachte schon…“ Sie schaute sich suchend nach der Rotkäppchenflasche um. „Mit den beiden ist alles in Ordnung, sie liegen oben in ihren Betten.“, war ihre pragmatische Antwort.
„Das freut mich.“
Ah, da war sie ja. Genauso, wie sie sie vergessen hatte. Vielleicht war es wirklich zu viel Sekt gewesen. Sarah wollte eben nach ihr greifen, als die Stimme vom anderen Ende der Leitung wieder in ihr Ohr tönte. „Die Flasche ist immer noch leer, kleines Flittchen. Warum gehst Du nicht wieder runter in den Keller und holst dir eine Neue?“ KLICK. Er hatte aufgelegt.
Beitrag geändert von Askeron (21.07.2008 16:55)
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Vier
Anschnallen und zurücklehnen. Bringen Sie ihre Sitze in eine aufrechte Position und machen sie sich bereit für die Landung.
Ausnüchterung im Zeitraffer, so schnell war Sarah nur selten wieder klar gewesen. Danke für ihren Flug mit unserer Airline und einen angenehmen Aufenthalt noch. Sie hatte den imaginären Flieger verlassen und war in ihren geistigen Porsche gestiegen, mit ihm rasten Sarahs Gedanken nur so dahin.
Was zum Henker sollte das gerade? Es war jedoch viel mehr die Frage nach Fakt oder Fiktion. Wer war dieser Mann, war er im Keller, oder war es nur ein schlechter Telefonscherz, aber wieso wusste er dann die Sache mit der Flasche? Vielleicht wurde sie beobachtet? Mikros? Kameras? Jeder Depp konnte heutzutage ein billiges, tragbares Überwachungssystem aus handelsüblichen Elektrowaren herstellen. Selbst Plastiksprengstoff oder tödliche Gifte waren dank Meister Proper und dem Internet kein Problem mehr. Oh ja, er war sicher ein richtiger Daniel Düsentrieb.
Sarah schaute hinüber in Richtung Küche. Die Tür zum Keller war geschlossen, ein paar schnelle Schritte, dann könnte sie den Riegel vorschieben und sicher sein. Gesagt, getan, ein Problem weniger. Das Telefon begann wieder zu klingeln.
„Fuck!“ Sarah zuckte innerlich zusammen. Dieser kranke Bastard, wie konnte er es nur wagen ihre fein säuberlich erdachte Welt in den Grundfesten zu erschüttern. Sarah zögerte. Für einen Moment beherrschte allein das Geräusch des Telefons die unbehaglicher werdende Stille, dann schaltete sie einen Gang runter und griff nach dem größten Messer, das sie in dem soliden Holzblock auf der Anrichte finden konnte.
Sarah kannte genug Horror- und Slasherfilme mit großbrüstigen Blondinen, die in solchen Situationen ähnlich handeln würden, aber brachte es ihnen was? Ausgeweidet‚ ‚Fengh Shui’ - mäßig im Wohnzimmer verteilt, nein, so wollte Sarah nicht enden.
Auf der anderen Seite waren die verfügbaren Alternativen dagegen simpel und einfach. Sie konnte weiter hilflos rum stehen oder handeln. Doch zuerst musste sie sich sicher sein. Sollte es doch nur ein blöder Telefonstreich sein, würde die anrückende Polizei alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen. Sie dürfte keine Zeit mehr verlieren, sie musste einfach runter in den Keller und nachsehen.
Sarah ging wieder ins Wohnzimmer und fischte in ihrer Handtasche nach dem Tazer, den ihr ihre Eltern vor ein paar Jahren geschenkt hatten, während sie das noch immer klingelnde Telefon an sich nahm.
Zunächst blieb die Leitung still, dann hörte Sarah wieder dieses unterdrückte Lachen.
„Was wollen Sie von mir?“
„Ist dir das nicht klar, Kleine?“ Seine Stimme hatte sich ein wenig verändert. Jetzt schwang ein triumphierender Unterton mit, als würde er schon auf ihren verfaulenden Kadaver weit unten in der Grube spucken können. „Ich möchte nur ein kleines Spiel spielen, und wie ist es mit dir?“
„Ok, spielen wir.“ Sarah blickte sich um. Alles schien ruhig, während sie mit ihm sprach, ging sie vorsichtig zurück in die Küche.
„Jemand mit Kampfgeist. So etwas erlebt man wirklich nicht oft. Die anderen waren…“ Er machte eine kurze Pause. Sarah näherte sich der Tür hinunter zum Keller. „… nennen wir es mal: ‚Weit weniger in Stimmung’.“
„Es macht doch immer mehr Spaß, wenn sie aufstehen und sich wehren wollen.“
Der Fremde lachte wieder leise.
„Und wie soll dieses Spiel nun aussehen?“
„Es ist ganz einfach. Du kommst zu mir, und wir unterhalten uns ein wenig.“
„Worüber denn? Gefällt ihnen das Wetter etwa nicht?“
„Über dich und dein so genanntes Leben. Aber dazu kommen wir später. Du brauchst dir nebenbei keine Mühe zu machen die Polizei oder sonst wen rufen zu wollen. Ich habe mich schon vorsorglich um alles gekümmert. Wir sind die nächsten Stunden völlig ungestört.“
„Keine Angst, ich gehe nirgendwohin.“
„Gut, gut, lass uns das Vorspiel doch einfach überspringen und die Sache persönlicher machen. Vergiss den Keller, ich gebe dir einen kleinen Hinweis, wo du mich finden kannst. Hör genau zu, gleich kommt der Tipp.“
KLICK - Er hatte aufgelegt.
Im nächsten Moment wurde oben im ersten Stock lautstark eine Tür zugeschlagen.
Verdammt, dieser kranke Bastard war oben bei den Kindern. Sarah knallte den Telefonhörer auf die Ablage und lief schnell durchs Wohnzimmer in den Flur zum Fuß der Treppe. Angestrengt starrte sie hinauf ins Dunkel. Alles schien wieder ruhig, und niemand war zu sehen.
Langsam schritt sie über die mit rotem Teppich gepolsterten Stufen nach oben, vorbei an weiteren ach so schönen Familienfotos, die sie pflichtbewusst auf ihrem letzten Weg zu begleiten schienen. Am liebsten hätte jedes einzelne davon runter gerissen und am Boden zertreten. Wieso musste alles immer so kompliziert sein. Konnte es nicht einmal wie geplant laufen? Aber wo bliebe dann der Spaß?
Oben angekommen hielt sie kurz inne. Der Flur lag still und verlassen vor ihr, bereit für das, was kommen würde. Einzig unter dem vorletzten Zimmer am Ende des Ganges konnte sie einen schwachen Lichtschimmer wahrnehmen, er musste dort sein.
Ein Schild mit der Aufschrift ‚Hier wohnen Kevin + Jessica’, war liebevoll in den Farben des Regenbogens in Augenhöhe an der Tür befestigt, der Rest von ihr war mit Fotos der beiden Kinder und scheinbar lustigen Tierbildern zugekleistert worden, wirklich geschmackvoll. Sarahs Hand näherte sich dem Türgriff. Noch konnte sie sich umdrehen und schreiend weglaufen, aber würde das etwas ändern? Wohl eher nicht. Sie öffnete die Tür und trat ins Kinderzimmer.
Beitrag geändert von Askeron (21.07.2008 16:56)
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Fünf
„Schön, dass Du es geschafft hast“
Sarah schloss die Tür hinter sich und trat einen weiteren Schritt in den spärlich beleuchteten Raum. Ihre Augen gewöhnten sich schnell an die bekannte Umgebung im zwielichtigen Halbdunkel.
Die lieben Kleinen lagen immer noch in ihren Betten, genauso, wie Sarah sie zurückgelassen hatte, liebevoll auf bequeme Kissen gebettet, begraben unter einem Meer aus Kuscheltieren, eingefasst in einem grässlichen Dilemma aus rosablauem Satin.
Vom geräumigen Wandschrank in schlichtem aber elegantem Weiß, vorbei am kontrollierten Chaos aus Klamotten, diversem Spielzeug und Kuscheltieren über die taktisch perfekt positionierten Deckenfluter bis hin zur absolut passenden Sitzecke, die von zwei schwarzen Sesseln dominiert wurde, war der Rest des Zimmers mehr oder weniger liebevoll Seite 73 des IKEA-Katalogs von 2005 nachempfunden.
„Kannst Du sie hören? Diese Stille ist einfach unbeschreiblich. Du hast wirklich ein besonderes Händchen für Kinder.“
Wo zum Henker war er? Sarah ließ ihren Blick aufmerksam durch den Raum gleiten, bis sie an einem der schwarzen Sessel hängen blieb, aus dem sich die Umrisse eines Mannes kaum merklich abhoben. Es war wirklich zu einfach, wie in so einem verdammten zweitklassigen Slasherfilm.
„Die meisten wären in deiner Situation sicher feige davon gelaufen, aber nicht Du, Du bist…“
„Etwas Besonders.“, fiel Sarah ihm ins Wort.
„Ja, so könnte man es nennen. Du weißt, dass Menschen wie Du Menschen wie mich schon immer fasziniert haben.“ Er machte eine kurze Pause, während er sich im Sessel nach hinten lehnte und seine Aufmerksamkeit kurz den Kindern in ihren Betten widmete.
„Warum denkst Du ist das so?“
„Ist das wichtig?“
„Nicht unbedingt.“
Sarah lächelte. Ihre akute Situation hatte eigentlich nichts Lustiges oder Etwas über, dass man Lächeln konnte an sich, dennoch war es da, „Katz & Maus“ war dick und fett darauf geschrieben und sie würde jede Sekunde davon genießen.
Es war wirklich eine herrliche Nacht für den Tod. Jonas wiegte den glühenden Rest seiner Zigarette noch einen kurzen Moment zwischen den Fingern, bevor er sie hindurch gleiten ließ und ohne ihr weiter Beachtung zu schenken seinen Weg fortsetzte.
Die Frontfassade des Haupthauses auf dem Anwesen der Kramers war wunderschöner Zuckerguss in seiner abartigsten Reinform. Drei Stockwerke modernster Holzvertäfelung, eingefasst von klassischen, gläsernen Einbuchtungen, die sich wie sorgsam geordnete Verunstaltungen über den Körper eines klischeetypischen Borderliners zogen, es war einfach nur geschmacklos.
Nicht, dass sie alle hässliche ihren Körper verabscheuende Reste menschlicher Erhabenheit wären. So ist es nicht im Geringsten. Ihre Narben und Verstümmlungen sind viel mehr ein Ventil um das Schlechte für einen Augenblick nach draußen zu tragen und auszusperren. Ein viel zu kurzer Trip ins Land des vergänglichen Glücks, mehr nicht.
In gewisser Weise war er wie sie und in anderer Weise waren sie nichts weiter als Frühstück, Mittag- und Abendessen. Wie Motten würden sie schon bald wieder zu ihm finden und er würde schon mit offenen Armen darauf warten.
Ja, es war wirklich eine perfekte Nacht für den Tod. Jonas gab sich nicht weiter dem Genuss der Stille und dem Anblick des Zuckergusses im schalen Licht des gelblichen Halbmondes hin, sondern trat ohne weitere Verzögerungen durch das doppeltürige Portal in die faszinierende Welt hinter dem roten Vorhang.
Vor ihm erstreckte sich ein langer Flur, roter Teppich eine ausladende Garderobe und fünf kugelförmige, weiß verkleidete Lampen säumten den Weg nach vorne, während Jonas seine Schritte weiter beschleunigte und sich den abstrakt tanzenden Schatten im grellen Licht am Ende des Flures näherte.
Er war fast da. Den süßen Klang des Gewimmers schon in seinen Ohren griff Jonas in seine Jackentaschen und trat durch die halb geöffnete Tür am Ende Ganges ins hell erleuchtete Wohnzimmer.
Für die Bruchteile einer Sekunde brachen erste Eindrücke über ihn herein und er nahm sie mit Freuden auf, als kleinen Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde.
Jonas zeigte seinen Dienstausweis beiläufig durch die mehr bis minder aufmerksame Runde. Nötig war es nicht wirklich, schließlich war sein Name den Meisten seiner Kollegen schon seit Längerem ein nur zu gut bekannter Begriff, dennoch beruhigte es ihn irgendwie. Es tat gut Allen Schwarz auf Weiß zu zeigen, dass er manchmal auch auf ihrer Seite war.
Die Szenerie im Wohnzimmer war wie in einer Folge dieser schillernden Krimiserien aus Übersee. Zu seiner Rechten standen neben Kommissar „Eisenfaust“ Schmidt die Kramers. Ein augenscheinlich nettes Ehepaar Ende 30 in teurer Abendgarderobe, Jonas hatte ihre Gesichter schon unzählige Male in der Zeitung gesehen. Sie gehörten zu der Sorte reicher Eltern, die immer lächelnd ihren Kindern jeden Wunsch von den Lippen ablasen. Unzählige Fotos über dem Kamin und an den Wänden sprachen Bände. In Jonas Augen waren Erfolg und Wohlstand mit der süßeste Weg eine Familie zu Grunde richten, direkt neben Zyankali und einer doppelläufigen Schrotflinte.
Als Kommissar Schmidt, der gerade mit der Aussage der Mutter beschäftigt zu sein schien, ihn bemerkte nickte er ihm zu und deutete mit einer weiteren Kopfbewegung zur Treppe nach oben.
Jonas verstand sofort und ging weiter durchs Wohnzimmer, vorbei an den Kollegen von der Spurensicherung, die fein säuberlich jedes noch so kleine Staubkorn unter die Lupe nahmen und dem völlig aufgelösten Vater, der sich so eben weinend durch die Sicherheitstür mit Codeschloss auf den Balkon verabschiedete, es war wirklich mal etwas erfrischend anderes ihn am Boden zu sehen.
Die Stufen nach oben waren auf ihre schlichte Weise überaus interessant. Selbst hier war alles steril und schlichtweg perfekt. Wäre man stehen geblieben und hätte sich ein wenig genauer umgesehen, wären der Schimmel auf der herrlichen Fassade und die tiefen Wunden darunter umso deutlicher gewesen.
Die Einrichtung, wie in einem Katalog, genau aufeinander abgestimmt, die glücklichen Fotos an jeder nur erdenklichen Stelle taktisch klug positioniert oder die Fernbedienungen für die gefühlte Tonne Elektronik im Wohnzimmer waren millimetergenau auf dem nahezu keimfreien kleinen Holztisch angeordnet, nirgends sah man Müll oder Unordnung und selbst der Boden wies keine Spur von allzu gewöhnlicher Benutzung auf. So viel Glück war seiner Meinung nach nicht lange mit dem Leben vereinbar und diese Familie erstickte förmlich darin.
Wie sie ihn schon von den Fotos her anlächelten, die glücklichen Eltern und die lieben Kleinen mit ihren makellosen Gesichtern in jeder noch so belanglosen Alltagssituation, im Urlaub in Amerika oder sonst wo. Es war wirklich nötig gewesen, dass ihnen jemand ein Paar tiefe Kratzer in diese perfekte Welt geschnitten hatte. Nebenbei machte es die aktuelle Situation für ihn bei Weitem erträglicher.
„Oberkommissar Kain!“
Jonas wurde unvermittelt aus seinen Gedanken gerissen.
„Guten Abend.“, begrüßte ihn Kommissarin Zentgraf freundlich, als er das Kinderzimmer durch die vorletzte Tür des Flures im Obergeschoss betrat.
„Willkommen im Schlachthaus, trifft es wohl besser. Was haben Sie für mich?“
„Drei Tote, eine Vermisste, das volle Programm, Herr Oberkommissar.“, schaltete sich Doktor Weismann, der Pathologe, in das aufkeimende Gespräch ein.
Zentgraf hatte ihren Notizblock hervorgeholt und begann unvermittelt ihre bisherigen Notizen mündlich zusammenzufassen.
„Herr und Frau Kramer sind vor einer Stunde von einer Benefizgala im Esperanto-Center nach Hause gekommen. Nach einem kleinen Streit über das Nicht-Auffinden der Babysitterin kamen sie nach oben und wollten nach den Kindern sehen…“, Zentgraf pausierte und überließ dem Pathologen die blutigen Details.
“Die beiden Kinder sind augenscheinlich zuerst getötet worden. Der Täter hat ihnen die Kehlen durchgeschnitten, die Bauchdecke geöffnet, postmortal ein lächelndes Smilie in die Stirn geritzt und sie dann wieder fein säuberlich in ihren Betten drapiert.“
Ein Smilie, wirklich eine nette Idee und so passend, innerlich war Jonas davon überaus fasziniert.
„Sicher bereute er seine Tat…“, setzte Zentgraf wieder an.
„Das kann man durchaus so sagen.“, fiel ihr Weismann ins Wort und deutete kurz auf einen der Ledersessel in der Sitzecke am anderen Ende des Raumes.
Seine Assistenten hatte die Leiche zwar schon entfernt und in einen dunklen Plastiksack verpackt, dennoch gab die nicht unerhebliche Menge verspritzten Blutes einen groben Aufschluss darüber was geschehen war.
„Der kranke Bastard, hat sich sein eigenes Logo in die Stirn geschnitten und anschließend fünf wichtige Arterien des Körpers geöffnet.“
„Etwas übertrieben, aber es erfüllte seinen Zweck?“
„Definitiv, den Rest lesen Sie dann in meinem Bericht.“, Weismann wandte sich kurz nickend seinen Assistenten nach und verließ mit ihnen den Raum.
„Wissen wir schon wer er war?“
„Kein Ausweis, keine Ergebnisse in der Datenbank.“
„Also wieder ein nettes Phantombild, mit dem Untertitel, dass wir einen wichtigen Zeugen suchen.“
Zentgraf nickte.
„Und die Vermisste?“
„Die Babysitterin, von ihr gibt es bisher noch keine Spur, aber die Fahndung läuft.“
„Sicher rennt sie gerade völlig verstört durch den Wald und sucht ihre Mami.“
„Wer würde das an ihrer Stelle nicht?“
„Ich möchte sicher nicht mit ihr tauschen.“ Jonas griff in seine Jacke und förderte eine Zigarette zu Tage, im nächsten Augenblick stand Doktor Weismann wieder in der Tür.
„Die Kollegen von der Spurensicherung haben unten im Weinkeller eine weibliche Leiche gefunden. Sie kommen am Besten gleich mit.“
Die modrige, leicht säuerliche Luft, gepaart mit der unzureichenden Beleuchtung und jeder Menge Regalen voller vergorenem Beerensaft, Jonas atmete tief durch, für Jemanden wie ihn war der Weinkeller der Kramers ein mehr als beruhigender Ort.
Es war sicher nicht immer so still hier unten gewesen. Könnte diesen Wände sprechen, was würden sie uns wohl erzählen wollen?
Die Leiche der jungen Frau lag rücklings neben einem Regal voller Sektflaschen einer eher billigen Marke. Man hatte ihre Hände und Füße durch dicke Eisennägel fast unwiderruflich mit dem hölzernen Boden verbunden. Den Körper zierten zusätzlich, neben unzähligen Spuren einer heftigen Misshandlung, bläuliche Würgemale am Hals und von ihrer Stirn lächelte den Anwesenden ein blutiges Smilie entgegen.
Jonas streifte sich ein Paar Latexhandschuhe über und beugte sich zu ihr hinunter. Routiniert griff er in ihre Hosentasche, holte die Geldbörse hervor, klappte sie auf und reichte sie nach einem kurzen Blick wortlos an seine Kollegin weiter.
„Katja Zeidler, die Babysitterin.“, teilte Kommissarin Zentgraf den Anwesenden mit.
Jonas stand auf und entflammte seine Zigarette.
ENDE
Beitrag geändert von Askeron (21.07.2008 16:56)
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