In der Tat sehr viel zu lesen, aber ich habe die Geschichte mit sehr viel Neugier und Freude gelesen. Weiter so!
-greetz
Arcueid
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Hey ich hab eine Idee *gg* mach deine Geschichte als Hörkassete würde sich bestimmt prima verkaufen ;) Also ich wäre die erste die eine von dir hätte :D
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Erstmal danke für eure Kommentare ;)
@Big_Mac:
Kontra
- Stellenweise sehr verwirrend wegen den Vielen Charktern, denn veilen sprüngen und den ansichtperspektiven( ich- perseptive)
- paar ganz wenige Stellen fand ich von den hcarkerzügen unrelistishc ist aber nur Meine Meinung, sagte ich dir auch schon.
Z.b. die Frau auf dem freidnhof oder wo Kain der Reporter zu sau amcht und die Folgen daraus
Mag sein, dass die vielen Charaktere manchmal etwas verwirren. Sehe das als einen der wenigen Schwachpunkte der Geschichte, aber unter dem Gesichtspunkt, dass man vielleicht irgendwann mal eine komplette Buchfassung kaufen und am Stück lesen kann ohne die lästigen Wartepausen auf den nächsten Abschnitt dürfte das dann eigentlich kein Problem mehr sein.
Übertrieben/überzeichnet? Manche Leute sind nunmal etwas krasser drauf als andere und manche Aktionen sind ganz bewußt so dargestellt. Wer weiß? Vielleicht haben sie ja einen wahren Kern?
@ShinsenArcueid:
Danke für dein Lob und das du dir die Zeit zum lesen genommen hast. Wird sicher bald weitergehen ;)
@ ~~Mejiro~~:
Freut mich, dass dir die Buchversion kaufen würdest. Wird zwar wohl noch etwas dauern bis der erste Band in die Läden kommt, aber vielleicht hab ich bald wieder mehr Zeit und es passiert schon früher als geplant.
Ein Hörbuch ist auch eine gute Idee. Nur leider finanziell und zeitlich zurzeit nicht umsetzbar. Ich persönlich würde 'In Nomine' gerne als Film oder Serie sehen. Vielleicht gewinn ich ja noch im Lotto oder ein Studio tritt an mich heran ;) Alles möglich... naja abwarten...
MfG
Askeron
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16
‚Geier’
„Die heilige Lanze, das Kernstück von Mister Winfields Sammlung. Angeblich soll der römische Hauptmann Longinus mit ihr den Tod Jesu geprüft haben. Nach unzähligen Nachbesserungen ist leider nur noch die Spitze erhalten geblieben, in deren Mitte ein Fragment des Kreuzes eingebettet sein soll.“ Miss Winchester rückte ihre Brille zurecht. „Legenden zu folge verleiht sie ihrem Besitzer ewige Macht und Unbesiegbarkeit, aber wenn Sie mich fragen…“
„Ich frage Sie aber nicht.“ Der Mann, welcher neben ihr in einem dunkelblauen Anzug vor der Glasvitrine stand, hatte ihr schon vom ersten Augenblick an einen unangenehmen Schauer über den Rücken gejagt. Dabei sah er für einen Mittfünfziger eigentlich völlig normal aus. Zwar passte der schlichte rote Koffer nicht zum Anzug und dem gepflegten Äußeren, den kurz geschnittenen wasserstoffblonden Haaren oder der in ihren Augen perfekten Bräune, aber jeder Mensch hatte mindestens einen Fehler. Seiner war definitiv ein schlechter Geschmack, was Farbkompositionen anging.
„Entschuldigen Sie. Es lag gewiss nicht in meiner Absicht Ihren aufschlussreichen Vortrag zu unterbrechen.“ Er redete mit diesem verführerischen englischen Akzent. Stimmlich klang es ein bisschen wie Sean Connery in jungen Jahren, einfach zum Dahinschmelzen. „Ich bin hier um ein Geschäft abzuschließen. Leider nicht um von einer so bezaubernden Dame eine persönliche Führung der Räumlichkeiten zu bekommen.“
Sie lächelte ihn verlegen an. „Es tut mir auch Leid Sie aufgehalten zu haben, Mister Prince. Vielleicht könnten wir ein andermal…?“
„Ich habe einen Flieger zu kriegen, wenn Sie mich nun zu Mister Winfield geleiten würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“
Er war ihr wieder ins Wort gefallen, welch’ Dominanz, welch’ Charisma, nicht so wie der Waschlappen, der zu Hause auf sie wartete. „Selbstverständlich, bitte folgen Sie mir hier entlang.“
Mister Winfields Büro lag am Ende eines langen Flures im zweiten Stock, direkt über der Galerie. Aus den hohen, mit versilberter Buche verkleideten Fenstern hatte man neben dem wunderbaren Blick hinunter zur gläsernen Kuppel auch freie Sicht auf den Times Square. Die Inneneinrichtung war im Vergleich dazu eigentlich viel zu schlicht geraten. Ein großer Schreibtisch im Zentrum, ein paar Aktenschränke in der Ecke, sowie eine Sitzecke für Gäste neben der Tür, alles nur das Teuerste vom Teuersten, so wie er es sich immer gewünscht hatte.
Als sein Besucher eintrat, saß Mister Winfield im großen Sessel hinter dem Schreibtisch und schaute durch eines der Fenster in die Nacht hinaus. Zigarrenqualm stieg in unregelmäßigen Intervallen zur Decke empor, während er im Radio einer Rede lauschte.
„Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum…“
Mister Prince räusperte sich kurz. Im nächsten Moment wurde das Radio leiser gedreht. „Schön, dass Sie es einrichten konnten. Machen Sie es sich doch bequem.“
Mister Prince kam der Aufforderung nach und trat näher an den Schreibtisch heran. Ash erhob sich aus dem Sessel und reichte ihm zur Begrüßung die Hand. „Willkommen in New York, wie war ihr Flug?“
Feuer, von Gott dem Menschen gegeben, von Prometheus den Göttern gestohlen, durch einen simplen Blitzeinschlag zum Urmenschen gekommen, es gibt so viele Theorien über die Herkunft dieses Elements. Leider sind nur die wenigsten mehr als reiner Glaube oder pures Wunschdenken. Was ist es, das uns am Feuer so fasziniert?
Es spendet Licht und Wärme, Zeichen des Lebens, doch ist es genauso tödlich wie schön. Über die Jahrhunderte hat der Mensch immer neuere Wege gefunden das Feuer einzufangen und für sich nutzbar zu machen, im Guten wie im Schlechten. Ob Krieg oder Frieden, es ist schon immer da gewesen, ebenso, wie die Luft, die wir zum Atmen brauchen. Im Feuer hat alles angefangen und im Feuer wird alles enden.
Sie waren wie die ewigen Flammen, einem Schwarm gieriger Heuschrecken gleich kamen sie aus dem Nichts und fielen über alles her, was sich ihnen in den Weg stellte. Die Alten, die Schwachen, aber auch die Jungen und Starken, vorbereitet oder nicht, es machte sowieso keinen Unterschied. Sie labten sich an ihren Gebeinen bis nichts mehr übrig war. Verbrannte Erde und die metallenen Leiber des Fortschritts blieben zurück, dann wurde es wieder dunkel in der Welt.
Das Licht der Frontscheinwerfer eines schwarzen Ford Mustangs fiel auf die vollends ausgebrannten Überreste eines Pick-ups. Hier und da glimmte noch etwas im Innern, aber im Wesentlichen war nichts mehr übrig. Die Tür auf der Fahrerseite des Mustangs wurde aufgestoßen und ein Mann in orangefarbener Sträflingskleidung stieg aus. Eine Sonnenbrille baumelte lässig an seinem Kragen, während er mit der nötigen Ruhe den Wagen umrundete, zum Kofferraum ging und einen Kanister samt Schlauch daraus hervorholte.
Sein in Schwarz gekleideter Begleiter stieg ebenfalls aus, zündete sich eine Zigarette an und kam zu ihm. „Warum halten wir?“
„Benzin“, war Ashs pragmatische Antwort.
„Verstehe.“ Jack ließ seinen Blick in die Dunkelheit vor ihnen gleiten. Anfangs sah er nichts, nur den scheinbar undurchdringlichen schwarzen Schleier, der die Welt jenseits des Scheinwerferlichts beherrschte. Aber langsam gewöhnten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse und er erkannte die Umrisse weiterer Autowracks. „Nette Gegend, was ist hier passiert?“
Ash holte noch einen Kanister aus dem Kofferraum und stellte ihn neben sich auf den Boden. „Manchmal ist es besser nicht zu fragen. Man nimmt einfach, was einem der Sand übrig gelassen hat. Er schlug den Kofferraum wieder zu.
„Tanken fahren wäre wohl zu leicht?“
Ash nickte. Den Revolver griffbereit im Hosenbund bei sich führend, ging er mit der nötigen Vorsicht aus dem Lichtkegel der Scheinwerfer hinein in die Dunkelheit und weiter auf das Geschwür, welches die Straße befallen hatte, zu. Jack blieb noch kurz stehen, rauchte auf, nahm den zweiten Kanister und tat es ihm gleich.
Es waren etwa fünfzehn Autowracks. Teils ausgeschlachtet, teils ausgebrannt, manche mit Anhängern, andere mit offenem Verdeck, sie standen einfach hier, links und rechts neben der Straße. Eine Kompanie blecherner Soldaten in Formation, die das Ende des Krieges viel zu früh erlebt hatte. Im schwachen Licht der Scheinwerfer konnte Ash die Flecken auf der Straße nicht genau erkennen, aber das Knirschen unter beinah jedem seiner Schritte verschaffte ihm eine viel bessere Einsicht.
Der bestialische Gestank nach Tod war allgegenwärtig. Er musste sich beeilen. Was immer hier geschehen war, konnte auch ihm und seinem Begleiter widerfahren. Zügig bewegte er sich weiter. Vorbei an den Überresten zerstörter Träume anderer. Wer sie wohl gewesen waren? Wohin sie wohl unterwegs gewesen waren? Wer konnte ihnen das hier angetan haben? Seine Fragen konnten nicht beantwortet werden. Antworten gab es nicht mehr. Sie waren schon lange fort. Nur dieses Stück Straße war ein letzter stummer Zeuge ihrer Existenz.
Ash hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Zwar nur mit dem Hauch schwacher Hoffnung behaftet, aber es war hier. Die Zeit konnte schon alles vernichtet haben. Jetzt hieß es nur noch hoffen, dass etwas brauchbar geblieben war. Er zog seinen Revolver und näherte sich einem hellbraunen Lieferwagen.
Die Scheiben waren weitestgehend eingeschlagen worden. Hier und da erkannte man sporadische Spritzer getrockneten Blutes, die in Kombination mit dem Lack ein seltsames Muster bildeten.
Vorsichtig schraubte Ash den Deckel ab und schob den Schlauch prüfend in den Tank. Nach ein paar Zügen an selbigem spuckte er kurz aus und ließ das Benzin in den Kanister laufen. Zufrieden lauschte Ash dem Plätschern, während sich der Kanister langsam füllte.
„Wer sie wohl waren?“ Jack stellte den anderen Kanister ab und lehnte sich gegen den Wagen.
„Ich kann es nicht genau sagen, sieht mir nach einer Gruppe Flüchtlinge aus. Es könnten aber auch Siedler gewesen sein, die nach Osten wollten.“
„Mir gefällt das nicht. Keine Leichen, nicht mal Knochen, und wir sitzen hier förmlich auf dem Präsentierteller. Beeil dich mit dem Benzin und dann nichts wie weg hier.“
„Schon dabei.“ Das Plätschern hatte aufgehört. Ash zog den Schlauch aus dem Tank und schraubte den Kanister zu. „Vielleicht sind sie ja vom Sand verschluckt worden oder Schlimmeres. Hier draußen ist alles möglich. Fast wie in meinem alten Viertel.“
„Woher kommst du eigent…?“ Jack stoppte.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte er seine Beretta im Anschlag und entsichert. Mit einer geringen Verzögerung tat es ihm Ash gleich.
„Was ist?“, zischte er mit gedämpfter Stimme.
Jack deutete mit dem Lauf seiner Waffe auf die Hintertür eines halbwegs gut erhaltenen Vans fünf Schritte vor ihnen. Er zählte mit den Fingern von drei abwärts. Ash verstand sofort. Beide näherten sich langsam dem anderen Wagen.
Die Doppeltür wurde gleichzeitig zu beiden Seiten hin aufgerissen, und sie feuerten jeweils einen Schuss ins Innere. Nichts regte sich. Nur ein alter Van, voll gestopft mit Gepäck, hauptsächlich Koffer und einige Taschen, die vielleicht mal vernünftig aufgestapelt gewesen waren, sich jetzt jedoch überall auf der Ladefläche verteilten wie die Eingeweide eines Igels auf einer stark befahrenen Kreuzung.
Ash senkte seinen Revolver. „Es geht doch nichts über eine angemessene Portion persönliche Paranoia.“
Jack antwortete ihm nicht, er stieg auf die Ladefläche. Eher sporadisch schob er ein paar Koffer zur Seite, bevor er sich hin kniete und etwas am Boden näher untersuchte.
Ash wurde langsam ungeduldig. „Komm schon! Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!“
Jack griff ruckartig nach rechts zwischen die Koffer, es folgte ein verschrecktes Quieken, das eher ein überraschter Aufschrei werden sollte. Jack riss eine zierliche Gestalt zwischen dem Gepäck hervor und zog sie zum Ende der Ladefläche. Mit einem gezielten Tritt beförderte er sie hinaus auf die Straße.
Ash wollte seinen Revolver hochreißen, doch als er genauer hingesehen hatte, ließ er ihn wieder sinken.
„Nur ein kleines Mädchen.“ Jack ließ ein Büschel brauner Haarsträhnen fallen und stieg von der Ladefläche. „Ein Kind, mehr nicht.“ Er steckte die Waffe weg und holte eine Zigarette aus seiner Tasche. Ash sah ihn fassungslos an. Jack entflammte die Zigarette und lehnte sich seitlich gegen den Van.
„Na Kleine? Ich bin Ash. Wie ist dein Name?“ Schweigen, das Mädchen kniete weiterhin auf dem Boden, ihre langen braunen Haare hingen leblos herunter und verdeckten ihr Gesicht. Etwas Blut hatte eine Lache um ihre Knie gebildet, in die in unregelmäßigen Abständen einsame Tränen tropften. Tränen der Trauer, des Schmerzes oder des Hasses, wer konnte das schon genau sagen, das wusste nur sie allein.
„Ich habe auch eine Tochter. Sie dürfte jetzt etwa in deinem Alter sein. Ihr Name ist Katie.“ Sie reagierte nicht. Ash kniete sich zu hier hinunter. „Weißt Du, was hier passiert ist? Wo sind deine Eltern?“ Ihre Tränen wurden spärlicher und trocken wie der Wüstensand. Nicht ein einziges seiner Worte schien zu ihr durchdringen zu können. Ihr Blick blieb weiterhin starr gen Boden gerichtet. Nicht mal als Jack ihr in den Rücken trat, sodass ihr Gesicht ungebremst neben Ash auf den Asphalt prallte, gab sie einen Ton von sich. Sie blieb reglos liegen, auf die Schrecken wartend, die noch auf sie zukommen würden.
„Nutzlos, nichts als eine leere Hülle. Versuch es noch bei dem Jeep da drüben.“
Ash stand auf und nickte. „Zeit hier zu verschwinden.“ Er ließ den vollen Kanister stehen, nahm den anderen und setzte sich mit dem Schlauch in Bewegung. Jack drückte den Lauf der Beretta auf den Hinterkopf des Mädchens.
Im selben Moment begann es. Schreie, wild und animalisch, wie er sie schon einmal in der ewigen Einsamkeit der roten Wüste gehört hatte, und sie schienen von überall her zu kommen.
Augenblicklich drehte sich Jack um. Egal in welche Richtung er sich wandte, sie waren schon da. Ash ließ den Kanister fallen und ging sofort hinter dem Jeep in Deckung.
„Sie sind hier.“ Es war die Stimme des kleinen Mädchens, regelrecht heiser und abgenutzt begann sie zu kichern. „Ihr werdet hier draußen ster...“
Der Donner eines Schusses hallte durch die Wüste. Kurz setzten die Schreie aus, dann flammten sie von neuem auf, lauter und wütender. Blut und Gehirnmasse spritzten auf den Boden, gefolgt vom Kopf des Mädchens, in dessen Augen der letzte Funken ihres jungen Lebens verlosch.
Dutzende menschenähnliche Schemen tauchten auf den Dünen und im Sand rings um sie herum auf. Ash verharrte mit gezogener Waffe in seiner Deckung und sah zu Jack hinüber, dieser stand neben der Leiche der Kleinen und schaute gebannt zu den Dünen hinauf.
Mit einem Mal verstummten ihre Schreie. Jack feuerte zwei weitere Schüsse ab. Klirrend zerplatzten die Frontscheinwerfer des Mustangs. Das Mal auf seinem Arm begann feuerrot zu glühen, sonst war es wieder dunkel in der Welt.
Der Regen aus Glas lag in seinen letzten Zügen und der Platz vor dem Bahnhof brach im Chaos, bereit den nächsten Hieb des Schicksals zu empfangen. Nur noch vereinzelt fanden Scherben und Splitter ihren Weg in weiche Leiber oder zersprangen auf dem harten Boden.
Wie ein Ritter in schwarzer Rüstung schritt ein Mann mit einem grauen Koffer durch das Chaos aus verängstigen Menschen über das Glas und die Körper derer, die nicht so viel Glück gehabt hatten, als wären sie seiner Aufmerksamkeit nicht würdig genug.
Noch immer befanden sich Scharen von Menschen auf dem Platz. Viele waren verwundet, einige vom Schock gezeichnet, andere versuchten sogar zu helfen und die obligatorischen, teilnahmslosen Gaffer gab es natürlich auch. Sie waren beinahe wie er, leer und begierig noch mehr Leid zu sehen. Es gab nur einen Unterschied zwischen ihnen und ihm, er wusste wie.
Hin und wieder prasselten noch Glassplitter auf seinen Helm sowie den Kampfanzug.
Der Mann blieb stehen. Eine Hand klammerte sich Hilfe suchend an seinem rechten Bein fest. Sie gehörte einem jungen Mann, der nach Leben röchelnd auf dem Rücken lag. Das große Stück einer Scheibe war tief in seinem Brustkorb versunken und auch sein restlicher Körper war von zahllosen Blessuren und Schnitten übersäht. Lauter gläserne Nadeln, die alle tief unter die Haut gingen. Seine Qual musste höllisch sein.
Zwei kurze Blitze im zwielichtigen Halbdunkel, Herz und Kopf, die Hand erschlaffte langsam und glitt wieder zu Boden. Der Mann stieg über die Leiche hinweg und setzte seinen Weg fort.
Vorbei an Sanitätern, die verzweifelt um die Leben anderer Opfer kämpften, über weitere Leichen, Verletzte und Trümmer hinweg. Niemand schien ihn zu bemerken, keiner achtete auf ihn. Wieso auch? Hier gab es Wichtigeres zu tun und vor allem zu sehen. Bei jedem Schritt knirschten die Scherben und so mancher Knochen zerbarst unter seinen Stiefeln. Sie alle kümmerten ihn nicht. Nur ein paar Menschen, deren Zeit schon bald abgelaufen war.
Zielsicher trat er über das heruntergerissene Absperrband und näherte sich einem Motorradfahrer in grüner Kombi, der am Eingang der Zenthofeinkaufspassage unterhalb des McDonalds Restaurants auf ihn wartete. Wortlos übergab er den Koffer und wandte sich wieder dem Bahnhof zu. Während hinter ihm der Motor einer Suzuki GS500 aufheulte, holte er ein Handy aus seiner Brusttasche und drückte die Taste für Wahlwiederholung. Seinen Helm und die Skimaske warf er achtlos bei Seite, bevor am anderen Ende mit einem Klick die Verbindung aufgebaut wurde.
Eine Frau im roten Abendkleid schritt bedächtig durch den prächtigen Spiegelsaal des Fuldaer Stadtschlosses. Edler Parkettboden und Möbel aus einer Zeit als Prunk noch etwas bedeutet hatte waren hier nur triste Kleinodien. Der ganze Saal war mit Spiegeln regelrecht übersäht. Wie kunstvoll in Gold eingefasste Pestbeulen zierten sie die Wände und ließen gerade noch genug Platz für Türen und Fenster. Vor einem der größeren Spiegel blieb sie stehen und warf einen Blick auf das Wesen, das sie von der anderen Seite aus anstarrte.
An Orten wie diesem hatte sich Pandora schon immer überaus wohl gefühlt. Hier verspürte sie dieses viel zu seltene Gefühl von Geborgenheit.
Sie ging näher an den Spiegel heran und strich sanft über die kalte, makellose Oberfläche. Sie lächelte und die Frau auf der anderen Seite tat es ihr gleich.
Jäh wurde dieser Moment ihrer inneren Ruhe unterbrochen, als das vibrierende Summen eines Handys durch den Saal hallte. Nur widerwillig löste sich Pandora von ihrem Abbild, ging zur Fensterbank und nahm den Anruf entgegen.
Schweigend lauschte sie den Worten des Mannes am anderen Ende der Leitung. „Hier ist Prince, der Koffer wurde sichergestellt. Phase eins ist abgeschlossen.“
Ohne ein unnötiges Wort zu verlieren beendete Pandora die Verbindung. Zufrieden betrachtete sie noch einmal ihren makellosen Körper im golden umrandeten Spiegel vor sich. Sie hatte gehört, was sie hören wollte. Eine Frau mit langem blondem Haar erschien in der Tür und kam auf sie zu. Ihre pechschwarzen Augen sahen Pandora neugierig an.
„Komplikationen?“
„Nicht mehr, alles läuft wieder nach Plan.“
„Und das Mädchen?“
„Ist unter Kontrolle.“
Ein paar Stockwerke über ihnen, hoch oben auf der Aussichtsplattform des Stadtschlosses lehnte ein Mann in schwarzem Kampfanzug an der Brüstung. Neben ihm lag ein leerer Koffer, dessen Inhalt er routiniert in beiden Händen hielt.
Langsam ging er mit dem Scharfschützengewehr in Anschlag und visierte ein unscheinbares Ziel auf dem gewaltigen Domplatz eine Straße weiter an, eine junge Frau, die schon viel zu lange ziellos durch die Nacht geirrt war. Er hielt den Atem an und sein Finger krümmte sich um den Abzug.
Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:24)
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III
Der Pfad der Morgenröte
„Menschen sind wie Steine, man muss nur einen Weg finden sie umzudrehen, dann wird man ihr anderes Selbst erkennen.“ - Anonym
„Warum nicht gleich den Stein zerschlagen um zu sehen, was sich darunter verbirgt?" - 73
17
‚Der Tod zieht weiter’
Wie verheißungsvoll die Ruhe vor dem Sturm in den Kriegen vergangener Tage doch gewesen sein musste. Zwei Heere, die sich auf dem offenen Schlachtfeld direkt gegenüberstanden, bis an die Zähne bewaffnet gierten sie nach frischem Tod, bereit jeden Moment loszustürmen und eine Welle der Vernichtung zu erschaffen. Schwert gegen Schild, Muskete gegen Muskete, im Grunde lief alles auf die gleiche Formel hinaus, Mann gegen Mann, aufrecht und ehrenhaft bis zum Weg auf die andere Seite.
Gesichtslose Schatten, bei ihrem Anblick dachte man an nichts anderes. Nur im Entferntesten erinnerten ihre grotesken Züge noch an die Menschen, die sie einst gewesen waren. Die gemarterten Leiber mit ihren entstellten Fratzen blieben unter Hautfetzen und Trophäen verborgen. So standen sie, Körper an Körper, um das Stück Straße, an dem die Autowracks aufgereiht worden waren, ein tödlicher Kreis mit scharfen Kanten nur auf den richtigen Augenblick lauernd.
Eine kühle Brise kam von Norden her und brachte wieder den bestialischen Gestank verrottenden Fleisches mit sich. Ash befand sich weiterhin in seiner Deckung hinter dem Jeep. Vorsichtig und darauf bedacht so wenig Lärm wie möglich zu machen, robbte er auf allen Vieren ein kleines Stück vorwärts. Die Vorderseite des Wagens als Schutzschild neben sich wollte er einen kurzen Blick riskieren. Den Atem für einen Moment anhaltend schob er seinen Kopf langsam an den rechten Frontscheinwerfern vorbei und starrte angestrengt in die zwielichtige Finsternis. Nichts, nur Sand soweit das Auge reichte. Verdammt, sie waren fort. Aber wohin?
Ash richtete sich auf und sah sich nach Jack um. Dort, wo er eben noch gestanden hatte, lag lediglich der tote Körper des kleinen Mädchens im Staub der Straße. Was zur Hölle war hier los? Ash steckte den Revolver wieder in seinen Hosenbund und ging die paar Schritte zurück zum Van. Er würde den Kanister holen und dann von hier verschwinden. Schließlich hatte er noch eine Wahl. Zur Hölle mit seinem Auftrag und zur Hölle mit Jack.
„Gut.“ Mister Prince war scheinbar kein Mann großer Reden und langer Geschichten.
„Wunderbar, sie sehen aus, als könnten sie einen Drink vertragen. Machen wir es uns doch etwas bequemer.“ Ash deutete mit der Zigarre in Richtung der Sitzecke.
Als Antwort bekam er nur ein knappes Nicken, und sie setzen sich auf die bequeme Ledercouch am anderen Ende des Raumes.
„Kommen wir also zum geschäftlichen Teil.“
Schweigend legte sein Gegenüber den grauen Koffer vor sich auf den Tisch.
„Im Memo ihrer Firma stand etwas von einem gewissen Artefakt, das sich in meinem Besitz befinden könnte.“
„Korrekt.“
„Und ich darf annehmen, dass sie etwas für mich dabei haben?“
Mit zwei leisen Klicks öffnete Mister Prince den Koffer und drehte ihn zu Ash.
„Zwei Dutzend lupenreiner Diamanten und Smaragde sowie den Rest der Summe in Hundert-Dollar Noten, wie vereinbart.“
„Sehr schön, Miss Jones steht wirklich zu ihrem Wort.“
Ash zog noch einmal an seiner Zigarre, dann drückte er sie großzügig in einer versilberten Schale vor sich aus.
„Nun gut.“ Ash klappte den Koffer zu und stand auf. „Wenn sie mir bitte folgen wollen.“
Weiße, kahle Wände in einem schier endlos verschachtelten Gang, unterbrochen wurde diese triste Landschaft von gelegentlichen Einbuchtungen, die allesamt Türen in andere Welten waren. Seine Schritte lenkten ihn über den blank polierten Boden unausweichlich auf das Ende des Ganges zu.
Diese Stille, diese herrliche Stille, das weiße Licht zog ihn immer weiter an. Je näher er ihm kam, desto mehr veränderte sich seine Umgebung. Mit einem Mal färbten sich die Wände rot und bekamen langsam Risse. Wenn er sie berühren würde, wären sie sicher genauso wie der Boden geworden. Es knirschte überall, als würde er auf Sand laufen.
Er war wieder hier. Es war alles so wie damals, als er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Jack ging weiter auf das Licht zu.
„Verdammte Scheiße! Er hat keinen Puls mehr!“
„Den Defibrillator! Schnell!“
Die Stimmen dröhnten aus einem der kleinen weißen Lautsprecher, die zwischen jeder dritten Tür hingen. Seltsam, sie waren ihm vorher noch nie aufgefallen.
„Er stirbt uns weg!“
Obwohl sie nur durch ein primitives Wunder der Technik zu ihm sprachen, kamen Jack diese beiden doch sehr nah und vertraut vor.
„Erhöhen Sie die Ladung!“
Die Stimmen wurden leiser. Nur noch ein leises Flüstern hallte durch den Gang.
Das Licht war zum Greifen nah. Vorsichtig streckte er die Hand danach aus, nur um der behaglichen Wärme, die es ausstrahlte, ein Stück näher zu kommen. Es war wunderschön. All der Schmerz war vergessen. Es fühlte sich an, als wäre eine große Last von seinen Schultern genommen worden. Einfach, alles schien so einfach geworden zu sein, nur noch ein Schritt und es würde vorbei sein.
Jack spürte den festen Griff einer Hand an seiner rechten Schulter. Während ihm schon etwas Zigarrenqualm entgegen kam, drehte er sich um und schaute in das Gesicht des Fremden in Schwarz.
„Es ist noch nicht an der Zeit.“
Jacks ausdruckslose Miene veränderte sich zu einem zufriedenen Lächeln. Der Fremde in Schwarz zog noch einmal an seiner Zigarre, dann deutete er beiläufig auf eine der Türen des Ganges. „Das ist dein Weg.“
Ohne ein Wort zu sagen löste sich Jack vom weißen Licht und ging an ihm vorbei auf die Tür zu. Die beiden Stimmen waren verschwunden, und es herrschte wieder diese wunderbare Stille. Seine Welt hatte sich wieder in strahlendes Weiß gewandelt. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um. Das Licht war verschwunden, ebenso wie der Fremde in Schwarz.
Vor ihm lag eine Tür, durch und durch weiß, genau wie die anderen, beinah ohne jeden Makel. Die Zahl ‚73’ war in roten Lettern auf Kopfhöhe eingeritzt worden. Jack griff nach dem ebenfalls weißen Griff und öffnete sie. Dahinter warteten das Feuer und ein Weg zurück.
Stille, es hatte schon eine gewisse Ironie, dass nur noch sie ihm geblieben war. Ash kniete sich neben den toten Körper des kleinen Mädchens. Sanft strich er ihr durchs Haar und ignorierte dabei die blutige Stelle, an der die Kugel einen Krater in ihren zierlichen Hinterkopf gerissen hatte. „Armes Ding, Du hattest noch dein ganzes Leben vor dir. Falls Du meine Tochter triffst, richte ihr einen schönen Gruß von mir aus. Katie hatte auch blonde Haare. Ihr hättet euch sicher gut verstanden.“
Mehr als ein gequältes Lächeln konnte sich Ash nicht abringen. „Das Leben ist einfach nie fair.“ Er wischte sich eine Träne aus dem Gesicht, stand auf und wandte sich wieder dem Van zu. Irgendwo hier sollte doch der andere Kanister stehen. Der Mustang hatte zwar noch einen halb vollen Tank, aber eine Reserve dürfte sicher nicht schaden. Da war er ja, genau dort wo Ash ihn vorhin zurückgelassen hatte, damals als er alles noch unter Kontrolle gehabt hatte. Es schien schon eine Ewigkeit her zu sein.
Erleichtert nahm er den Kanister und blickte sich noch einmal nach Jack um. Keine Spur, dieser verdammte Bastard. „Komm raus! Sie sind weg! Sperrstunde, Jack! Letzte Bestellung!“
Keine Antwort, welch Überraschung. Warum konnte alles nicht einmal wie geplant laufen?
Die Option ohne ihn zurückzukehren gab es nicht. Wie wäre es mit Abhauen? Oh, ja feige davonlaufen würde sicher helfen, jedenfalls für eine Weile.
Mit dem Wagen so viele Meilen zwischen sich und diese gottverdammte Stadt bringen, nur irgendwie würden sie ihn auch finden, wenn er vom Rande der Welt in den ewigen Abgrund springen würde. Es war wie früher. Niemand konnte einfach aussteigen und den Pakt brechen, nicht ohne den Preis zu zahlen. Das Kleingedruckte war in diesem Punkt überaus eindeutig gewesen. Welche Optionen blieben ihm denn sonst? Zum Wagen gehen, den Kanister durch etwas Großkalibriges ersetzen und den Sonnenaufgang abwarten um nach Jack zu suchen, alles andere wäre das sichere Ende.
„Da wären wir also.“ Stolz öffnete Ash die schwere Panzertür vollends und betrat als erster den ausgedehnten Raum dahinter, den er unter Freunden nur liebevoll seine Schatzkammer nannte. Acht Stockwerke unter dem Time Square, mit Wänden aus Stahlbeton, kompletter Kameraüberwachung sowie eigener Luft-, Wasser- und Stromversorgung.
„Der Vorbesitzer hat diesen Raum damals in Kriegszeiten einrichten lassen. Man könnte ihn sicher für etwas paranoid gehalten haben.“
„Nach Hiroschima dürfte sich das erledigt haben, des einen Wahn, des anderen Gewinn.“
„Ich könnte mir keinen besseren Ort für meine Sammlung vorstellen.“
„Ein ehemaliger Atombunker, wirklich beachtlich, was Sie daraus gemacht haben, Mister Winfield.“
Die linke Seite des Raumes war komplett mit Schließfächern zugepflastert, die alle in einem rechteckigen Stahlkoloss, dessen Mitte noch mal eine größere Safetür bildete, Platz fanden. An der Wand zu ihrer Rechten waren die Arbeiten an einer mit Panzerglas verkleideten Regalwand zur Hälfte abgeschlossen. Hier würden einmal die zwölf wertvollsten Schätze aus Ashs Sammlung bis in alle Ewigkeit bestens gesichert liegen.
Aber das alles war unbedeutend im Vergleich zum Prunkstück seines Allerheiligsten. Es stach einfach sofort ins Auge und das nicht nur, weil es die Wand gegenüber dem Eingang einnahm. Zwei kunstvoll gearbeitete Bronzestatuen, die zwei Krieger der Antike in voller Rüstung darstellten, stützen einen leeren Goldrahmen vor rotem Grund. Fein säuberlich hatte man schon die Halterungen für eine Waffe montiert, doch vom vermeintlich größten Kunstschatz in Ash Winfields Sammlung fehlte noch jede Spur.
„Zwei bis drei Wochen, die Leute vom Zoll machen noch Schwierigkeiten.“
Mister Prince antwortete mit einem wortlosen Nicken.
Vor diesem noch unvollendeten Kunstwerk standen zwei gemütliche Ledersessel, zwischen denen ein kleiner Tisch mit einem Marmoraschenbecher eingezwängt war. Des Weiteren warteten auf ihm noch eine angebrochene Flasche Whiskey mit einem Glas, neben dem ein faustgroßer Schlüsselbund lag. Unzählige kleine Schlüssel, die alle ihren Platz in dem monströsen Metallgebilde zu ihrer Linken hatten.
Ohne weitere Umschweife nahm Ash den Bund vom Tisch und ging die paar Schritte zu den Schließfächern hinüber. „Eine Sekunde noch.“ Es bedurfte keiner langen Suche, und er hatte den richtigen Schlüssel für das Fach mit dem begehrten Stück Geschichte gefunden.
Ash öffnete die Klappe. Die Box dahinter ließ sich leicht herausziehen, und mit einem gewinnenden Lächeln reichte er sie an Mister Prince weiter.
„Nummer 73, wie vereinbart. Ich bin sicher, dass Sie zufrieden sein werden.“
Ash öffnete den Kofferraum. Zwei Äxte, diverse Jagdmesser, eine Machete bis hin zu Colts, Revolvern, einer MP5 sowie eine abgesägte Schrotflinte mit Doppellauf und ein paar Handgranaten, alles was das Herz eines aufstrebenden Anarchisten höher schlagen ließe, wenigstens funktionierte das Kofferraumlicht noch.
Er steckte den Benzinkanister in die eigens dafür angefertigte Halterung auf der linken Seite, welche sich gleich neben dem olivgrünen Erste-Hilfe-Kasten befand. Ein elendes Mistding aus den Restbeständen einer schon längst untergegangenen Armee.
Mit einem Klicken rastete der Kanister ein. Als nächstes stand erstmal der grüne Kasten auf Ashs geistiger Liste. Von Hilfe im eigentlichen Zusammenhang konnte man in diesem Fall absolut nicht sprechen. Der Deckel war auch nur locker angelehnt, sodass man jederzeit leichten Zugriff auf den Inhalt hatte. Fünf nebeneinander aufgereihte Glasviolen, die ohne große Beschreibung auskamen. Nur ein ziemlich verblasstes Hakenkreuz auf jeder Flasche, das durch die weiße Flüssigkeit im Innern besonders hervorgehoben wurde, gab Aufschluss über die Herkunft. Etwas anderes war hier nicht zu finden und sicher nie nötig gewesen. Die simplen Gesetze der herkömmlichen Schulmedizin hatten hier draußen keinerlei Bedeutung. In dieser Welt galten andere Regeln. Schon immer war Tod nicht gleich Tod und das Leben nur der Bruchteil einer Sekunde dazwischen.
Ash löste eine Viole aus ihrer Verankerung und schob sie vorsichtig in seine rechte Beintasche. Nur für den äußersten Notfall, hatte Tony gesagt. Hier draußen konnte man gar nicht vorbereitet genug sein. Die Regeln des Spiels waren eindeutig, leben, sterben oder Schlimmeres. Es war Zeit für die nächste Runde.
Ash nahm noch die abgesägte Schrotflinte und einige Patronen aus einer halb platt gedrückten gelben Schachtel. Er musste nicht prüfen, ob sie geladen war, es war selbstverständlich. Lässig wog er die Waffe auf seiner rechten Schulter.
Im selben Moment zerstörte das unnatürlich laute Zuschlagen einer Wagentür diesen zweifelhaften Moment vorübergehender Sicherheit.
Ash war augenblicklich wieder in Deckung gegangen, auch wenn es nur der Wind gewesen sein konnte.
Sechs Schuss für den Revolver und zwei Patronen in der Schrotflinte, fürs Erste dürfte es reichen und falls nicht gab es da ja immer noch das Arsenal im Kofferraum.
Angespannt verharrte er am Boden. Seine schnelle Atmung, die von der unerwarteten Aufregung herrührte, wurde langsam ruhiger, bis sie kaum mehr zu hören war. Ash versuchte sich zu konzentrieren.
Die übrigen Sinne ausblenden und seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Hören richten. Eine halbwegs effektive Technik um wirklich jeden noch so leisen Laut als Ganzes wahrnehmen zu können. Die folgenden Minuten der Ungewissheit zogen sich dahin, wie die Blutlache eines abgestochenen Schweins, das schon zu lange in der prallen Sonne vor sich hinfaulte, es war einfach unerträglich.
Dabei gab es eigentlich nichts Offensichtliches, von dem eine Gefahr ausgehen könnte. Einzig das ungleichmäßige Rauschen des Windes, welcher den roten Sand vereinzelt in bis zu kniehohen Windböen über die Straße wehte, war ihm geblieben. Kein Jack, keine Gefahren, nur er und die ewig rote Wüste.
Einsamkeit, fast unerträgliche Stille und eine Waffe, es hatte schon eine gewisse Ironie, dass sie seine letzten Begleiter waren. Damals war es genauso gewesen. Ash erinnerte sich noch daran, als wäre es erst gestern gewesen.
Seine Entscheidung und ein Schuss hatten die Welt von Ashley „Ash“ Winfield komplett aufgezehrt und in verkrüppelten Brocken wieder herausgewürgt.
Déjà-vu würden es die einen nennen, andere könnten es als wichtige Lektion des Lebens abgetan haben. Für Ash war es jedoch ein fester Bestandteil seines Lebens, und egal wie sehr er versuchte die Erinnerung daran wegzuwischen, sie kam immer wieder zu ihm zurück. Der Fluch eines grausamen Schicksals neigt zur ständigen Wiederholung eines Grundschemas. Sei es im Wahn oder der Realität, ist man einmal in seinen vernichtenden Sog geraten gibt es kein Entkommen mehr. Der Weg zurück ist für immer versperrt und niemand kommt vorbei. Selbst belanglose Kleinigkeiten können sich in diesem Fleisch gewordenen Alptraum zu einer gewaltigen Bestie mit scharfen Zähnen und mächtigen Klauen entwickeln.
„Die Grenze zwischen Glück und Unglück ist schlecht bewacht, Junge“, hatte ihm sein Vater einmal gesagt. Zu dieser Zeit hatte Ash nur darüber gelacht. Im Nachhinein betrachtet war es der nett gemeinte Rat eines zerstörten Mannes, dessen Leben schon vor Jahrzehnten aus den geplanten Linien gebrochen worden war. Wer konnte Ash seine Reaktion schon verübeln?
Mit einem zwölfstelligen Vermögen im Rücken, denkt man nicht wirklich daran, mit einem Mal wieder bei Null zu stehen. Merkwürdig, dass es ausgerechnet jetzt wieder zu ihm zurückkam. Ash musste über seine eigene Paranoia lachen. Wie naiv er doch manchmal war. Hier gab es nichts mehr. Es war an der Zeit weiter zu gehen. Gelassen kam er hinter dem Wagen hervor und blickte in dutzende leere Gesichter.
„Es war mir eine Freude mit ihnen Geschäfte zu machen.“
„Freude?“ Mister Prince schien überrascht zu sein. Eine Gefühlsregung, die Ash bei ihm nicht für möglich gehalten hatte. Die schweren Fahrstuhltüren öffneten sich und er stieg zu Miss Winchester in die Kabine.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht zum Ausgang begleite. Ich habe hier noch etwas zu erledigen. Meine Assistentin wird Sie hinaus begleiten.“
Ash gab ihm die Hand und verabschiedete sich. Mehr als ein knappes Nicken, war Mister Prince der Abschied nicht wert. Die Türen schlossen sich wieder, und der Fahrstuhl fuhr nach oben. Ash drehte sich um.
Überaus zufrieden entzündete er eine Zigarre, die er zuvor aus seinem Sakko geholt hatte. „Wirklich eine ganz besondere Freude“, teilte er dem menschenleeren Tresorraum mit. Der Verschluss der Flasche wurde geöffnet. Ash gönnte sich noch schnell einen Schluck aus selbiger, bevor er den Schlüsselbund nahm und wieder zu den Schließfächern hinüber ging. Mit einer gebührenden Feierlichkeit öffnete er Fach Nummer 7. Welche eigentlich seine richtige Glückszahl war.
Die Metallbox daraus landete ohne Umwege auf dem kleinen Tisch zwischen den Sesseln. Ash schenkte sich das Glas fast voll ein. Zufrieden nahm er im linken Sessel Platz und schaute auf die Box. Wie mächtig etwas so Unscheinbares doch sein kann.
„Naive Dummheit ist die Tugend des reichen Mannes. Seine Achillesferse, die man nur richtig durchschneiden muss, um ihn zu Fall zu bringen.“, so hatte es ihm sein Vater beigebracht und wie so oft hatte er Recht gehabt.
Das Alter, samt seinen Erfahrungen zahlt sich nun mal aus. Ab Sechzehn haben wir leider verlernt darauf zu hören, doch am Ende kommt immer die Einsicht und wir bedauern unsere irreparablen Fehler, leider ist es dann wie so oft schon zu spät.
Ash öffnete die Box und betrachtete den auf roten Samt gebetteten Schlüssel.
„Was ist besser als eine perfekte Kopie?“
„Natürlich das Original, Junge.“, und sein Vater hatte damit verdammt recht gehabt.
Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:26)
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okey vielleicht hätte ich die Geschichte gelesen hätte ich mehr Zeit gehabt aber soweit ich es übergeflogen bin [und das im warstem sinne des wortes] ist die Geschichte sehr gut
könntes/en du/sie davon nicht eine CD machen.. ich wäre die erste kundin ;)
[kommt drauf an wie du/sie angesprochen willst&`/wollen ;) ]
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Naja man kann sich soviel Text ja auch einteilen und Stück für Stück lesen ;) Freut mich aber nach wie vor, dass es dir (auch beim Überfliegen) gefallen hat. Ist nur ungünstig, da bei dieser Methode viel verloren geht. Suum Cuique.
Was die Audio bzw. CD - Fassung angeht sind mir auch nach wie vor die Hände gebunden. Vielleicht wenn ich etwas mehr Zeit sowie jemanden mit einer passenden Stimme zum Vorlesen hätte... nur dürfte das noch etwas dauern.
P.S.: Du ist in Ordnung, auch wenn ich die Frage etwas seltsam finde ;) Fühlt man sich gleich so alt, selbst wenn mans nicht ist.
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18
‚Zerfall’
Ein paar rote Wildlederstiefel, der ehemalige Preis war durchgestrichen worden und auf einem lieblos darunter geklatschten Schild prangerten die magischen Zahlen. ‚19,73’ Sarah musste kurz lächeln. Das war es. Sie war schon einmal hier gewesen. Wieso wäre sie sonst stehen geblieben? Im Grunde war es nur wieder eine qualvolle Erinnerung. Etwas, das sie schon lange aus ihrem Kopf gesperrt haben wollte. Aber manchmal wird es einfach zu viel und die Dämonen vergangener Tage sind mit einem mal wieder da, stärker und mächtiger als je zu vor, als wären sie nie weg gewesen.
„Das sind sie!“ Überschwänglich fiel Sarah ihrem Begleiter um den Hals. Matthias musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Mittlerweile hatte er sich an die kindische Art gewöhnt, die seine Freundin beim Shoppen an den Tag legte. Wie ein großes Kind im Spielzeugland, das traf es wohl am besten. Manche Menschen sind so. Leider ist es selten der Spaß am Einkaufen, vielmehr denkt man an einen vorübergehenden Realitätsverlust. Noch einmal Kind sein und alle Sorgen hinter sich lassen. Einfach nur in der wunderbaren Welt des Kaufrauschs versinken und über kurz oder lang noch darin ertrinken. Wieso nicht? Man gönnt sich ja sonst nichts.
Es tat gut sich zu erinnern. Damals war alles noch gut gewesen. Was heißt gut? Sarah war überglücklich gewesen. Toller Sex mit einem noch tolleren Mann, mehr wollte sie zu dieser Zeit nicht, jedenfalls dachte Sarah das damals noch. Leider liefen die Dinge nicht ganz wie geplant, dass tun sie wohl nie. Er war schon lange fort, nur noch eine von vielen Erinnerungen, schön und schrecklich zugleich.
„Gefallen Dir etwa die Nuttenstiefel?“
„Die würden gut zu Deinem Zuckerarsch passen!“
„Wenn Du artig bist, besorgen wir Dir vielleicht ein Paar.“
Da war es wieder. Ein Gefühl, es ließ sich nicht so recht beschreiben, doch auf eine abartige Weise vermittelte es Vertrautheit, die sie nur allzu gut noch in Erinnerung hatte. War es schon einmal so gewesen? Sarah konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen. Zu viel ging ihr zurzeit im Kopf herum. Dabei schien alles auf den ersten Blick so simpel gestrickt. Im Wesentlichen waren es sowieso nur Gedanken. Gegenwart, Vergangenheit und mögliche Zukunft gaben sich ein kleines Stelldichein. Warum so was immer nur dann passieren musste, wenn man es am Wenigsten gebrauchen konnte. Anschnallen, zurücklehnen und die Fahrt genießen. Einmal von hier und jetzt nach dann und dort.
Alles hatte begonnen wie in einer schlechten Seifenoper. Sarah hatte Matthias vor etwa einem halben Jahr auf der Arbeit, damals hatte sie noch eine, kennen gelernt. Er war neu im Team und ihr auf Anhieb sympathisch. Nicht auf die Weise, dass man sich gleich die Kleider vom Leib reißen und von Liebe sprechen würde, aber dennoch nett. Er hatte so etwas an sich, das nur wenige Menschen besitzen. Jemand anders hätte dazu wohl krankhafte Fröhlichkeit gesagt. Für Sarah war es einfach nur Nettigkeit, herzensgut und rein. Solche Menschen sind heutzutage selten geworden. Wieso eigentlich? Nettigkeiten sind immer gern gesehen, nur am Ende möchte scheinbar niemand die Rechnung zahlen.
Aus anfänglichen kollegialen Verhältnissen entwickelte sich schon nach ein paar Wochen mehr. Man weiß ja, wie so was abläuft. Man arbeitet zusammen, redet miteinander und entdeckt tolle Gemeinsamkeiten. Ein banales Muster, das fast immer zutrifft. Solche Freundschaften waren schon immer eine zweischneidige Klinge. Verrat, Ängste, Streit und Gier sind nur die Spitze des Eisbergs. Das grausamste ist der Tanz mit der Liebe hoch oben auf dem schmalen Rand des Vulkans. Kurz gesagt gibt es dabei nur schwarz und weiß, Trennung oder Verbindung. Das graue Mittelding funktioniert nie lange. Wie gut, dass Sarah nur allzu gerne den weißen Weg beschritten hätte.
„Hey, bist Du taub oder was?!“
„Wir reden mit Dir Miststück!“
„Hältst Dich wohl für was Besseres?!
Was war mit diesen Stimmen? Sie waren schon ganz nah. Sarah hörte sie nicht, noch sah sie die drei Männer, die zu ihnen gehörten. Ihre Fahrt durch den Tunnel ihrer Erinnerungen hatte gerade erst begonnen und das Licht an dessen Ende war in unerreichbare Ferne gerückt.
Wieso war es mit Matthias eigentlich in die Brüche gegangen? Sie war schuld. Das war die richtige Antwort. Eine andere gab es für Sarah jedenfalls nicht, aber was sollte man auch erwarten? Bis sie ihn kennen gelernt hatte, konnte man ihr Beziehungsverhalten allenfalls als sprunghaft bezeichnen. Dreiundsiebzig Partner, an die sie sich noch entsinnen konnte, und das mit einundzwanzig, in den Augen eines Zuhälters sicher eine gute Bilanz. Für Sarah leider nur ein bescheidenes Armutszeugnis einer jungen Frau, die auf der Suche nach sich selbst irgendwo stecken geblieben war. Und woran lag es? Sicher nicht an ihr oder? Sie konnte ja nichts dafür, dass sie immer bei den falschen Frauen und Männern landete.
Arme kleine Sarah, auf ihrer ewigen Odyssee nach dem wahren Selbst und einer Wand zum Ausweinen. Was ist nur aus dir geworden? Was hat dich hierher verschlagen?
Andreas, Nummer 23, hatte einen erheblichen Beitrag dazu geleistet. Ein typischer Sunnyboy mit langen dunklen Haaren und niedlichen Hundeaugen, die von einer Stupsnase gekonnt abgerundet wurden. Sarah war nicht die erste im Netz dieser gewissenlosen Spinne. Unter seiner perfekten Oberfläche brodelte es nur allzu deutlich. Dumm nur, das Liebe bekanntlich blind macht. Man sieht nur allzu gerne über die auf den ersten Blick belanglosen Kleinigkeiten hinweg, um sich voll und ganz diesem wunderbaren Gefühl der Nähe und Geborgenheit hinzugeben. Kein Opfer ist zu groß, Ausrutscher gibt es nicht, schließlich kann alles verziehen oder schlichtweg ignoriert werden. Wen kümmern schon blaue Flecken? Man sei die Treppe runter gefallen, ist eine beliebte Ausrede. Die Wahrheit bleibt dabei immer auf der Strecke und man flüchtet sich in diese wunderbare rosarote Scheinwelt, in der solche Ausrutscher nicht weiter wichtig sind. Regelmäßige Prügel, ein gebrochener Unterkiefer, Vergewaltigungen, eingetretene Türen, neue Adressen, bis dass der Tod uns scheidet. Soweit war es mit Andreas zum Glück nie gekommen.
Mit Matthias war alles anders gewesen. Er war nett, richtig nett. Manchmal war es schon beängstigend gewesen, wie er ihr die Gedanken und Wünsche von den Lippen abgelesen hatte. Ein ganz besonderer Mensch, selbst ihre Mutter hatte ihn geliebt. „Endlich mal jemand, der mein Essen zu schätzen weiß“, hatte sie immer gesagt. Der perfekte Schwiegersohn, doch es hatte nicht sollen sein. Warum? Sie wusste es nicht. Für sie beide gab es keine Zukunft und so, wie es war, konnte es auch nie wieder werden. Wieso nur? Was hatte sie getan? War sie überhaupt schuld daran gewesen? Sicher nicht. Oder doch? Alles war so verdammt kompliziert auf eine Linie zu bringen.
Langsam näherte sich Sarah wieder der Gegenwart. Die Bilder der vorherigen Stunden rauschten nur so vorbei. Ihre Wohnung, die vielen Tabletten, die sie genommen hatte, Matthias Anruf, diese Frau in rot, die freundliche Nutte und sie, von allen verlassen auf den dunklen, fast menschenleeren Straßen der Nacht, alles sauste so schnell vorbei, als wäre sie auf einer steilen Talfahrt, weiter hinab in die Dunkelheit.
Was war heute Nacht geschehen? Sarah war es unbegreiflich. War ihr Verstand schon so vernebelt, dass sie selbst die letzten Stunden nicht mehr klar sehen konnte. Wer war diese Frau im roten Kleid? Was war in ihrer Wohnung geschehen? Warum fühlte sich ihr Körper so anders an? Was hatte sie mit ihr gemacht? Die Stimme in ihrem Kopf war fort. Als wäre sie nie dort gewesen. Ein Gewissen war es offensichtlich nicht gewesen. Vielmehr ein böser Geist, der sie weiter Richtung Abgrund treiben wollte. Doch diesmal nicht. Diesmal würde sie stark sein. Sarah wusste es. Die Stimme war fort und zurück blieben nur diese vielen Fragen.
Die Fahrt ihrer Gedanken endete abrupt, mit einem unsanften Aufprall ihres Kopfes an der Scheibe des Schaufensters. Schwarze Flecken bildeten sich vor ihren Augen, die ihr zunehmend die Sicht nahmen. Das letzte, was Sarah sah, war das Paar roter Wildlederstiefel in der sonst hässlich dekorierten Auslage, dann verlor sie sich wieder in ihre eigene zerstörte Welt.
Sarah öffnete die Augen.
Weiß, wunderschönes klares Weiß, vor ihr erstreckte sich ein langer Gang mit einem beruhigend steril gefliesten Boden. Die ebenfalls makellosen, kahlen, durchgehenden Wände dieses schier endlosen Flures waren systematisch von kleinen Einbuchtungen unterbrochen, in denen jeweils eine nummerierte Tür mit vergoldeter Klinke eingelassen worden war.
Mit Bedacht lenkte Sarah ihre Schritte vorwärts. Jeder von ihnen, war wie ein Schritt in eine bessere Welt.
Hatte sie keine Angst? Natürlich, am liebsten wäre sie schreiend weit weg gelaufen. Jedenfalls war es beim ersten Mal so gewesen. In der Vergangenheit hatte sie schon öfter einen Weg hierher gefunden, meistens in ihren Träumen, sowohl am Tage als auch in der Nacht. Dieser Ort versprühte Geborgenheit und Unheil zugleich, aber mit der Zeit gewöhnte man sich daran.
Hier war ihr einziges Refugium, ihre letzte Festung vor der grausamen Welt da draußen und sich selbst. Immer wenn der Druck zu groß für sie wurde, verschlug es Sarah hierher. Hier war sie sicher, hier fühlte sie sich wohl.
Dennoch hatte es schon eine gewisse Ironie, dass es Sarah ausgerechnet hierher zog. Damals während ihrem Klapsentrip, wie ihn ihre Mutter taktvoll genannt hatte, wollte sie nichts mehr, als diesem ganzen Weiß zu entkommen und jetzt war sie hier, in der wunderbaren Welt ihrer eigenen, kaputten Phantasie. Traurig, dass sie sich nichts Schöneres vorstellen konnte.
Sarah tat viele Dinge an diesem Ort, die sie in der realen Welt nicht tun konnte. Hier war sie frei von allen irdischen Fesseln, die sie sonst zurückhalten würden. Hier konnte sie Trinken, Rauchen, Weinen, Lachen, Musik hören oder nur irgendwo sitzen und in Ruhe nachdenken. Im weißen Gang war sie Sarah und nur Sarah, ohne eine ihrer vielen Masken. Die Welt da draußen war egal, jedenfalls für die Momente ihres Hier seins, Zeit spielte keine Rolle, manchmal kam es ihr vor, als bliebe sie für Wochen und Monate hier.
Unsicher griff Sarah in ihre Hosentasche und förderte zufrieden eine Zigarette zu Tage, die im nächsten Moment schon Feuer fing und brannte. Genüsslich nahm sie einen tiefen Zug. Eine letzte Zigarette, dann noch etwas Musik und alles würde schon gut werden. Sie hatte das Schaufenster und den Schlag von vorhin schon wieder verdrängt, vorläufig. Es ging doch nichts über die Kippe davor.
Sarah blieb stehen. Heute würde es diese Tür sein. Nummer 73 stand in roten Lettern in Kopfhöhe auf ihr, eigentlich war es egal, schließlich gab es zwischen ihr und den anderen keinen wirklichen Unterschied. Diese Zahl fand sich hier überall und die Tür war genauso gut wie jede andere. Die Hand am Griff machte Sarah sich bereit einzutreten, als sie von einer unerwarteten Veränderung eingeholt wurde.
„Aber, aber Mädchen, was tust Du denn hier, so ganz allein?“
Sarah hielt sichtlich erschrocken inne und fuhr herum. Diese beängstigend freundliche Stimme gehörte einem älteren, hageren Mann, der von den edlen Lederstiefeln, über seinen geschlossenen Mantel, bis hin zum einfachen Hut ganz in Schwarz gehüllt war. In seinem blassen Gesicht konnte man nur die im rechten Mundwinkel steckende Zigarre erkennen, an der er genüsslich zog, während er zielstrebig näher kam.
„Du bist Sarah, richtig?“ Er stand nun zwei Schritte vor ihr, Sarah konnte den beißenden Gestank seiner Zigarre auf ihren Lippen schmecken. Die Zigarette war ihr vor Schreck zu Boden gefallen und etwas in seine Richtung gerollt. Beiläufig trat er sie aus.
„J…Ja.“, antworte Sarah zögerlich. „Wer sind Sie?“
„Wer ich bin? Nun, das ist weniger wichtig, Viel wichtiger ist die Frage, wer Du bist?“
„Wer ich bin?“ Sarahs Gesicht spiegelte ihr Unverständnis nur allzu deutlich wieder.
„Ich bin…“
„Sarah Schneider, geboren am 24.12.1985 um 11:34 in Sickels bei Fulda, erste Tochter von Rüdiger und Anna Lena Schneider, geborene Müller, derzeit wohnhaft in der Heinrichstraße 3, du lebst allein in deiner schäbigen Wohnung im zweiten Stock, kein Freund, aber einen herrlichen Blick auf das Hurenhaus gegenüber. Eine erste Liebe hattest du mit vier im Kindergarten, mit einem Jungen namens Daniel, ihr habt euch immer heimlich hinter der Rutsche geküsst. Rauchen tust du seit du elf bist, Kiffen ab vierzehn. Die erste sexuelle Erfahrung hattest du mit 13 Jahren zusammen mit deiner Freundin Chrissy, einem Kondom und einer Gurke. Wirklich kreativ. Drei Anzeigen wegen schwerem Drogenmissbrauch, eine wegen Hausfriedensbruch sowie vier wegen schwerer Körperverletzung.“
Der Fremde in Schwarz stoppte für einen Moment, weniger um seine Zigarre weiter zu rauchen vielmehr ging es ihm um die Wirkung seiner Worte. Sarah starrte ihn nur fassungslos an. Mit einem zufriedenen Lächeln fuhr er in belustigtem Tonfall fort.
„Jemanden mit einem Backblech beim Ritt auf dem grünen Regenbogen den Schädel zu Klump zu schlagen muss wirklich Spaß gemacht haben? Du bist wirklich ein böses Mädchen. In diesem Fall war es richtig, dass Dein Vater dich damals schon das zweite Mal verraten hat.“
Sarah schwieg. Sie wusste einfach nicht, was sie ihm entgegen sollte. Wieso kannte sie dieser Mann so gut? Wer war er? Nur ein Produkt ihrer Phantasie? Vielleicht ein personifizierter Alptraum? Wie war er hierher gekommen? Das war ihre Welt, hier hatte sie die Kontrolle, Niemand hatte hier etwas verloren und schon gar nicht dieser Fremde.
„Sicher erinnerst Du dich auch noch an die Geschichte mit seinem besten Freund. Wie war noch gleich sein Name?“
„Viktor.“ Sarah würgte den Namen mehr mit Abscheu hinaus, als das sie ihm antwortete. Diese Erinnerung war grausam, und sie kam von ganz Weit unten.
„Genau, der gute alte Onkel Viktor. Eigentlich ein wirklich netter Mann, aber das mit der Scheidung war wirklich zu viel für ihn. Kein Haus, kaum Geld, keine Frau, nur der Alkohol und der miese Job als Hausmeister im Kindergarten, kann man es ihm da verübeln, dass er eine Neigung für kleine Mädchen entwickelt hatte?“
Sarah sah ihn entsetzt an. Wenn Blicke schneiden könnten, wäre der Fremde schon ein Haufen kleiner, fein säuberlich gestapelter Stücke.
„Zum Glück hat dich Mäxchen damals vor Schlimmerem gerettet. Der Hund, der beste Freund des Menschen. Selbst in einem abgedroschen Sprichwort steckt doch immer ein Fünkchen Wahrheit, aber mit der gab es für dich ja schon immer Probleme.“
„Niemand hat mir damals geglaubt. Niemand! Nicht mal meine Mutter!“ Sarah schrie ihm die Wahrheit ins Gesicht, irgendwie war es befreiend.
„Und sie glaubt bis heute noch, dass Du alles nur erfunden hast.“
„Woher…?“
Der Fremde in Schwarz schnellte nach vorne, packte Sarah ruckartig am Hals, sodass sie in die Luft gehoben und gegen die Wand neben der geschlossenen Tür hinter sich gestoßen wurde. Zuerst versuchte Sarah noch zu schreien und sich wie eine Furie freizukämpfen, aber er stand einfach nur seelenruhig da, drückte sie mit seiner Hand gegen die Wand und rauchte seine Zigarre, den Rauch sporadisch in ihre Richtung pustend.
„Schrei so viel zu willst. Wenn man alleine stirbt, hört einen niemand schreien.“
Seine Stimme klang genauso freundlich und ruhig wie zu Beginn ihrer kleinen Unterhaltung, dafür begann sich die Umgebung um sie herum mit jeder verstreichenden Sekunde zu verändern. Zuerst die Wände, aus Weiß wurde Rot und sie bekamen langsam Risse, aus denen stetig mehr roter Sand in den kaum noch weißen Gang strömte. Überall knirschte es, und langsam spürte Sarah, wie sie nach hinten in die Wand versank. Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie einen qualvollen Erstickungstod sterben würde.
Schließlich löste der Mann in Schwarz seinen Griff und trat einen Schritt zurück. Auch jetzt war Sarah unfähig sich zu befreien, geschweige denn sich zu bewegen.
Genüsslich nahm er einen weiteren Zug von der Zigarre und betrachtete Sarah wie ein bizarres Kunstwerk, während sie immer tiefer in den Sand gezogen wurde.
Plötzlich stoppte alles. Sarah war völlig hilflos, ihre Arme, die Beine und der Kopf, alles war nun Teil des roten Sandes, lediglich Sarahs Gesicht war bisher verschont geblieben.
„Was denkst du? Zuviel Blut oder noch nicht genug?“
Sie hörte ihn nur noch dumpf durch ihre verstopften Ohren. Sarah wollte ihm antworten, doch der Sand war schneller und zog sie endgültig in das kühle Dunkel der Wand.
Ihre Gedanken rasten. Das ist alles nur ein Traum, verdammt, das ist nicht die Wirklichkeit, oder doch? Nein, das ist nur ein Traum! Verdammt, reiß dich zusammen! Wieso war sie nicht einfach im Bett liegen geblieben und gestorben. Das hätte es so viel leichter gemacht. Dann viel es ihr ein. Für andere nur ein Name, für sie die Erlösung, ihre letzte Chance auf Heilung. „Matthias.“, sie sprach seinen Namen nur leise aus, doch er hallte strahlend, wie von Engelschören begleitet, in der Dunkelheit wieder, endlich sah sie wieder das Licht, es war klar und zum greifen nahe.
„Wach auf, Sarah!“ Es war Matthias Stimme, da war sie sich sicher. Jetzt würde alles wieder gut werden, daran gab es keinen Zweifel. Sie öffnete die Augen und spürte mit einem mal wieder den Druck der harten, realen Welt.
„Wach auf, Schlampe!“
„Hey, ich glaube sie kommt zu sich.“
„Gut, es ist immer schöner, wenn sie dabei wach sind.“
Sarah spürte einen fremden Körper auf ihrem eigenen. Unter sich das kalte Pflaster irgendeiner grauen Gasse der Stadt. Sie nahm alles noch etwas verschwommen wahr, das Gesicht eines Mannes, seine und die Stimmen seiner beiden Kumpels, den widerlichen Gestank nach Alkohol und Zigaretten aus seinem Mund, der jedes Mal näher kam, wenn er ihr Gesicht ableckte, seine widerwärtigen Finger, die vermutlich jeden Winkel ihres Körpers schon einmal erkundet hatten, während sie fort gewesen war, und den festen Schlag seiner Faust in ihr Gesicht, alles war weit, weit weg. Nicht einmal als ihr Kopf danach unsanft auf das harte Steinpflaster knallte, welches mit einem Mal gar nicht mehr so kalt war, verspürte sie den Drang zu schreien. Kraftlos drehte Sarah den Kopf zur Seite, während der Mann, von seinen Kumpels angefeuert, weiter über sie her fiel. Sie wollte nicht mehr weglaufen, dies war wohl das Ende der Linie.
Eine Freundin hatte ihr einmal geraten sich in solchen Situationen einen sauberen Punkt an der Decke oder in der Umgebung zu suchen, einen Ort, der ihr Zuflucht bieten würde, bis alles vorbei war. Leider gab es hier keinen solchen Punkt. Dies war lediglich eine schmutzige, kleine Gasse, kantig und unregelmäßig, lediglich das Blut hellte diese Tristes als eine dauerhafte Konstante auf. Rein, warm und unschuldig, Sarahs Blick verlor sich darin, schließlich gab es hier mehr als genug davon.
Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:27)
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