GamezWorld.de - Forum

GamezWorld.de - Forum, Deine Community

Sie sind nicht angemeldet.

24.08.2005 20:57

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

In Nomine


In Nomine




„73“

„Wenn ich älter bin, werde ich stärker sein!“, der junge Mann, den seine Mutter Daniel getauft hatte wischte sich die letzen Tränen aus dem aufgequollenen Gesicht.
„Glaubst Du das wirklich? Der Zug ist abgefahren, Junge, vielleicht erwischt du den Nächsten.“
„Ich…“, Daniel verstummte. Der Fremde in Schwarz war wortlos über das eiserne Geländer gestiegen und stand nun direkt neben ihm. Gemeinsam blickten sie über den Rand des großzügigen Vorsprungs, der eine hinab, der andere dem Horizont entgegen.
„Ein schöner Abend, findest du nicht?“
„Schön ist relativ.“
„In der Tat.“
„Was tust du hier oben, Junge?“
„Ist das nicht offensichtlich?!“
„Dort unten warten nur Schienen und Steine, gib der Sache noch ein paar Minuten, der nächste Zug kommt bestimmt.“
Der Fremde in Schwarz schmunzelte.
„Rauchst Du?“
Daniel schüttelte den Kopf. „Seit der Therapie nicht mehr.“
„Ist vielleicht ein guter Moment es mal wieder zu versuchen?“
Zögerlich hielt er, die ihm eben angebotene Zigarre zwischen den Fingern, bevor er sich schließlich überwand und es mal wieder versuchte, nur um im selben Moment den grauen Rauch würgenden in die Abendluft zu speien.
Der Fremde in Schwarz verzog keine Miene, nahm die Zigarre wortlos zurück und genoss selbst noch einmal ihre Wärme.
„Aber wer will schon in die Welt da unten, schau lieber nach oben, Junge.“
Daniel hob seinen Kopf, nur kurz, um einen flüchtigen Blick auf das Rötliche, Wolken verhangene Himmelszelt zu erhaschen.
„Nicht so schüchtern, die Engel werden dich schon nicht zerreißen.“
Der Blick des jungen Mannes blieb ungerührt an den Boden in weiter Ferne genagelt.
„Bluthimmel nannten es die Menschen früher, nicht hier, lange vor deiner Zeit. Heute kennen seine genaue Bedeutung nur noch Wenige.“
Er packte Daniel ruckartig am Kopf und riss diesen nach oben, um dessen fragenden Blick im Keim zu ersticken.
„Ich hab gesagt  Du sollst hinsehen! Siehst Du sie etwa nicht?“
„Verdammt lassen Sie mich los! Wen zur Hölle soll ich sehen?“
„Die Schmetterlinge! Wie sie in ganzen Heerscharen zwischen den Wolken lauern, immer bereit ihren Schlummer zu unterbrechen und auf die Menschen hier unten hernieder zu stürzen, sie zu zerfetzen und in ihrem eigenen Blut zu ertränken.“
Daniels Gesicht durchzuckte ein kleiner Aufschrei von Verwirrung, der Fremde in Schwarz löste seinen Griff.
Fragend wandte sich der junge Mann zu ihm. Er nickte.
„Keine Angst. Du wirst sie noch sehen bevor es vorbei ist.“
„Lassen wir uns überraschen.“, Daniel lächelte.
„Jetzt bist du bereit, Junge.“ Es war keine Frage, mehr eine Feststellung.
„Irgendwelche letzten Worte?“
„Wer stillsteht ist tot.“
„Sehr kreativ.“
Daniel schloss die Augen, lehnte seinen Körper nach vorne und übergab sich den Auswirkungen der Schwerkraft. Fließend löste sich seine Gestalt vom Vorsprung und glitt hinab in die Tiefe.
Von innen betrachtet wurde die Welt mit einem Mal langsamer, hier in der Dunkelheit fühlte er sich leicht, hörte das Rauschen des Windes und spürte wie er sich sanft an seinen Körper schmiegte, als wäre er ein guter Freund, der ihn auf diesem letzten Weg ein Stück begleiten wollte.
Kälte war Wärme gewichen, gleich würde es endlich vorbei sein. Daniel öffnete die Augen, verließ das Dunkel und kam zurück ins Abendrot.
Alles war so einfach, es war egal ob sie sich noch mal melden würde, egal dass sie lange nicht gesprochen hatten, egal dass die letzten Monate nur noch Hölle gewesen waren, egal was ist und hätte sein können. Einfach egal.
Komisch, dass man ausgerechnet in solchen Momenten wirklich klar sieht.
„Besser zu spät als nie, Junge.“, hörte er die Stimme des Fremden in Schwarz von irgendwoher durch seinen Verstand wabern.
Und ja, jetzt sah er sie, tausende und abertausende, kleine, Flügel schwingende Soldaten brachen zwischen den Wolken hervor und stürmten auf die Erde hernieder. Es war ein unvergleichlicher Anblick, als hätte der Teufel Gott im Himmel die Kehle durchgeschnitten und sein Blut würde in nicht enden wollenden Strömen, durch die Wolken regnen.
Daniel lächelte, so hätte die Welt seiner Meinung nach bleiben können, doch die Schwerkraft hatte andere Pläne, er wollte es nicht sehen, wollte sich an nichts mehr erinnern, wollte nur loslassen und sterben.
Unsanft, und von einem mehr bis minder lauten Knacken, welches das erfolgreiche Brechen diverser Knochen bestätigte, begleitet, knallte Daniel auf die Bahngleise.
Sein Schädel dröhnte, warmes Blut lief ihm übers Gesicht. Den Stahl der Schienen im Rücken; den Schutt unter seinen Gliedmaßen; er war nicht tot; dafür spürte er alles viel zu sehr.
Daniel öffnete die Augen, das war weder Himmel noch Hölle, der Boden einer weiten Grube gesäumt von Geröll, Unkraut und seinen sterblichen Überresten.
Vorsichtig versuchte er sich zu bewegen, seine Beine schmerzten, aber er fühlte sie noch. Unter anderen Umständen sicher ein gutes Zeichen, im Hier und Jetzt jedoch überaus unpraktisch.
Ein kleiner Schmetterling hatte es sich auf seinem blutigen Handrücken gemütlich gemacht, er versuchte vergeblich ihn zu verscheuchen.
Mühsam richtete sich Daniel unter Schmerzen auf, ignorierte unterwegs das Knacken seiner Fingerknochen, die sich sprunghaft weiter aus ihrer ehemals physiologischen Lage bewegten, und schaffte es in eine halbwegs aufrechte Position zu kommen. Der Albtraum eines jeden Rettungssanitäters, aber im Fall Daniels würde das wohl später an der Feuerwehr hängen bleiben.
Der kleine rote Schmetterling hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Behutsam hob Daniel ihn auf Augenhöhe, und durchbohrte das unschuldige Wesen mit seinem Blick, sah die feinen Äderchen, die seine fleischigen Flügel durchzogen, den winzigen Kopf, der noch keiner Seele etwas zu Leide getan hatte und die schwarzen Füßchen, wie sie standhaft durch das Blut auf seiner Haut wateten.
Verdammt, was hatte er sich dabei nur gedacht. Das Leben konnte schön sein, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings im frischen Morgentau, alles war so einfach, unwichtig, warum? Warum hatte er das nicht früher sehen können?
Die Welt ist grausam, seine Gedanken rasten, doch in diesem Moment, als die immer größer werdenden Frontscheinwerfer des herannahenden Zuges, begleitet vom schrillen Gesang der zum Bersten quietschenden Bremsen, Daniel und den Schmetterling in ein immer heller werdendes Licht tauchten, waren seine Gedanken mit einem Mal glasklar und nur auf ein Wort gerichtet „Verdammt!“



I

Die lange Nacht



„An manchen Tagen sehe ich die Zukunft. An manchen Tagen sehe ich noch weiter. Ich weiß nicht was ich glauben soll. Ich war so lange fort.“



1

‚Ins Dunkel’

Die Zielperson hieß Walter von Hagens und hatte den Raucherwaggon des ICE 782 von Hamburg/Altona nach Basel wie jeden Freitagabend in Kassel/Wilhelmshöhe um 23:17 betreten, sich auf den nächst besten freien Platz gesetzt und eine seiner Lieblingszigarren der Marke PS angezündet. Wir alle kennen diese drei Euro Billigzigarren oder Leute, die mit leeren Aktenkoffern durch die Gegend rennen, um sich wichtiger zu fühlen. Von Hagens war genau so ein kleinbürgerlicher Spießer.
Er arbeitete in Kassel für die dortige Filiale der Allianz Versicherungsgesellschaft und hatte meinen Auftraggeber und die Jakavetta-Familie um ihren Anteil bei einem größeren Versicherungsbetrug erleichtert. Mehr brauchte ich nicht zu wissen, nur dass er deswegen sterben musste.

Walter hatte seine Zigarre gerade erst angezündet und sich nur ein paar Minuten dem Genuss selbiger hingegeben, als er auch schon jäh unterbrochen wurde. Zwei fette Trampel südeuropäischer Abstammung in langen braunen Mänteln kamen den Mittelgang des Waggons heran. Sie hatten die wenigen anderen Fahrgäste auf dieser Seite schon hinter sich gelassen und auch an mir waren sie problemlos vorbeigekommen. Kurz vor Walters Platz schienen beide Männer jedoch in einen heftigen Streit zu geraten und der schmächtigere wurde mehr an ihm vorbei gestoßen, als dass er ging. Dabei wurde von Hagens die Zigarre aus der Hand geschlagen, und das qualmende Mistding landete mitten auf seinem teuren Billiganzug, der kurz darauf zu kokeln anfing. Während er fluchend die Funken mit einer Bahnzeitung auszuklopfen versuchte, schienen die Beiden das Missgeschick nicht einmal bemerkt zu haben und setzten ihren Weg zur Mitte des Waggons fort. Walter erhob sich von seinem Platz und bewegte sich in Richtung des Abteilbereichs sowie der Toilette. Scheinbar wollte er die Ascheflecken mit einfachem Leitungswasser auswaschen. Das kam mehr als gelegen.
Von Hagens genoss jedoch nur einen Teil meiner Aufmerksamkeit. Die andere Hälfte gehörte vollends den zwei Trampeln und der Maschinenpistole, welche kurz unter dem Mantel des kräftigeren Mannes zu sehen gewesen war, als er seinen Begleiter an Walter vorbei gestoßen hatte. Das könnte alles unnötig verkomplizieren oder um einiges interessanter machen. Kaum hatte von Hagens meinen Platz passiert, stand ich auf und folgte ihm.

„Nächster Halt Fulda! Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links. Allen Fahrgästen, die in Fulda aussteigen, wünschen wir noch einen schönen Abend.“

Dieses mechanisch kalt runter geleierte Gerede sägte schon die letzten drei Haltestellen an meinen Nerven. Zum Glück würde ich in Fulda endlich aussteigen. Der Sprecher hatte seine wichtige Nachricht beendet, und von Hagens die Toilette schon fast erreicht. Die Hand am Türgriff schien er zu zögern. Womöglich hatte er etwas Wichtiges vergessen oder es sich einfach anders überlegt.
Mit einem harten Schlag in den Nacken und einer gleichzeitigen Vorwärtsbewegung schob ich von Hagens durch die halbgeöffnete Tür und mit dem Kopf gegen die Wand.
Walter sank leicht benommen auf das Kloset und schien dennoch nur mühsam wieder zu klarem Bewusstsein zu kommen.
Ein kurzer Blick aus dem Fenster. Tunnelbeleuchtung. Der letzte große Tunnel vor Fulda.
Die Klinge des Butterflys blitzte nur kurz im schalen Licht der vergammelten Beleuchtung auf, bevor sie in Walters rechtem Auge und der dahinter liegenden Augenhöhle verschwand. Glaskörper quoll aus dem durchbohrten Augapfel, gefolgt von Blut und Hirnwasser, während die Klinge weiter in seinen Schädel vordrang und Walter von Hagens sein Leben aushauchte. Das verbliebene Auge starrte leblos mit einer Mischung aus Zorn und blankem Entsetzen ins Leere.
Es war getan. Schon in wenigen Tagen würde der Rest der vereinbarten Summe auf mein Schweizer Nummernkonto überwiesen werden. Ich hielt noch einen Moment inne, um meine Arbeit genauer zu betrachten, aber irgendetwas stimmte nicht. Draußen war es viel zu ruhig.

Ein Schuss durchbrach die bedrohliche Stille. „Niemand rührt sich! Alle nehmen sofort die Hände hoch, und wenn keiner irgendwelche Dummheiten macht, wird niemandem etwas passieren!“
Diese Stimme. Nein, das konnte nicht sein. Sie konnte es nicht überlebt haben. Niemals! Es war schlichtweg unmöglich.
Aber wie auch immer. An der akuten Situation änderte es rein gar nichts. Der Job war erledigt, und der Rest theoretisch gesehen simpel. Etwas zur Ablenkung und dann nichts wie weg hier. Eine Ladung C4 in von Hagens linker Innentasche sollte den gewünschten Effekt haben. Es würde so oder so schmutzig werden, also warum nicht gleich die schweren Geschütze auffahren?
Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, dem Fernzünder in der linken und einer Beretta 92 in der anderen Hand verließ ich die Toilette.
Ohne ihre Mäntel sahen die beiden deutlich gefährlicher aus. Sie trugen kugelsichere Westen, aber nur einer hatte die Maschinenpistole. Der andere hatte einen älteren Mann im Würgegriff, welchem ein C4-Gürtel um den Oberkörper geschnallt worden war. Er hatte ihn wohl vorher unter dem Mantel getragen und ihn der nächst besten potentiellen Geisel angelegt, die er nun mit einem 47er Colt an der Schläfe bedrohte, eines dieser Drecks Sechs-Schuss-Teile. Beide standen in der Mitte des Waggons, direkt auf Höhe der Garderobe bei den Kleiderhaken, und hielten von dort aus die übrigen Passagiere in Schach. Ich sah mich auch kurz nach ihr um, doch es war lächerlich zu glauben ich könnte eine tote Frau nach all den Jahren ausgerechnet hier wieder begegnen. Keine Spur, ich hatte es mir wohl wieder nur eingebildet. Liebe war schon komisch, aber zurück zum Programm.
Im allgemeinen Chaos aus Angst, Verwirrung und Neugier der wenigen anderen Fahrgäste war es sicher ein Leichtes die Sache zu Ende zu bringen. Diese beiden waren keine echte Gefahr. Sie waren Training.
Nach ein paar Schritten ging ich in die Hocke und wartete ab. “Das mit den Händen gilt auch für dich da drüben! Los hoch damit und komm hier rüber!“ Zittrig zielte er mit der Maschinenpistole auf mich. Irgendetwas schien ihn nervös zu machen. Seine letzten Worte waren auch nicht gut gewählt. Das sind sie wohl nie.
Für einen Moment schien alles still zu stehen, dann schnellten meine Hände nach oben und eröffneten die erste Ballade der Gewalt in dieser viel zu langen Nacht.


2

‚Kain’

Friedhof. Ort der letzten Ruhe. Für viele aber doch nur ein umzäunter Park mit ach so heiligem Boden, in dem viele hundert Leichen verscharrt werden.
Friedhof. Ort des Gedenkens. Anstatt sie einfach in einem Loch mit kalter Erde zu versenken und in Frieden ruhen zu lassen, erstickt man ihre Gräber mit Gedenksteinen und einem schier endlosen Meer teurer Blumen.
Friedhof. Ort der Jagd. Menschen kommen her um wirklich aufrichtig zu trauern. Sie denken sie seien sicher. Sie alle glauben nicht, dass sie, sobald sie die Pforte durchschritten haben in einem höchst verletzlichen Zustand sind - allein.

Jonas Kain ging gerne auf Friedhöfe. Er war kein gläubiger Christ und auch sonst interessierten ihn die Kirche und ihre - seiner Meinung nach - ketzerischen Ansichten wenig. Es gab für ihn auch niemanden, um den es sich zu trauern gelohnt hätte. Jedenfalls nicht auf dem Friedhof, den er in letzter Zeit regelmäßig besuchte. Er kam einzig und allein aus einem Grund dorthin. Er wollte Menschen kennen lernen. Menschen, die trauerten und eine mitreißende Geschichte zu erzählen hatten.
Jonas Kain war ein Seelenfresser. Zu Beginn seines Wahns ernährte er sich nur von den Leiden und der Qual derer, die er auf seinen nächtlichen Wanderungen traf. Doch mit der Zeit dürstete es ihn nach mehr, und er begann, sie von ihren irdischen Gefängnissen zu lösen und ihre leblosen Hüllen in sich aufzunehmen.
In all den Jahren nach seiner anfänglichen Entwicklung hatte Jonas eine besondere Vorliebe für einsame Frauen mittleren Alters und insbesondere junge Witwen entwickelt. Bei ihnen fand er neben einer herzzerreißenden Geschichte und frischem Fleisch auch die Chance auf Erlösung.
Damals hatte er noch geglaubt, dass eine die Richtige sein würde. Die eine, welche ihn von seinem unstillbaren Hunger nach mehr ein für allemal befreien könnte. Doch im Hier und Jetzt - sieben Jahre und sechzehn auf mysteriöse Weise verschwundene Frauen später - wusste er, dass es diese Frau nicht noch einmal auf dieser Welt gab. Diese Tatsache war für ihn jedoch kein Hindernis sondern eher eine Herausforderung.
Und so war Jonas auch an diesem leicht bewölkten Freitagabend zum Zentralfriedhof in Fulda gekommen, um zu jagen. Es fühlte sich wieder wie einer dieser besonderen Tage an, die er nur allzu gerne bis zum letzten Tropfen auskostete. Schon seit über drei Wochen fanden sich nur überaus unbefriedigende Beute sowie ein paar bedingt ergreifende Geschichten.
Jemand verendete mit siebzehn Jahren qualvoll an einem Gehirntumor, einer achtzigjährigen Frau hatte ein Aufzug bei lebendigem Leibe beide Beine abgetrennt, und ein kleiner Junge war beim Spielen vor einen Laster gerannt. Eine Beerdigung ohne offenen Sarg aber sonst nichts Weltbewegendes.
Aus lauter Frust hätte er in der vergangenen Woche beinahe einen alten Mann angefahren. Jonas konnte sich gerade noch beherrschen. Er hatte schon seit Tagen die Todesanzeigen der Fuldaer Zeitung verschlungen. Immer auf der Suche nach etwas Besonderem. Am Mittwochmorgen wurden seine stillen Gebete schließlich erhört.
Ein gesuchter Serienvergewaltiger war zwei Tage zuvor bei einer dreiköpfigen Familie eingestiegen. Leider waren nur Vater und Sohn zu Hause. Aus lauter Enttäuschung darüber, dass die Mutter Nachtdienst im Städtischen Klinikum hatte, schlachtete er statt ihrer die beiden auf bestialische Weise. Vom grausamsten Ritualmord in der Geschichte Fuldas war da die Rede. Er musste gar nicht weiter lesen. Jonas konnte sich die Details sehr gut vorstellen. Dennoch weckten die Bilder des Tatorts und der verzweifelten Witwe sein Interesse. Sie war zwar noch zu frisch, aber er hatte keine Wahl. Noch eine Woche würde er so nicht durchstehen können. Dazu war das letzte Mal schon zu lange her.
Die Beerdigung hatte gestern am frühen Abend im kleinen Kreise der Angehörigen stattgefunden. Er wäre gerne dabei gewesen. Berufliche Pflichten hatten dies jedoch verhindert. Für jemanden wie ihn gab es nichts Schöneres als eine Beerdigung. Von der Jagd und dem anschließenden psychischen und physischen Ausweiden der Beute mal abgesehen.
Jonas war verzweifelt genug. Der immer größer werdende Hunger raubte ihm langsam den Verstand.
Er hatte den ganzen Abend ungeduldig in seinem Wagen - einem dunkelblauen BMW 750i - vor dem Friedhof gewartet. Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr, fünf Minuten nach Mitternacht. Die Viertelstunde Vorsprung sollte genügen. Kräftige Hände glitten in die schwarzen Handschuhe, welche er normalerweise im Handschuhfach aufbewahrte. Gleich neben dem Kabelbinder und der Flasche mit Chloroform. Aus Erfahrung wusste er, dass die meisten Witwen in den ersten Nächten nach der Beisetzung ihres Geliebten an dessen Grab zurückkehrten, um ein letztes Mal mit ihm allein zu sein.
Jede hatte ihre persönlichen Gründe für diesen letzten Besuch. Sei es zum stillen Gedenken, sei es, um ihm ihre Sünden zu beichten, mit sich selbst ins Reine zu kommen, oder nur, um auf sein Grab zu spucken und danach einen Joint zu rauchen.
Jonas stieg aus und näherte sich langsam dem östlichen Eingangstor. Der Zentralfriedhof hatte vier Eingänge, aber nur der östliche hatte einen vernünftigen Parkplatz, an dem man nicht sofort eingesehen werden konnte. Weit und breit war niemand zu sehen. Wer geht auch an einem Freitagabend um diese Zeit schon aus normalen Gründen auf einen Friedhof?
Vorsichtig öffnete Jonas das rostige Tor, auf dem schon die zweite Generation geschmackloser dunkelgrüner Farbe abblätterte. Wäre es heller Tag gewesen, hätte man noch einen Hauch von Dunkelrot aus vergangenen Tagen erkannt.
Zum letzten Mal kontrollierte er seine MK23 im Schulterhalfter, prüfte, ob der Schalldämpfer auch fest genug saß. Alles in Ordnung. Mit seiner langjährigen Erfahrung zweifelte Jonas zwar nicht mehr an seinem Können, dennoch war es gut zu wissen, dass es auch einen Plan B gab. ‚Im hinteren Drittel, die zehnte Reihe von links, das fünfte Grab auf der rechten Seite.’ Stand auf dem Notizzettel, welchen er sich im letzten Licht des Tages gemacht hatte. Aber er war nicht mehr nötig. In seinem derzeitigen Zustand hätte Jonas den Weg auch blind gefunden.

Alleingelassen lag sie da und sah, wie grausam doch die Güte war. Sie war hergekommen, um sich nahe bei ihrem Liebsten das Leben zu nehmen, und nun war sie überwältigt, gefesselt, geknebelt und mit zahlreichen Schnittwunden massakriert worden.
Es war derselbe, der auch ihre Familie getötet hatte. So viel hatte er sie vorher wissen lassen. Was er mit ihr vorhatte, wusste sie genau, und sie würde sich mit jeder Faser ihres Körpers dagegen wehren. Wenn sie nur an das Klappmesser in ihrer Handtasche kommen könnte. Es ging nicht. Die Fesseln waren einfach zu fest. Unter Schmerzen drehte sie sich auf die Seite, um einen Blick auf das zu erhaschen, was er tat. Die komplett in Schwarz gekleidete Gestalt, die mit einer bizarren Holzmaske ihr Gesicht verdeckte, kniete am Boden und war fieberhaft damit beschäftigt, etwas um sie beide und das frische Grab ihres Mannes auf den Boden zu zeichnen. Neben ihm lag eine Tüte, in der sie rote Kerzen und einen kleinen Lederbeutel erkennen konnte. Was sich darin befand, würde sie wohl noch früh genug erfahren. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis es endlich vorbei sein würde. Auch wenn ihr die Art nicht gefiel, war sie im Nachhinein doch froh, auf diese Weise sterben zu können.
Was war das? Ein Schatten. Das konnte doch nicht sein? Oder doch? Ja, da war er wieder. Er war langsam den Weg entlanggekommen und hatte wohl die Lage, in der sie sich befand, richtig eingeschätzt. Nun schlich er sich von Grab zu Grab heran.
Das leise Knacken eines Astes. Der Maskenmann fuhr hoch und sah sich um. Ein instinktiver Blick nach links. Ein leises Rascheln im Gebüsch hinter ihm. Das Knacken eines weiteren Astes. Er drehte sich blitzartig um, griff in die Tüte und holte ein kleines Beil hervor. Vor Wut schnaubend sah er sich erneut nach allen Seiten um, dann fiel sein Blick zurück auf sein Opfer.
Wären das viele Blut und die Schnittwunden nicht gewesen, hätte man das schöne schwarze Kleid womöglich besser gesehen. Es war wirklich bedauerlich. Schließlich hatte sie es sich extra für diesen Anlass gekauft. Sie wollte doch eine schöne Leiche auf den Fotos sein, die in den nächsten Tagen die ersten Seiten der Zeitungen zieren würden. Und jetzt war dieser Moment für alle Zeit ruiniert worden. Wo einen das letzte Bisschen falscher Stolz manchmal hinführen kann, ist wirklich beeindruckend.

So wie sie jetzt war, gefiel sie ihm durchaus besser. Er hatte ihrem Lebenssaft in mühevoller Kleinarbeit unzählige Möglichkeiten gegeben hinaus ins Dunkel zu kommen. Sie war nun fast perfekt. Blickte man in seine Augen spürte man förmlich das Feuer seines unbändigen Verlangens. Endlich war es soweit, der Maskenmann konnte mit seinem Ritual des Blutes beginnen. Die Welt um ihn herum hörte auf zu existieren. Hier waren nur noch er und seine Beute. Er war schon im Begriff das Beil zur Seite zu legen, als die ersten gedämpften Schüsse abgefeuert wurden. Eine Kugel zerfetzte die Hand, in der er eben noch das Beil gehalten hatte. Zwei weitere durchschlugen den Brustkorb und die Letzte perforierte ihm die linke Kniescheibe.
Das Beil landete im Gras gefolgt von der maskierten Gestalt, die rücklings nach hinten auf das von ihr sorgsam präparierte Grab fiel. Jonas schnellte mit der Waffe im Anschlag aus seiner Deckung und gab dem blutüberströmten, wimmernden Häufchen Elend mit drei gezielten Schüssen den Rest, Genitalien, Herz und Kopf. Vergewaltiger und Kinderschänder haben nichts anderes verdient.
Soviel dazu. Er schraubte den Schalldämpfer von der MK23 und ließ ihn in seinem Mantel verschwinden, dann holsterte er sie wieder, hob das Beil auf und wandte sich der Frau am Boden zu.
„Alles in Ordnung?“ Ein schwaches Kopfschütteln. Vorsichtig entfernte Jonas ihren Knebel und durchschnitt die Fesseln mit dem Beil. „Mein Name ist Jonas Kain. Ich werde Ihnen helfen. Können Sie laufen?“ Ein leichtes Nicken. Er half ihr auf die Beine und schleppte sie ein Stück den Weg Richtung Osttor entlang, bis sie das Bewusstsein verloren hatte, und er sie mit beiden Händen den Rest des Weges zu seinem Wagen tragen musste.
Mit großem Bedacht wickelte er ihren geschundenen Körper in eine Decke und verstaute sie im Kofferraum. Nachdem Jonas diesen wieder geschlossen hatte, hielt er einen Moment inne.
Diese Stille. Herrlich! So konnte er am besten nachdenken. Er musste sich nur eine neue Zweitwaffe besorgen. Sonst dürfte er keine Spuren hinterlassen haben. Ob sie die Richtige war? Das würde er später herausfinden. Sofern sie dann noch am Leben war. Zufrieden stieg Jonas ins Auto und wollte sich eben noch eine Zigarette anzünden, als die Melodie von Beethovens Unvollendeter die Stille beendete.
Er drückte den Knopf für die Freisprechanlage und entzündete die Zigarette.
„Oberkommissar Kain?“
„Ja?“
„Hier ist die Zentrale. Es gab einen Zwischenfall am Bahnhof. Womöglich ist von einem terroristischen Anschlag auszugehen. Hauptkommissar Höfner verlangt ihre sofortige Anwesenheit!“
„Ach wirklich? Sagen Sie ihm, ich komme, so schnell ich kann. Muss vorher nur noch eine Freundin zu Hause absetzen.“
Jonas legte auf und startete den Wagen. Seine Nacht des Blutes hatte gerade erst begonnen.

Beitrag geändert von Askeron (25.08.2010 16:14)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

24.08.2005 21:54

Foolish Fox Furry
fgsfds
Ort: Sparta
Registriert: 28.02.2003
Beiträge: 2803

Re: In Nomine

Wunderbare Geschichte! Mitreißend und spannend, sachlich und genau, so mag Ich das :D. Für ein Erstlingswerk, sehr beeindruckend, wirklich. Hier und da vielleicht noch ein paar Rechtschreibfehler, aber Niemand ist Perfekt ;).

Offline

25.08.2005 13:27

solitaire
ImForumSchlaefer
Ort: KA
Registriert: 18.03.2002
Beiträge: 2514
Web-Seite

Re: In Nomine

Sehr gut und spannded geschrieben.
Wo kann man das kaufen?
;-)

Nur hier hatte ich Probleme:

Vor Wut schnaubend sah sie sich nach allen Seiten um. Dann viel ihr Blick auf die Geisel. Sie war im Begriff die Hand zu heben und mit dem Beil auf sie einzuschlagen

....sie...v(f)iel ihr...Sie....sie

Man verliert etwas den Überblich wer mit den vielen "sie" jeweils gemeint ist.


spider solitär
http://home.arcor.de/amigasolitaire
http://solitaire.gamezworld.de/bilder/baguette.gif

Offline

12.09.2005 21:54

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

Erstmal Danke für eure Meinungen. Zwar nur zwei, aber immerhin ;) Ist mittlerweile ganz schön viel geworden und der Stoff ist sicher nicht jedermanns Sache. Das erste Kapitel nähert sich mit großen Schritten seiner Fertigstellung. Zwei Abschnitte sind noch in Arbeit. Hoffe das ich sie diese oder nächste Woche fertig bekomme. Vielleicht auch früher. Mal sehen  :D In jedem Fall wird es weiter gehen. Alles nur noch eine Frage der Zeit.


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

15.09.2005 11:55

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

3

‚Roter Sand’

Schon mal bis zur Unkenntlichkeit verbrannt worden? Sicher nicht. Lasst es mich kurz beschreiben. Bei zirka 2000 Grad schmilzt Stahl wie Butter in unbarmherziger Mittagsonne. Eine normale C4-Explosion brennt nicht so hoch, ist in ihrer verheerenden Wirkung aber durchaus ebenbürtig.
Zunächst spürt man nichts. Es ist einfach zu heiß. Das Feuer versengt Haare sowie die obere Hautschicht. Im Schnelldurchlauf kommt es zur Blasenbildung, Flüssigkeit tritt aus, verdampft in der nächsten Sekunde jedoch wieder, während sich die Flammen tiefer in deinen Körper fressen, um weitere Hautschichten samt Nervenbahnen hinab bis auf die Knochen zu verbrennen. Der Gestank deines brennenden Fleisches steigt dir in die Nase und unbeschreiblicher Schmerz wird dir durch die Impulse der letzten noch intakten Nerven vermittelt. Du willst schreien, kannst es aber nicht. Innerhalb weniger Sekunden, hast du dich von der aktuellen Spitze der Evolution zu einem dem Tod geweihten Stück Dreck zurückentwickelt, das nicht mal mehr um den Gnadenstoß betteln kann. Wenn dich diese Gewissheit nicht tötet, schaffen es sicher der Volumenmangelschock oder das durch die Giftstoffe deines verbrannten Fleisches verursachte Nierenversagen.

Stille. Ich öffnete die Augen. Ich war allein, ewige Finsternis umgab mich. Genauso wie die süße Qual des Schmerzes. Mein ganzer Körper fühlte sich an, als hätte man mir die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen, mich mit Honig eingerieben und auf einen Nesthügel Feuerameisen geworfen.
Ob es wahr ist, dass man im Augenblick des Todes sein ganzes Leben noch einmal vorm inneren Auge ablaufen sieht? In meinem Fall sicher eine interessante Erfahrung.
Jeden Augenblick rechnete ich mit Bildern aus meiner nicht gerade bilderbuchhaften Kindheit. Rückblicke in das Viertel, in dem ich aufgewachsen war. Die Schule, die ich einst heimgesucht hatte. Freunde und Feinde, die ich mir dort gemacht hatte. Das Leben danach. Menschen, die mich auf meinem bisherigen Pfad begleitet hatten. Mein Bruder. Das Ende seiner Familie. Sicherlich auch jeder einzelne meiner Aufträge. Sie würden alle mit offenen Armen in der Hölle auf mich warten.
Alles blieb schwarz und nichts dergleichen geschah. Keine Bilder, keine Menschen. Hier waren nur die Dunkelheit und ich, zusammen, allein für immer.
War ich tot und dies ein Vorhof zur Hölle? Was war geschehen? Ich versuchte mich zu erinnern. Alles war so wirr. Und endlich kamen sie. Anfangs waren sie verschwommen, aber es reichte.

Der zerfetzte Oberkörper eines alten Mannes am Boden des Mittelganges in einem Passagierwaggon, überall sehe ich Blut und Gedärme. Etwas abseits liegen seine Beine und der restliche Unterkörper.
„Wie lange habe ich schon auf Dich gewartet?“ Diese Stimme, so vertraut. Wem gehörte sie?
Menschen, Sitze, Gepäck und Fenster werden von Kugeln zerstört. Ihr Geschrei und zweckloses Gewimmer sind wie Musik in meinen Ohren.
Ein Mann in kugelsichererer Weste schießt mit einer Maschinenpistole wild schreiend wahllos um sich.
Ich spüre eine Waffe in meiner Hand. Sie ist wie ein alter Freund, der mich zum Spielen einlädt. Ich hebe den Arm und drücke einmal ab, mehr ist nicht nötig.
Die Kugel trifft ihn am Hals. Blut spuckend sinkt er zu Boden, krampfhaft seine Waffe umklammernd.
Ein harter Schlag auf den Hinterkopf wirft mich zu Boden. Die Welt wird wieder verschwommen, rötliche Wärme umfängt mich.
„Hoffst Du, dass es nun zu Ende sein wird?“
Das Geräusch des Entsicherns einer Pistole. Ich spüre ihren Lauf an meinem Hinterkopf.
„Dein Tod ist nur ein Anfang.“
Eine Explosion erschüttert den Waggon. Feuer durchbricht die gläserne Zwischentür und kommt immer näher, zerfrisst alles auf seinem Weg zu mir. Schüsse werden abgefeuert. Ich spüre die Treffer nicht mehr. Alles geschieht so schnell. Es ist da.

Ich war wieder zurück in der Dunkelheit. Schreien, danach war mir jetzt zumute, doch selbst Atmen fiel mir schwer. Der Geschmack von kaltem Sand verstopfte meinen Mund und füllte meine Lungen. Verzweifelt versuchte ich mich zu bewegen, überall war dieser drückende Schmerz. Ich konnte ihn berühren, mich befreien. Nur noch weg von hier, weiter nach oben.
Mein linker Arm durchbrach das sandige Erdreich und stieß hinaus ins Freie. Sengende Hitze und schneidender Wind empfingen mich. Vorsichtig befreite ich den Rest meines Körpers.
Überall war dieses grelle Licht. Meine Augen schmerzten. Angewidert würgte ich den Sand aus meinem Hals. Frische Luft, frei Atmen und dieses kribbelnde Gefühl feiner Körner machte sich auf meiner Haut bemerkbar. Der Schmerz war fort.
Schließlich gewöhnten sich meine Augen an das Licht, und alles wurde klarer. Was war das? Roter Sand? Nein, dass konnte nicht sein. Wo war ich? Im Grunde war es nebensächlich. Ich lebte noch und war frei, das war alles, was im Moment zählte. Erschöpft drehte ich mich um und mein Blick fiel auf den Himmel. Blau, herrliches, schönes Blau. Nirgends eine Wolke, die die schwarzen Sonnen verdeckte.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:14)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

15.09.2005 11:56

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

4

‚Pandora’

In der griechischen Mythologie wird sie als die erste Frau auf Erden bezeichnet und heute sogar in manchen Konfessionen mit der christlichen Eva gleichgesetzt.
Pandora wurde auf Geheiß des Göttervaters geschaffen und von den Göttern mit unglaublicher Schönheit versehen. Sie wurde auf die Erde gebracht, um die Menschheit für den Diebstahl des Feuers zu bestrafen.
Pandora wird auch als das schöne Übel bezeichnet, denn sie brachte eine unheilvolle Büchse mit sich, die ein törichter Narr neugierig öffnete und so aus ihr alle Schrecken und Seuchen befreite, welche fortan ungehindert über die Menschen herfielen.
Am Boden der Büchse lag noch die Hoffnung verborgen, doch bevor diese entweichen konnte, wurde sie wieder verschlossen.

Es war nur ein unbedeutendes Stück Plastik, in schlichtem Grün gehalten und etwa acht Zentimeter lang. Ein goldfarbener Streifen durchzog seine Mitte oberhalb eines kleinen Fensters, welche den Blick auf den dunkelblauen Inhalt freigab.
Stefan ließ den Füller fallen und wandte sich wieder dem Spiegel zu. Irgendwie war es seltsam, dass so ein kleines Ding  Welten verändern konnte.
Dass es so beginnen würde, überraschte ihn nicht weiter, auf der anderen Seite war es eigentlich schon längst überfällig gewesen.
Fasziniert fuhr er mit dem Finger über das Antlitz seines blutbenetzten Ebenbildes. Er war immer noch derselbe, daran gab es keinen Zweifel, und dabei hatte der Abend so viel versprechend begonnen.

„Stefan Paul Dierkes! Wo steckst Du schon wieder?! Du elender Taugenichts! Du solltest mir doch im Keller helfen. Komm sofort hier runter!“
Stefan hatte derzeit drei Probleme. Dies war eines davon.
„Ja, Mutter. Ich bin gleich unten!“
Die letzten zwei Stunden hatte er auf seinem Bett gelegen und fieberhaft an einem Gedicht für seine Angebetete gearbeitet. Stefans Begabung in diesem Bereich war unglücklicherweise sehr beschränkt, aber was sollte man auch von jemandem erwarten, dessen Erfahrungen mit Gefühlen und dem anderen Geschlecht derart verkrüppelt waren. Leider war es nicht der einzige Grund, warum er so viel Zeit an diese paar Zeilen Gekritzel, die seine Empfindungen zum Ausdruck bringen sollten, verschwendet hatte.
Seine Gedanken schweiften immer wieder hinüber zum Schreibtisch und dem grauen Koffer, der davor auf dem Boden stand. Den Gedanken ihn zu öffnen und sicherzugehen, dass noch alles in Ordnung war, hatte Stefan schon längst verworfen. Es wäre auch unklug gewesen die Familie durch zu viel Neugier derart zu verärgern.
Ihre Familie, darum drehte sich derzeit alles. Er brauchte ihren Segen und dank des Koffers hatte er endlich einen Fuß in der Tür. Sein Inhalt war ein Preis, den er nur zu gern zahlte.
Die Tür des Zimmers wurde unvermittelt aufgestoßen, und Stefans Mutter stürmte herein. „Was zur Hölle treibst Du hier so lange? Du solltest mir doch im Garten helfen!“
Was ein leichter Ansatz von Alzheimer und Demenz bei einem ehemals geistig gesunden Menschen anrichten kann, ist wirklich erstaunlich.
Wie vom Blitz getroffen schrak Stefan hoch. Aus seiner Gedankenwelt gerissen führten ihn seine ersten klaren Gedanken wieder zum Koffer. Ebenso wie den Blick seiner Mutter.
„Wo hast Du den denn her? Sicher geklaut, so einen teuren Koffer kannst Du dir gar nicht leisten! Was ist da drin?“
Die Gedanken rasten durch Stefans Kopf. Warum war er nur so unachtsam gewesen? Den Schlüssel für die Tür hatte sie ihm schon vor Jahren weggenommen, aber er hätte den Koffer besser verstecken sollen. Wieso hatte er es nicht sofort getan? Die Inspiration war über ihn gekommen, just in dem Moment, als er es tun wollte, und er hatte sie dankend angenommen, um komplett von ihr verschlungen zu werden und die Welt um sich herum dabei völlig zu vergessen.
„Nichts. Den bewahre ich nur für einen Freund auf“, entgegnete er ihr unsicher.
„Einen Freund also? Oder ist es etwa diese kleine Schlampe, von der Du immer redest? Dieses Flittchen, das dir den Kopf verdreht hat?“
Sie hatte den Koffer aufgehoben und auf den Schreibtisch gelegt. Stefan konnte ihr nur hilflos dabei zuschauen.
„Wollen doch mal sehen, was Ihr beiden Turteltäubchen Lasterhaftes da drin versteckt habt.“ Ungeduldig versuchte sie den Koffer zu öffnen. Wie erstarrt saß Stefan da und konnte sich nicht rühren. Der Schock saß zu tief. War er so leicht zu durchschauen? All diese Wochen der Vorbereitung waren kurz davor zunichte gemacht zu werden. Jeden Augenblick würde es soweit sein. Er musste handeln!
„Ja, jetzt schweigst Du wieder. Du elender Schwächling. Was würde nur dein armer Vater dazu sagen, wenn er noch bei uns wäre. Er würde genau wissen, wie man dir diese Flausen aus dem Kopf prügelt.“
„Ich weiß nicht. Vielleicht fragst Du ihn einfach, wenn Du ihn in der Hölle triffst?“ Stefan war aufgestanden und hatte seinen rechten Arm um ihren Hals geschlungen. Seine Gedanken waren noch nie so klar, wie in diesem Moment gewesen.
„Was fällt dir ein? Du undankbarer Bastard! Lass mich los! Lass mich sofort los!“ Er konnte die Überraschung in ihrer Stimme förmlich schmecken und das, was als nächstes geschah, war für Helena Dierkes auch mehr als überraschend.
Die erste Wunde, die ihr der Füller links am Hals zufügte, war nicht der Rede wert. Nichts desto trotz blutete sie mehr als ausreichend, und der Schmerz war sicher unerträglich.
Danach kam für Stefan eines zum anderen. Er konnte nur noch weiter nach vorne laufen, der Weg zurück war versperrt.
Verzweifelt versuchte seine Mutter, sich aus dem Griff zu befreien, was ihn dazu veranlasste, noch fester zuzugreifen und den Füller immer weiter in ihren Hals zu rammen. Immer und immer wieder stach er zu. Das Gefühl frisch vergossenen, warmen Blutes auf seinem Gesicht und an seinen Händen regte ihn nur mehr dazu an. Schließlich löste sich das Leben von ihr, und er ließ ihren Körper zu Boden gleiten.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Stefan hatte es schon so lange tun wollen. Es hätte schon längst passiert sein müssen. Sie war die letzte Hürde zwischen ihm und seinem neuen Leben gewesen. Heute hatte sie die schicksalhafte Linie einmal zu oft überschritten. Heute war alles egal. Heute hatte er den ersten Schritt auf einem Pfad in eine bessere Zukunft getan. Heute hatte er mit seinem alten Leben abgeschlossen, ein für allemal. Er war endlich frei.

Blut, überall war noch Blut, ihr Blut, der ganze Raum war voll davon. Was für ein einmaliges Kunstwerk er doch geschaffen hatte. Schwer atmend schaute Stefan hinüber zur ebenfalls besudelten Uhr an der Wand über dem Schreibtisch, 20:55, zwei Stunden noch. Er hatte sich geduscht und seine blutige Kleidung auf einen Haufen neben ihren leblosen Körper geworfen. Der Rausch des Tötens war vorüber und langsam kehrte sein Verstand wieder zu ihm zurück.
Er hätte alle Zeit der Welt hier aufzuräumen und sich zum Treffpunkt aufzumachen. Aber warum sollte er? Es war fast perfekt, und hierher zurückkehren würde er sicher nie wieder.
Großzügig verteilte er den Inhalt der kleinen Flasche Feuerzeugbenzin in seinem Zimmer und auf der Leiche seiner Mutter. Anschließend holte er seinen Mantel aus dem Schrank und warf ihn sich locker über. In der rechten Innentasche hatte er Zigaretten, Streichhölzer und ein Feuerzeug.
Mit etwas Klebeband befestigte Stefan die Zigarette an der Streichholzschachtel, legte selbige vorsichtig auf den benzingetränkten Haufen Kleider und entzündete die Zigarette mit dem Feuerzeug. Das sollte ihm den nötigen Vorsprung verschaffen.
Bevor Stefan den frisch gereinigten Koffer nahm und sein Elternhaus endgültig verließ, beugte er sich zu seiner Mutter hinunter und küsste sie sanft auf die Stirn.
„Danke für alles.“
Sein Abschied blieb unbeantwortet. Helena Dierkes schwieg, während ihre leblosen Augen noch immer weit offen standen und ihm den gleichen verächtlichen Blick wie in all den Jahren zuvor zuwarfen.

Ein paar Straßen weiter fuhren diverse Feuerwehrwagen mit lautem Sirenengeheul an Stefan vorbei. Neugierig drehte er sich um und schaute noch mal für einen kurzen Moment zurück. Dunkle Rauchwolken stiegen in der Richtung auf, in der das Haus stand, in dem er so lange gewohnt und gelitten hatte.
Das letzte Aufflackern einer Person, die er nie wieder sein wollte. Stefan wandte sich endgültig davon ab. Es sollte ihn nicht mehr kümmern. Dieses Leben war vorbei, und doch würde ein kleiner Teil davon auf Ewig seine Seele beflecken.
Er ging weiter und mit jedem Schritt wurde ihr Bild immer strahlender. Es war wie eingebrannt in seinem Kopf, Pandora, wunderschöne Pandora. Bald bin ich bei dir, mein Engel.

Kurz bevor seine Häscher Prometheus erreichten, konnte er noch die Hoffnung aus der Büchse befreien.

Beitrag geändert von Askeron (26.04.2008 19:59)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

10.10.2005 18:03

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

5

‚Auf den Straßen der Nacht’

Jonas löste seinen Griff vom Unterarm der Frau. Der Puls war eindeutig zu hoch, aber in der aktuellen Situation erschien das durchaus angemessen. Zeit und die notdürftigen Verbände dürften ihr Übriges tun den Tod noch etwas zu vertrösten.
Nadja Klüber war wirklich etwas Besonderes, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Wie ein gefallener Engel lag sie aufgebahrt vor ihm auf dem sorgfältig mit Plastik verkleideten Tisch, bewusstlos und ihm vollkommen ausgeliefert.
So zugerichtet wie sie war, würde sie nirgendwohin kriechen, geschweige denn gehen können. Selbst wenn sie Gelegenheit zum Schreien gehabt hätte, wäre ein Knebel nicht nötig gewesen. Hier unten hatte man nicht mal das melodische Kreischen seiner Kettensäge und die Qualen ihrer ersten Opfer hören können, bei Nadja würde es nicht anders sein.
Es war mehr als angemessen für sie wieder zum Anfang zurückzukehren. Hier hatte alles begonnen, und hier könnte es auch ein für allemal enden. Endlich frei sein, ein normales Leben führen können, und das Gesicht nie wieder hinter einer bröckelnden Maske verstecken müssen. Solch eine Vorstellung war einfach zu schön um wahr zu sein.
Jonas konnte seinen Blick nur mit Mühe von ihr abwenden. In solchen Momenten hatte die böse Seite einen weitaus größeren Einfluss auf sein Denken, doch schließlich blieb die Vernunft wie so oft der alleinige Sieger.
Ein letztes Mal prüfte er den Sitz des Panzertapes, welches Nadjas Körper von der Stirn abwärts an den relevantesten Extremitäten umschloss, und sie mit dem Tisch eins werden ließ.
„Alles kommt wieder in Ordnung. Ich sehe es, und Du wirst es auch bald sehen.“

Wie der schleichende Tod kam die Nacht über die Stadt. Schlagartig verdichtete sich der Himmel über ihr, und dunkle Wolken stärkten den undurchdringlicher werdenden Wall am ehemals sternenklaren Firmament.
Weit unter ihnen erstreckte sich ein kaum enden wollendes Lichtermeer. In den verschiedensten Farben verteilte sich der helle Schein aus den Häusern, hinaus auf die unzähligen Straßen, auf denen die Autos wie das Blut durch die Adern eines Körpers ungleichmäßig dahin flossen, und ihre Menschen einen letzten Abend in der alten Welt genossen. Sie liebten es zu feiern, und so gingen die Menschen aus der Stadt, wie jeden Abend, ihren nächtlichen Beschäftigungen nach.
Da gab es einzelne Säufer und Landstreicher, die schon zu früh zu viel getrunken hatten und nun ziellos durch die Straßen irrten, Paare, die gerade das Kino verließen und sich in einer Bar oder Kneipe noch etwas mehr Anregung auf den restlichen Abend holen wollten, die vielen Gruppen Jugendlicher, die im Grunde dasselbe Ziel hatten, die Alten, die einfach nur in Ruhe etwas trinken und diesen ruhigen Tag friedlich ausklingen lassen wollten und letzten Endes der dreckige Rest, einsame Streuner, die einfach nur durch die Straßen zogen auf der Suche nach etwas.
Sei es ein freier Platz, um mit dem gemütlichen Teil des Abends beginnen zu können, sei es Streit um die aufgestauten Aggressionen der letzten Tage auf einmal raus zu lassen, und das nach Blut lechzende Tier in sich wieder für eine Weile ruhig zu stellen, oder sei es die Jagd nach dem schnellen Glück. So unterschiedlich sie auch waren, eines blieb ihnen allen doch gemein.
Schicksal würden es manche nennen, einen schrecklichen Zufall andere. Was sollte man schon dazu sagen? Es geschah, und das Leben ging einfach weiter. Niemanden kümmerte es. Wieso auch? Es hatte nichts mit ihnen zu tun und beeinträchtigte den weiteren Ablauf ihres Lebens in keinster Weise. Die grausame Gleichgültigkeit mancher Menschen ist wirklich bewundernswert.

Von weit oben schien alles so fern. Die gewaltigen Rauchwolken, die vom Hauptbahnhof aufstiegen, waren nicht wirklich nah. Man sah nur das flackernde Licht des Feuers und die Schatten, wie sie über die Wände der angrenzenden Häuser tanzten.
Eine bedrohliche Ruhe lag mit einem mal über der Stadt, die vom jäh einsetzenden Regen unterbrochen wurde. Tausende kleine Tropfen fielen vom Himmel auf sie hernieder. Es war, als wäre ein Dach über der Welt, und sie alle waren darunter gefangen, wie ein Schwarm Ameisen in einem dieser engen, mit Sand gefüllten Schaukästen, hilflos dem Willen ihres Besitzers ausgeliefert.

Der Regen hatte eingesetzt, als Jonas sich auf der Frankfurter Straße gerade durch den für Freitagabend ungewöhnlich dichten Verkehr gekämpft hatte. Etwas später erwarteten ihn in der Innenstadt jedoch menschenleere Straßen, die nur wie ein weiterer Nebeneffekt schienen, und als er in die Zufahrt zum Peterstor, einem kümmerlichen Rest der ehemaligen Stadtmauer, einbiegen wollte, traf er schon auf die erste Straßensperre.
Zwei Autos und etwas Stacheldraht. Nichts Wildes eigentlich, für Fuldaer Verhältnis jedoch Vorboten einer kleine Apokalypse.
Ein junger Polizist im orangefarbenen Regendress versuchte Jonas mit hektischem Umherschwingen seiner Signalkelle an der Weiterfahrt zu hindern. Er kannte sein Gesicht nur flüchtig vom Revier.
Pflichtbewusste Neulinge waren eine wahre Rarität in den örtlichen Berufskreisen. Für Jonas und die meisten seiner Kollegen waren sie nur unerfahrener Ballast. Wer seine Zeit nicht in Frankfurt begonnen hatte, hatte Fulda nicht verdient.
Wie ihm geheißen wurde hielt er den Wagen an und ließ das Automatikfenster herunter.
„Guten Abend. Dies ist zurzeit ein polizeiliches Sperrgebiet. Hier haben Zivilisten keinen Zutritt. Fahrzeugschein und Papiere bitte.“ Und dazu dieses diszipliniert aufgesetzt freundliche Lächeln. In ein paar Monaten würde er seinen ersten Flüchtigen erschießen müssen und die Welt auf einmal mit ganz anderen Augen sehen.
„Ich denke, das brauchen wir nicht.“ Noch ehe der junge Kollege zu seinem nächsten sicher schon hundertmal vorm Spiegel einstudierten Satz für solche Situationen ansetzen konnte, hatte Jonas auf die Ablage über dem Handschuhfach gegriffen und ihm seinen Dienstausweis gezeigt. Hätte man die Zeit nur für einen winzigen Augenblick verlangsamen können, hätte man das kurze Zucken im Gesicht des jungen Polizisten bemerkt. Er hatte also schon von Jonas „McLane“ Kain gehört - wie beruhigend. Die Sache im Holiday Inn von vor zwei Jahren schlug allem Anschein nach immer noch ihre kleinen Wellen.
„Oberkommissar Kain! Es ...es... es tut mir Leid. Ich habe Sie nicht sofort erkannt! Bitte entschuldigen Sie die unnötige Verzögerung, Hauptkommissar Höfner erwartet Sie schon.“
Peinliche Verlegenheit machte sich auf dem Gesicht des Polizisten bemerkbar. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren warf Jonas den Ausweis wieder auf die Ablage, schloss beim Anfahren das Fenster und fuhr weiter. Im Rückspiegel konnte er noch erkennen, wie der junge Kollege aufgeregt in sein Funkgerät redete.
Bis zum Uniplatz war es eine ruhige, ungestörte Fahrt vorbei an der durchwachsenen unteren Einkaufspromenade durch den stärker gewordenen Regen gewesen. Die Straßen waren wie ausgestorben. Einzig ein streunender Hund, der eiligst nach einem trockenen Plätzchen suchte, kreuzte seinen Weg. Nirgends gab es ein Anzeichen vom Trubel, der hier eigentlich um diese Zeit herrschen sollte.
Jonas bog in die Bahnhofstraße ein und zum ersten Mal seit Langem stockte ihm der Atem.
Die schwarze Rauchsäule war nicht gewaltig, keineswegs, jedenfalls dank des Regens nicht mehr. Dennoch zeichnete sie sich trotz des Wetters und der Tageszeit deutlich am Nachthimmel ab. Wie eine schwarze Schlange hatte sie sich ihren Weg aus dem Leib des kastenförmigen in diversen Gelbtönen gehaltenen Bahnhofsgebäudes gefressen, und streckte nun ihren Kopf huldigend dem Nachthimmel entgegen.
Im Schritttempo fuhr er weiter die Bahnhofstraße hinauf. Vorbei an Polizei-, Kranken- und einigen kleineren Feuerwehrwagen immer weiter auf die bunten Lichter im schwarzen Meer aus Blut und Tod zu.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:15)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

10.10.2005 18:05

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

6

‚Der Tod und das Mädchen’

Ein paar Straßen weiter hatte Sarah bereits mit ihrem Leben abgeschlossen. Sie bewohnte eine dieser schäbigen Drei-Zimmer-Wohnungen im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses. Zwei Zimmer, Küche, Bad hatte in der Anzeige gestanden und eigentlich war genug Potential vorhanden, um aus der kleinen Wohnung etwas Gemütliches zu machen. Einen Ort, an den man sich zurückziehen konnte, um sich einfach nur wohl zu fühlen. Sie hatte sich nie richtig Zeit dafür genommen. „Macht euch keine Sorgen. Es ist ja nur vorübergehend, bis ich etwas Besseres finde“, hatte sie zu ihren Eltern gesagt und nun hätte sie schon fast das einjährige Bestehen ihres Haushalts feiern können. Im Leben läuft nun mal nicht immer alles so, wie man es sich vorgestellt oder langwierig geplant hat. Das Schicksal ist eine giftige Schlange, die nur schwer zu fassen ist und deren Biss für die wenigsten tödlich endet.
Sarah Schneider gehörte zu dieser kleinen Gruppe Auserwählter. Ihr Leben war von vorne bis hinten komplett durchgeplant gewesen. Nach der Grundschule direkt aufs Gymnasium, Abi mit 1,2 und dann direkt weiter zum mehrjährigen Latein- und Griechischstudium. Sie sollte mal Linguistin oder Lehrerin werden, es besser haben als ihre Eltern, die sich ja so für ihr einziges Kind aufgeopfert hatten, um ihr das alles zu ermöglichen. Sie solle sich nicht so anstellen, sie müsse da nun durch, um erfolgreich zu sein müsse man nun mal Opfer bringen. Für Freunde und Freizeit habe sie immer noch genug Zeit nach der Ausbildung. Manchmal ist es wirklich rührend, wenn Eltern ihre geplatzten Träume von einst auf ihre Kinder projizieren und dadurch deren Leben komplett kaputt machen.
Anfangs lief es wunderbar nach Plan, und ihre Eltern hätten nicht stolzer auf sie sein können. Doch dann mit einem Mal bewegte sich die übrige Welt weiter und Sarahs blieb stehen und zerbrach innerlich.

Es hätte alles so schön sein können. Ewige Liebe. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Liebe? Was war das überhaupt? Ein Gefühl für Narren und naive Dummchen. Soviel hatte sie mittlerweile gelernt. Das innere Verlangen nach Aufmerksamkeit und Nähe eines anderen, es war für sie ein Bedürfnis geworden, welches sie in den letzten Monaten regelmäßig gestillt hatte, nicht nur mit ihren ständig wechselnden Freunden. Alles nur aus Angst vor der Kälte und Einsamkeit? Wohl eher der Trieb, die eigene Art aufrecht zu erhalten. Sicher keine gute Ausrede für ihr Verhalten, aber immerhin versuchte sie es noch. Das Leben war hart und ungerecht. Genau wie die Liebe. Alles nur eine Frage des richtigen Timings.

Klick, Klick, Boom! Sie hatte den Schuss nicht gehört, und jetzt war es zu spät. Der Zug war abgefahren, ein für allemal. Oder doch nicht? Aus der Küche konnte sie das Vibrieren ihres auf lautlos gestellten Handys hören. Mehr tot als wach versuchte Sarah sich von ihrem Bett aufzurichten. Es war noch nicht zu spät, aber vielleicht hätte sie mit der Überdosis Schlafmittel doch noch etwas warten sollen.
Das Mittel hatte sich durch das lange Liegen zwar nur langsam in ihrem Körper verteilt, dennoch konnte sie seine Wirkung deutlich spüren. Ihre Beine waren schwer wie Blei geworden, und beim Versuch vom Bett aufzustehen und sich in die Küche zu schleppen, wäre sie beinahe gegen die noch offene Tür ihres geräumigen Kleiderschranks gestolpert. Der ganze Boden war übersäht mit Essensresten, zerrissener Kleidung, ein paar zertrümmerten Blumentöpfen und sonstigem Unrat, der sich die letzten Tage angesammelt hatte.
Der Streit war nötig gewesen. Nach so was beginnt man meist wieder bei Null. Sarah hatte mit der Sache jedoch nicht abschließen können. Die letzten Tage und Nächte bestanden für sie aus Nachdenken und den immer häufiger werdenden Anrufen bei ihm. Sie konnte seine Einstellung nicht verstehen. Es war der natürliche Lauf der Dinge, und sie hätte sich darüber gefreut, wenn er der Sache offener gegenübergestanden hätte.

In Gedanken versunken stand sie da, an den Schrank gestützt, blass, ungepflegt, nur in ihrer Unterwäsche. Ihr wurde immer schwindliger. Sie musste sich beeilen. Noch war es nicht zu spät. Mit jeder Sekunde, die verstrich, verteilte sich das Mittel schneller in ihrem Körper. Sie kam wieder in Bewegung. Sarah stützte sich an allem, was Halt versprach. Die Umrisse ihrer verwüsteten Wohnung wurden immer verschwommener.
„Komm schon, Mädchen, reiß dich zusammen, Du bist fast da. Nur noch ein kleines Stück.“ Es waren ihre Gedanken, aber irgendwie auch nicht, wie eine fremde Stimme in ihrem Kopf. Sie hatte Recht. Egal, wer dran war. Sie wollte nicht mehr sterben. Sie wollte Hilfe und von vorne beginnen.
Mit fünf schnellen Schritten schaffte Sarah es endlich in die Küche. Die Rettung war zum Greifen nahe. Sie musste nur noch die Hand danach ausstrecken und zugreifen. Das Klingeln verstummte mit einem Mal. Nein, das konnte nicht sein. Nicht jetzt. Sie musste schnell jemanden anrufen. Aber wo war ihr Handy? Sie hatte es auf den Tisch neben ihre Handtasche gelegt, da war sie sich sicher. Wie eine Irre durchwühlte sie ihre Handtasche, schüttete deren gesamten Inhalt auf den Küchentisch und setzte die Suche krankhaft fort. Es war nicht zu finden. Das war nicht fair. Es war einfach nicht fair. Erst jetzt bemerkte sie den schwarzen Schatten neben der Spüle.

Es hätten auch zwei oder drei sein können. Sarah blinzelte mehrmals. Sie versuchte sich zusammenzureißen, um wenigstens einen kurzen scharfen Blick auf den unbekannten Eindringling erhaschen zu können.
Einen Moment lang glaubte sie eine junge Frau in einem roten Kleid zu sehen. Ihre Haare sahen zerzaust aus, und überall auf ihrem Körper hatte sie Rußflecken und Brandwunden. Die linke Hälfte ihres Gesichts entstellten mehrere Brandblasen und Verbrennungen zweiten Grades, kein schöner Anblick.
Im nächsten Moment sah sie Matthias an derselben Stelle stehen, ihren Matthias, sein hübsches Gesicht, die strahlenden blauen Augen und die kunstvoll nach oben gegelten roten Haare. Er trug eine teure braune Lederjacke, eine dunkelblaue Jeans und das rosa Hemd, das sie so liebte. Mit einem Mal waren ihr Schwindel und ihr Leid verflogen. Sie wollte nur bei ihm sein, wollte ihm nahe sein. Unbekümmert lief Sarah auf ihn zu, umarmte und küsste ihn. „Matthias, endlich bist Du wieder bei mir.“ Sie stellte sich vor, dass alles wieder gut werden würde. Matthias würde sie in seine starken Arme nehmen, küssen und ihr sagen, dass er sich alles noch einmal überlegt hatte, seine Entscheidung falsch gewesen war und alles wieder gut werden würde.
Er hatte zunächst nur schweigend dagestanden, sie angelächelt und ihre Nähe ertragen. Seine Gesichtszüge veränderten sich nicht, als er ihre Umarmung und den Kuss erwiderte.
Er war hier, der Moment, den Sarah die letzten zwei Wochen so sehnlichst herbeigewünscht hatte. Endlich war er da. Es waren die schönsten zehn Sekunden ihres Lebens. Sie hätte vor lauter Glück weinen können.
Irgendetwas in diesem Bild stimmte nicht. Sein Geruch. Das war es. Sarah hatte es anfangs in ihrem überschwänglichen Liebestaumel nicht bemerkt. Jetzt zerbrach ihre rosarote Brille langsam und der beißende Gestank von verbranntem Fleisch und Asche wurde allgegenwärtig. Sie glitt wieder hinüber in die wirkliche Welt, und was dort auf sie wartete, war alles andere als glücklich.

Schwindel und Niedergeschlagenheit trafen sie wie ein harter Schlag. Sarah stand immer noch in der Küche. Matthias war fort, das wohlige Gefühl von Nähe und Wärme auch. Da war nur noch ein schwarzer Schatten. Undurchsichtig und pechschwarz umhüllte er ihren Körper wie eine dunkle Flamme. Sie versuchte zu schreien und sich loszureißen, aber es ging nicht. Ihre Lippen waren wie mit Wachs versiegelt. Sarah konnte sich nicht bewegen. Der Schatten hielt sie fest in seinem sanften Griff.
Auch wenn es dunkel in der Küche war und die flammengleiche Gestalt ständig flackerte und sich veränderte, glaubte sie das Gesicht der Frau, die sie vorhin kurz wahrgenommen hatte, vor sich zu sehen. Ihre Lippen waren auf Sarahs gepresst. Sie konnte es spüren. Kälte und Erschöpfung durchfuhren ihren Körper.
„Lass es sein. Kämpfe nicht dagegen an. Es hat keinen Sinn. Du machst es dadurch nur schlimmer.“
Da war sie wieder. Diese freundliche Stimme in ihrem Kopf. Vertrauensvoll und einfühlsam. Dieser Stimme würde sie durch die Hölle folgen. Es klang so einfach. So sinnvoll. Als gäbe es keinen anderen Ausweg. Sarah ließ sich fallen und gab sich der Kälte vollends hin. Jeder Widerstand war gebrochen, und der Schatten zwang sie in die Knie. Wann war dieser Alptraum endlich vorbei? Sie schloss die Augen und dachte sich an einen anderen Ort, einen Ort, an dem es kein Leid mehr geben würde, wo alle glücklich und zufrieden waren. So einen Ort gab es nicht, nicht für sie.
Sarah nahm ihren letzten Atemzug in dieser Welt und trat hinüber in eine andere. Ihr vom Leben gezeichneter Körper fiel nach vorne auf den Boden. Das schwarze Feuer stürzte sich noch einen Moment auf sie, dann ließ es von ihr ab und verharrte neben dem billigen Klapptisch, der schon bei Sarahs Einzug hier gestanden hatte. Rubinrote Augen funkelten in der Dunkelheit der Flammen. Stück für Stück nahm der Schatten wieder menschliche Züge an.

Ein Körper so unglaublich schön, dass er nicht von dieser Welt sein konnte, lange Haare, schwarz wie Ebenholz, die weit über die Schultern reichten, volle Lippen, rot wie Blut und die strahlenden, rubingleichen Augen. Wie von Göttern geschaffen stand dieses Wesen inmitten des schwarzen Feuers in Sarahs verwüsteter Küche und wurde mit jeder Sekunde, die verstrich, mehr und mehr Mensch.
Die Flammen, die eben noch ihren nackten Körper umhüllt hatten, schmiegten sich anmutig an ihre wohlgeformten Rundungen und wurden wieder zu dem roten Kleid, das sie vorher getragen hatte.
Sie war wieder makellos und schön, fast perfekt. Sie griff nach dem Lippenstift und dem Schminkspiegel in dem Chaos, das mal der wohlgeordnete Inhalt von Sarah Schneiders Handtasche gewesen war, und beseitigte den letzten Makel in ihrem Gesicht. Das Rubinrot in ihren Augen verblasste und wurde zu einem angenehmen Blaugrün. Es passte einfach besser zu ihrem Kleid.

Das Handy, welches die ganze Zeit auf der Arbeitsfläche neben der Spüle gelegen hatte, begann wieder zu vibrieren. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging Pandora hinüber und nahm den Anruf entgegen.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:16)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

31.10.2005 17:13

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

7

‚Legion’


Stille. Er hatte es einfach satt, die Welt, das Leben und dieses sinnlose Warten. Bange Ungewissheit quälte ihn schon seit Tagen und nun hatte ihn sein Weg wieder hierher geführt in den frisch renovierten, kleinen Raum mit den sterilweißen Wänden, den unbequemen schwarzen Stühlen, deren Gitterrückenlehne einem schon nach kurzer Zeit den letzten Nerv raubte, und dem widerlich blaugrünen Boden. Eine Farbe wie schlechte Verdauung würde man sagen. Aber was sollte er tun? Es hatte sich nicht vermeiden lassen, und irgendwie musste es ja weitergehen. „Geld wächst nun mal nicht auf Bäumen. Geld findet man nur in den blutigen Händen der hart arbeitenden Gesellschaft, Junge!“, hatte ihm schon sein mittlerweile verstorbener Vater eingebläut, und damit hatte er verdammt Recht gehabt. Geld ist wie Ruhm. Beides muss man sich hart erarbeiten, und das eine ist wie das andere nur zu schnell wieder vergänglich.

Gier. Sie hatte ihn hierher geführt. Es wäre klischeehaft zu sagen, dass seine Exfrau und ihr unstillbares Verlangen schuld an der ganzen Misere gewesen sind, aber so war es nun mal geschehen, ein schönes Beispiel, wie Reichtum einen Menschen verderben und zu Grunde richten kann. Das Geld kam über Nacht und mit ihm das Unheil. Es hätte wirklich gut laufen können, wenn sie schneller gelernt hätten damit umzugehen.
Das neue Haus, der schicke Zweitwagen aus Italien, die exklusive Privatschule für die Kinder, sowie diverse Aktiengeschäfte, die ihnen ein neuer, guter Freund näher gebracht hatte, alles musste bezahlt werden. Es schien zu leicht, um wahr sein zu können. Kein Wunder, dass dieses äußerst zerbrechliche Gebilde früher oder später in sich zusammenfallen musste.
Das Schicksal liebt es dir das Messer in den Rücken zu rammen und die Klinge abzubrechen.
Es begann damit, dass sich die Aktiengesellschaft, bei der er einen Großteil des Geldes investiert hatte, als großer Schwindel heraus stellte und schon nach zwei Monaten Konkurs anmeldete. Ein paar Wochen später parkte ein an Demenz erkrankter Rentner seinen Wagen im heimischen Wohnzimmer und verwandelte das gemütliche Zuhause mit all dem in mühevoller Kleinarbeit erwirtschafteten Hab und Gut in eine Flammenhölle.

Einsamkeit. Seine größte Furcht hatte ihn letztlich wieder eingeholt. Nachdem sie mittel- und beinahe auch obdachlos geworden waren, hatte seine Frau beschlossen ihr Leben wieder in gerade Bahnen zu lenken, den Schlussstrich unter ihre bisherige Beziehung inbegriffen. Ein guter Freund ist heutzutage schwer zu finden. Erst recht, wenn er mit deiner Frau und dem Kind, das den verheerenden Brand überlebt hatte, nach sonst wo durchgebrannt ist.
So ist es im Leben, nichts ist, wie es scheint und gerade, wenn du denkst, du hast den schwierigen Teil hinter dich gebracht, macht dir jemand einen Strich durch die Rechnung.

Vergessen. Das war alles, was er wollte. Ihr Tod hatte sich als weniger befriedigend herausgestellt als erwartet. Rache ändert nichts. Sie macht viele Dinge nur simpler.

„Eine einfache Frage und ich erwarte eine ehrliche Antwort!“
Ash schrak aus seinen Gedanken hoch. Den Fremden in Schwarz hatte er nicht kommen sehen. Er musste zu tief in seiner Vergangenheit versunken gewesen sein, um zu bemerken, wie dieser hagere Mann mit den edlen Lederstiefeln, dem bis zu den Kniekehlen reichenden Mantel und dem dazu passenden Hut, den er schon vor sich auf den Tisch gelegt hatte, nachdem er an selbigem direkt gegenüber von Ash Platz genommen hatte, in den Raum gekommen war. Während er eine Zigarre aus seinem Mantel hervorholte, sie routiniert mit einem Streichholz erst anwärmte und schließlich entflammte, sprach er, wie beiläufig, weiter. „Sag’ mir Junge, bist du glücklich mit deinem Leben?“
Der Blick aus den blaugrauen Augen seines blassen Gesichts erschien Ash aufdringlich durchdringend. Er hatte das Gefühl aus Glas zu sein, und der Alte könnte durch ihn hindurch sehen. Dennoch wirkte er auf seltsame Weise freundlich und geduldig. Kurzes Zögern. Ash wusste nicht, was er sagen sollte.
„Was soll das!? Wollen sie mir Gott oder den Wachturm näher bringen!?“ Er war leicht gereizt und definitiv nicht in der Stimmung über den Allmächtigen und die Welt zu reden.
„Aber, aber, wer wird denn gleich so überreagieren. Es ist nur eine Frage, und die Antwort wird dich schon nicht beißen“, war die unbeeindruckte Antwort des Fremden, nachdem dieser ein weiteres Mal an seiner Zigarre gezogen hatte. Für einen Moment hatte er Ash soweit. „Ich... Ich... kann nicht mehr…“
„Komm schon Junge! Gib dir einen Ruck! Was würde Laura dazu sagen, wenn sie hier wäre?“
Ash’s Augen weiteten sich, er atmete schwerer und dann brach es aus ihm hinaus.
„Laura ist tot! Diese untreue Hure hat das bekommen, was sie verdient hat! Dafür habe ich gesorgt.“
Abrupt hörte er auf zu reden. Erst jetzt realisierte Ash, was da gerade seinen Mund verlassen hatte. Sein Blick schnellte sofort zum Fremden in Schwarz hinüber. Ein kleines Lächeln umspielte dessen Lippen.
„Schön, dass Du so offen darüber reden möchtest. Das war zwar keine Antwort auf meine Frage, aber danke, dass du diesen Aspekt eingebracht hast. Fühlst Du dich jetzt besser, Junge?“
Ash nickte schweigend.
„Gut! Hier nimm einen Schluck. Das wird dir sicher helfen.“
Der Fremde deutete auf einen silbernen Flachmann, der auf dem Tisch lag. Auch wenn Ash sich sicher war, dass er eben noch nicht dort gelegen hatte, nahm er einen kräftigen Schluck. Er kannte den Geschmack schon länger. Purer Absinth war nicht nur die letzten Monate einer seiner treuesten Begleiter gewesen. In den vergangenen Wochen hatte er zwar versucht mit dem Alkohol aufzuhören, aber jetzt war es ihm egal. Schließlich war er wieder hier und nur Gott und der Teufel wussten, wie genau es mit ihm weitergehen sollte. Es tat gut, der vertraute Geschmack betäubte den Geist, gab ihm wieder Kraft und machte seine Worte leichtsinnig.
„Wer sind Sie eigentlich, dass Sie sich einbilden hier einfach reinschneien zu können und diese Worte aus mir herauszupressen? Ich wollte das nicht sagen! Sie haben mich dazu gezwungen! Ich habe mit Lauras Tod rein gar nichts zu tun!“
Das Lächeln des Fremden wurde immer mehr zu einer grinsenden Fratze.
„Ja! Das ist gut! Lass es raus. Bündle es! Nutze es!“
Für Ash waren diese hohen Gefühle der Aggression und des Jähzorns mehr als ungewöhnlich, und obwohl er sich in solchen Situationen sonst sehr gut im Griff hatte, ballte er die mit Handschellen gefesselten Hände zu Fäusten, stand ruckartig auf, sodass sein Stuhl zu Boden fiel und wollte auf den Fremden losgehen. Weiter als bis zur Tischmitte kam er jedoch nicht. Die knochige Hand, die sich in seinen Brustkorb gebohrt hatte, hinderte ihn daran, und er hatte es wieder nicht kommen sehen.
„Urgh!“ Mit einem Ausdruck des blanken Entsetzens im Gesicht verharrte Ash gurgelnd und röchelnd in dieser unnatürlichen Pose.
„Wer ich bin, wolltest Du wissen? Nun betrachte mich als eine Art neuer bester Freund.“ Schnelle Schritte und das Geschrei der Wachen waren draußen auf dem Gang zu hören.
„Zeit hier zu verschwinden. Keine Angst, jemand wird dir bald alles erklären.“ Der Hut saß wieder auf dem Kopf des Fremden. Seine Augen veränderten sich. Das Blaugrau verschwand und sie wurden pechschwarz. Kleine Blitze zuckten in ihrem Innern, die sich langsam auf seinen ganzen Körper ausdehnten. Seine linke Hand löste sich aus Ash’s Brustkorb und deutete zum Boden, die andere zur Decke. Kein Blut, keine offene Wunde, da war nichts. Die Stelle auf seinem Oberkörper war völlig unversehrt.
Einer der Blitze schlug in die Lampe über dem Tisch, welche für einen Moment stark aufleuchtete, die menschlichen Züge des Fremden verschwanden genau wie er mit dem Blitz, der in die Lampe fuhr. Zurück blieben nur Ash’s lebloser Körper und der unangenehm süße Geruch nach Zigarre.

„Du bist mehr als nur geeignet, ob Du willst oder nicht. Willkommen in der Legion, Junge.“

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:16)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

25.11.2005 06:34

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

8

‚Tage wie dieser’

Tage wie dieser sollten am besten nie zu Ende gehen. Sie sind auf ihre ganz spezielle Weise für jeden Menschen besonders. An solchen Tagen möchte man am liebsten die Zeit anhalten, um einen Augenblick zu verweilen, oder die Rückspultaste suchen, um alles noch mal von vorne genießen zu können. Ein paar kleine Feinheiten hier und da würde man bei Bedarf natürlich anders machen, aber alles in allem könnte dieser Tag so bleiben, wie er ist.
Wer von uns wäre nicht gern in seiner eigenen Zeitschleife gefangen? In 24 Stunden bieten sich so viele Gelegenheiten. Was würdest du tun? Aus dem bisherigen Verhaltensmuster ausbrechen und Dinge tun, die du vorher nie gewagt hättest. Man bedenke die Möglichkeiten.
Seinem Chef endlich mal die Meinung sagen zu können, einen hohen Kredit aufnehmen und einen Tag leben, wie ein König, der langjährigen guten Freundin endlich seine Gefühle gestehen oder doch eher ein Seitensprung ohne Folgen? Die böse Seite deines im Grunde verdorbenen Charakters offen ausleben? Warum nicht? Ohne die quälende Frage nach dem schlechten Gewissen und den möglichen Konsequenzen ist alles viel leichter.
Am nächsten Morgen würde man wieder wohlbehalten in seinem Bett aufwachen und könnte gleich die nächste Variante versuchen, als wäre nichts von alledem je geschehen. Der ganze Tag liegt wieder vor einem, man hat die Erinnerungen vom letzten Mal noch im Kopf und die Freiheit alles zu tun. Irgendwann würden einem sicher die Ideen ausgehen und der Wahnsinn würde die Oberhand gewinnen. Bis dahin wäre diese skurrile Form des ewigen Lebens sicher interessant, danach nur noch eine endlose Hölle.
Hätte Susanne Schubert gewusst, wie sich dieser Tag für sie entwickeln würde, sie wäre im Bett geblieben und hätte verzweifelt für die Existenz einer Rückspultaste gebetet.

Ein lauter Knall, splitterndes Glas, ein überraschter Aufschrei, Susanne zuckte unweigerlich zusammen. Beinahe wäre ihr das Herz stehen geblieben. Verschreckt sah sie sich um.
Am Gleis gegenüber hatte ein junger Mann scheinbar all seine Wut an einer Telefonzelle ausgelassen. Der Hörer war abgerissen und mehrmals gegen die Scheibe geschlagen worden. Überall lagen die Scherben am Boden verteilt. Er stand daneben, damit beschäftigt die Fassung zu bewahren.
Susanne hatte ihn schon bemerkt, als sie ans Bahngleis gekommen war. Wie er da gestanden hatte, in seinem braunen Mantel, mit der ausgetragenen, grünen Hose und den edlen Halbschuhen, rausgeputzt bis zum geht nicht mehr. „Mamas kleiner Liebling ganz allein in der großen Welt. Mit wem redest du da nur, als würde es alles oder nichts bedeuten?“, waren ihre ersten Gedanken, doch im nächsten Augenblick hatte sie das Interesse wieder verloren. Schließlich gab es Wichtigeres zu tun.
Susanne prüfte noch einmal den Sitz ihrer Ausgehuniform. Daddys kleine Soldatin, ja das war sie. Stolz, ihrem Land dienen zu können, wie kaum eine andere. Der Fluthelferorden, den sie im letzten Jahr bekommen hatte, hing etwas schief. Zwar hatte Susanne nur eine Bande hirnloser Grundwehrdienstleistender, wie sie den ihr damals zugeteilten II. Zug liebevoll genannt hatte, durch hysterisches Gebrüll zum Sandsäcke schleppen animiert und sonst nichts weiter getan, dennoch war sie der Meinung, dass sie sich diesen Orden redlich verdient hatte, hoffentlich den ersten von vielen. Daddy würde, wie immer, verdammt stolz auf sie sein. Vor allem, wenn es wirklich mal mehr als einer werden würde. Montag würde sie endlich zum Oberleutnant befördert werden. Ein Sieg, wenn auch nur ein kleiner, den sie sich hart erarbeitet hatte. Mit wie vielen Hauptleuten muss man schlafen um eine nahezu unmögliche Beförderung durchzukriegen? Sie kannte die Antwort schon länger, Einem, dem Richtigen.
Laute Rufe drangen zu ihr herüber. Susannes Blick wanderte wieder neugierig zur kleinen Telefonzelle auf der anderen Seite der Gleise. Dort hatte sich mittlerweile eine kleine Menschentraube gebildet, die wie gebannt dem Schauspiel beiwohnte, was sich da bot. Zwei Wachleute von der Bahnhofsicherheit hatten sich lautstark mit dem jungen Mann unterhalten, der anscheinend nicht einsehen wollte, was gut für ihn war, und warum er mit ihnen mitkommen sollte. Das Ganze war ausgeartet, als einer der beiden seinen grauen Koffer nehmen und der andere ihn freundlich zum Mitkommen auffordern wollte. Wobei gesagt sein sollte, dass ‚freundlich’ in diesem Fall aus Handschellen und der Androhung von Gewalt bestand. Wild um sich schlagend hatte der Junge, der nicht älter als neunzehn sein konnte, versucht wieder an seinen Koffer zu kommen und dabei einen der Wachleute niedergeschlagen. Nun rang er mit dem anderen um sein Eigentum. Die Menschen standen einfach da, niemand tat etwas, um einem der beiden zu helfen. Er würde ihn sicher noch umbringen, aber da kamen schon vier Mann Verstärkung. Die Show war somit fast vorbei, und niemand musste sich die Hände schmutzig machen.

„Achtung an Gleis 3. Eine Durchfahrt. Ich wiederhole. Achtung an Gleis 3. Ein Zug fährt durch. Vorsicht am Bahnsteig.“ Die Stimme einer jungen Frau, mechanisch und vom Band, wie man es erwartete, und da kam er auch schon, schwer beladen mit Autos und Containern, schlängelte er sich durch den Bahnhof und versperrte ihr die Sicht auf das, was dort drüben geschah. Susanne war nicht gänzlich ausgesperrt. Hin und wieder konnte sie zwischen den kleinen Lücken der einzelnen Wagen zueinander einen Blick hinüber erhaschen. Wie in einem Daumenkino sah sie das Schicksal des jungen Mannes vor sich ablaufen. Die Männer von der Sicherheit brauchten nicht lange, um ihn zu überwältigen. Ein paar Schläge mit dem Schlagstock und der Einsatz von Pfefferspray besiegelten den Verlauf der ungleichen Auseinandersetzung.

Der letzte Wagen des Zuges rauschte an Susanne vorbei, und man konnte nur noch die hinteren Signallichter sehen, wie sie im Dunkel der Nacht verschwanden. Endlich hatte sie wieder freie Sicht.
Die Menge neugieriger Zuschauer hatte sich aufgelöst. Der junge Mann mit dem grauen Koffer und die Leute von der Bahnhofssicherheit waren fort. Fast nichts erinnerte noch daran, was hier vor nicht mal fünf Minuten geschehen war. Lediglich die beschädigte Telefonzelle und die Glasscherben, die sich um sie verteilten, waren passive Beweise für diese Ereignisse. Es musste so geschehen sein. Die Spuren bestätigten es.
„Auf Gleis 4 fährt jetzt, mit einer Stunde Verspätung, der Inter City Express 782 von Hamburg/Altona nach Basel ein. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis…“ Danach folgten noch weitere Haltestellen auf dem Weg nach Basel und Anschlussmöglichkeiten von Fulda nach sonst wohin. Das interessierte Susanne jedoch herzlich wenig. ‚Eine Stunde Verspätung! Verdammt!’ Wie lang hatte sie schon hier gesessen, sich abgelenkt und dabei völlig die Zeit vergessen. Irritiert schnellte ihr Blick zur runden Uhr zwischen den zwei Stahlträgern beim eisernen Aschenbecher, der für einen rauchfreien Bahnhof warb, hinüber. 23:48. Egal. Nun war er ja gleich da, und sie würde in gut zwei Stunden endlich in der Kaserne eintreffen. Zwar eine Stunde weniger Schlaf heute Nacht, aber ab morgen früh war alles nur Routine.

Ein lauter Knall, splitterndes Glas, überraschte Aufschreie, nur das Geräusch der quietschenden Bremsen des Zuges passte nicht ganz ins Bild. Susanne hatte zwar instinktiv wieder zur Telefonzelle geschaut, aber diesmal kam es nicht von vorne sondern von rechts, direkt auf sie zu.
Zuerst sah sie nur schwarzen Qualm aus einem der hinteren Waggons des immer langsamer einfahrenden Zuges aufsteigen, dann hörte sie Schüsse und weitere Schreie. Die Welt, die eben noch so hoffnungsvoll und schön gewesen war, brach Stück für Stück vor ihren Augen auseinander. Der Zug nahm wieder an Fahrt auf, als wüsste er, dass es noch nicht vorbei war und es keinen Sinn hatte vor seinem Schicksal zu fliehen, aber dennoch wollte er alles versuchen, um ihm zu entkommen. Eine weitere Explosion erschütterte die Umgebung, diesmal kam der Lärm von links. Die vordere Lok, die als Zugwagen diente, ging in einer Feuersäule auf und wurde gleichzeitig von den Schienen gehoben, dabei stürzte sie auf eines der anderen Gleise direkt vor einen einfahrenden IC, dessen Ziel eigentlich Frankfurt gewesen war, und riss den restlichen Zug mit sich ins Verderben.
Während sich alles verkeilte und unweigerlich zusammen schob, ging ein ohrenbetäubendes Quietschen von den Stahlkolossen aus. Glas splitterte, Menschen versuchten verzweifelt sich in Sicherheit zu bringen. Zwei weitere Explosionen folgten noch. Viele überraschte Aufschreie hallten durch die Nacht. Schließlich kam der Zug endlich zum Stehen und für einen Moment herrschte Stille.
Die Lok war durch den anderen Zug, über Gleis 1 direkt in die große Haupthalle des Bahnhofs gerammt worden. Soviel konnte Susanne von hier erkennen. Dann brachen die Schreie wieder los, verstört, hilflos und hoffnungslos.
Sie wusste zuerst nicht, was sie tun sollte. Susanne hatte alles mit angesehen und es unbeschadet überstanden, was für ein unverdientes Glück. Sich in Sicherheit zu bringen stand für sie jedoch nicht zur Debatte. Sie wollte helfen. Sicher würde das auch ihr und vor allem ihrer Karriere helfen.
Schnell war der tarnfarbene Seesack in die Ecke geworfen worden, und sie eilte über den verwüsteten Bahnsteig zum hinteren Teil des liegen gebliebenen Zuges.
Hier hatte es angefangen, hier war es jetzt am ruhigsten. Überall lagen Trümmer und Scherben verteilt. Die übrigen Menschen, die mit ihr auf den Zug gewartet hatten, waren entweder tot oder verschwunden. Vorsichtig stieg Susanne über diese hinweg und näherte sich dem letzten Wagen des Zuges. Die Explosion hatte ein großes Loch in die äußere Hülle gerissen, aus dem schwarze Rauchschwaden hinausströmten. Sie stellte sich mit etwas Abstand vor die Öffnung und spähte in die undurchsichtige Finsternis. Drinnen herrschte absolute Stille, hin und wieder durch das Knistern eines kleinen Feuers oder das Geräusch der Funken sprühenden Bordelektronik unterbrochen.
Seltsam fand sie es allerdings schon, in den Fenstern konnte sie deutlich die elektrischen Entladungen aufblitzen sehen, doch in der Öffnung direkt vor ihr war nur Dunkelheit.
Ein Hauch von Kälte durchfuhr ihren ganzen Körper und der schwarze Schatten kam langsam auf sie zu. Rubinrote Augen zeichneten sich in der pechschwarzen, flammengleichen Masse ab. Susanne wollte schreien, doch sie konnte es nicht. Wie erstarrt vor Angst stand sie da und ließ es geschehen. Der Schatten umschloss sie und umgab sie beinah völlig.
Zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig fiel ihr hilfloser Blick wieder durch die Öffnung in das Innere des Zuges, welches nun besser erkennbar war. Überall war Blut, umgeben von Trümmern, zerfetzten Körpern, Eingeweiden, abgetrennten Gliedmaßen und verstreutem Gepäck. Alles lag in einem unschönen Halbdunkel, das nur gelegentlich vom kurzen Aufblitzen einiger herunterhängender Kabel beleuchtet wurde.
Auch wenn alles nach Tod aussah, war in diesem Wagen durchaus noch etwas Leben. Sie konnte sehen, wie sich unter ein paar Trümmern etwas rührte, eine Hand, erst langsam, dann immer verbissener nach etwas am Boden tastend, mehr wie ein Reflex als wie eine bewusste Handlung. Schließlich hatte sie gefunden, was sie gesucht hatte. Das leise Klicken eines Kippschalters war zu hören.

Während Susanne die Feuerwalze auf sich zukommen sah und der Film ‚Das Leben der Susanne Schubert’ gleich anfangen würde, verfluchte sie die Tatsache, dass es hierfür keinen Orden geben würde.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:17)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

25.11.2005 06:35

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

9

‚In einem Meer aus Rot’

Hoch oben auf einer Sanddüne inmitten dieses Meeres aus Rot, nur Sand soweit das Auge reichte, dort begann meine Suche. Die Vergangenheit hatte ich hinter mir gelassen, und vorübergehend auf Reisen geschickt. Sie würde mich sicher wieder besuchen kommen, darum bettelnd sie zu bearbeiten, aber wohl nicht in nächster Zeit. Bis dahin lag ein neues Schicksal vor mir, ich musste nur noch den Weg zu ihm finden.
Dieser Ort war mir überaus fremd und auf seine ganz spezielle Art doch sehr anziehend, ein ungewohntes Gefühl tief in mir, als wäre ich schon immer ein Teil von ihm gewesen.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort im Sand gelegen hatte und wie gebannt zum Himmel hinauf starrte. Es hatte einige Zeit gedauert bis die Hoffnung, dass meine Augen mir doch nur eine Halluzination vorgaukeln würden und das alles nur ein böser Traum war, endgültig starb. Was von meinem alten Leben übrig blieb war nur ein kleiner Funken trügerischer Hoffnung.

Jeden Augenblick könnte ich schweißgebadet und schwer verwundet im Innern eines Krankenwagens aufwachen, mit Handschellen gefesselt zusehen, wie der Notarzt mit allen Mitteln versuchte mein beinah erloschenes Feuer wieder zu entfachen, die Polizeieskorte anschreiend, die zwischen ihm, seinem Kollegen und den meisten seiner wichtigen Gerätschaften stünde. Zwei Beamte, einer mit MP5, der andere sicher nur mit P10 bewaffnet, die beide hauptsächlich zu ihrem Schutz dort wären, zu meinem in gewisser Weise natürlich auch.
Wer weiß schon, zu was ich in diesem höchst traumatischen Zustand fähig gewesen wäre. Mit letzter Kraft aufspringen, um zu kämpfen oder zu fliehen? Sicher, aber mit schweren Verbrennungen und Frakturen heute wohl eher nicht.
Es war jedoch klar, dass der Arzt ohne nahende Verstärkung auf völlig verlorenem Posten schon bald überrannt werden würde. Es wäre nur noch eine Frage der Zeit bis auch er es sehen müsste.
Das Leben oder der Tod? Mittlerweile war es mir egal. Die Eine hatte schon lange ein Auge auf mich geworfen und der Andere seinen letzten Termin gerade noch so erwischt.
Mit einem Lächeln könnte ich diese letzten Minuten auf Erden auskosten, die Welt würde in diesem Moment ganz allein mir gehören, ein Gefühl, das sich jeder schon mal gewünscht hat. Ich wäre endlich ich selbst.

Der Wind hatte gedreht. Obwohl er den mir durchaus bekannten Geruch der Verwesung mit sich brachte, milderte die kühle Brise die unerträgliche Hitze doch etwas ab.
Ich hätte noch ewig dort im Sand liegen können, über mein Leben und den Ausweg aus dieser außergewöhnlichen Lage nachdenkend, aber was hätte das schon gebracht? An der Situation hätte es rein gar nichts geändert.
Die schwarzen Sonnen waren real, genauso wie alles andere hier. Lebe damit, gewinn die Kontrolle zurück und werde endlich wieder Herr der Lage, ein überaus hilfreiches Mantra, frisch aus dem Deckel einer Cornflakes Packung.
Akzeptanz, mein Übergang aus dem Vier-Phasen-System war fast abgeschlossen. Verdrängung, Wut und Trauer lagen hinter mir. Ich spürte keine Schmerzen mehr, beängstigend, aber ein schönes Gefühl. Verbrennungen am linken Arm und auf der Brust, Schnittwunden, Splitter unter meiner Haut, die Narben auf dem Rücken und im Gesicht, nichts davon war noch übrig, abgewaschen vom sandigen Wind der Wüste. Wie eine Schlange ihre schuppige Haut abstreift, um Platz für eine neue, bessere zu schaffen. Einzig ein schwarzer, strudelgleicher Kreis mit drei abgerundeten Zacken auf meinem linken Unterarm war übrig geblieben. Er sollte Teil meiner Veränderung werden, und ich war dankbar dafür.

Gottverlassen stand er da und sah, wie trostlos doch die ungewisse Ewigkeit war. Kein weißer Tunnel, keine Engelschöre mit himmlischen Gesängen, keine geliebten Menschen, die auf ihn warteten, nichts, hinter ihm nur seine Spuren im roten Sand und die Grube, aus der er gekommen war. Fleischfetzen, Blut und zerrissene Kleidung verteilten sich neben seinem Weg auf die Spitze der Sanddüne.
Er war zum Schatten seines früheren Selbst geworden, ein Preis, den er nur zu gerne gezahlt hatte. Seine Erinnerungen, wie grausam und verstörend sie auch waren, sie würden langsam wieder zu ihm zurückkehren und mit ihnen der Wunsch nach Vergeltung.
Pandora, ihr Name hatte sich unweigerlich in seinen vernarbten Verstand gebrannt, sie würde als erste dafür bezahlen und mit ihr jeder, der sich ihm in den Weg stellen würde. Die Zeit des Weglaufens war für ihn vorbei. Es war Zeit, die offene Hand zur Faust zu ballen und mit aller Gewalt zurückzuschlagen, bis nichts mehr übrig war.
Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, als er die verschwommenen Umrisse einer Stadt in weiter Ferne erkennen konnte.

Wo eine Stadt ist, ist auch Leben. Wo ein Anfang ist, ist auch das Ende der Straße und bei ihm der Weg zurück.

Er verweilte noch einen Moment um den Anblick zu genießen. Blässe überzog seinen ganz in Dunkelheit gehüllten Körper. Schwarze Armeestiefel, die mit Brandlöchern übersäten Jeans, ein Hemd, dessen Ärmel abgerissen waren, die Beretta 92 in der rechten Hand, mit dem Mal der Verdammnis auf dem linken Arm gezeichnet, blickte er einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Wind wehte durch seine kurz geschnittenen, weiß gewordenen Haare und in seinen Augen brannte das rachsüchtige Feuer der Hölle.
Eine hagere Gestalt trat zu ihm.
„Ich habe mich schon gefragt, wann Sie hier auftauchen würden.“
Der Fremde in Schwarz entflammte seine Zigarre. „Hallo Jack. Wie gefällt es dir auf der anderen Seite?“

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:17)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

11.12.2005 20:20

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

Hier endet das erste Kapitel. Schade das die Länge wohl doch so Viele abgeschreckt hat. Würde mich über ein paar Reflektionen zu den neueren Abschnitten wirklich freuen ;) Nichts desto trotz gibt es gute Neuigkeiten: Die Arbeiten am zweiten Kapitel gehen sehr gut voran und der erste neue Abschnitt wird schon in Kürze veröffentlicht werden. Alles nur noch eine Frage der Zeit eben  :D


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

14.12.2005 21:01

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

II

Die andere Seite



„Wie weit würdest Du gehen? Wie groß ist deine Liebe? Du könntest die Welt anhalten, aber wie kannst Du deine Sehnsucht anhalten? “




10

‚Neuanfänge’

Der Schauplatz einer Katastrophe ist für viele wie ein Jahrmarkt voller kleiner Wunder. Es gibt so viel zu sehen. Man weiß anfangs gar nicht, wo man zuerst hingehen soll. Horden von Schaulustigen und die Schmarotzer von der Presse scharen sich wie ein Schwarm gieriger Geier um das verwundete, vom Tod gezeichnete Tier, um es bis zum Schluss auszuweiden. Auch wenn sie ihm in ihrer Einstellung ähnlich waren, hasste Jonas diese Meuten blutiger Anfänger.
Es war klar, dass die hiesige Polizei nicht genug Leute hatte um den Bereich großflächig abzusperren und ungebetene Gäste fern halten zu können. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses höchst instabile Pulverfass explodieren und alle in seiner Nähe ins Verderben reißen würde. Während Jonas sich in aller Ruhe der Menge näherte, deren Zahl er auf siebzig bis achtzig aufgebrachte Bürger aus der Umgebung schätzte, fiel sein Blick wieder zum Hauptgebäude des Bahnhofs. Von vorne betrachtet sah es fast so aus, als wäre nichts gewesen. Man müsste nur die Rauchsäule, die Kollegen von Polizei und Feuerwehr, welche emsig ihren Tätigkeiten nachgingen, ausblenden können, schon sähe alles wieder so aus wie vorher.
Jonas war nun beinahe auf Höhe des McDonalds-Restaurants am Ende der Bahnhofstraße und kämpfte sich durch den Mob. Diese Mischung aus verzweifelten Angehörigen, besorgten Anwohnern, sonstigen Mitbürgern und gewaltgeilen Rassisten bereitete ihm großes Vergnügen. Äußerlich ließ er sich nichts anmerken, aber innerlich genoss er jeden Schritt durch die Menge aus Leid und Verzweiflung. Ein paar potenzielle Opfer, die ihn schon bald wieder sehen würden, waren sicher auch dabei. Auf sie würde er später zurückkommen.
Wie schön erregend dieses Bad in der Menge auch gewesen war, es ging nur zu schnell wieder vorbei.
Die vorderste Reihe hatte Jonas fast erreicht, die Absperrung war schon in Sicht und der dort stehende Kollege hatte ihn bereits erkannt. Jeden Moment würde es vorüber sein. Für den Bruchteil einer Sekunde suchte er einen Grund um noch einmal durch die Menge schreiten zu können, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder und wollte eben die letzten Schritte aus der breiten Masse hinter sich lassen, als ihn eine ihm wohlbekannte Stimme von der Seite ansprach.
„Oberkommissar Kain! Oberkommissar Kain!“
Jonas musste sich nicht umdrehen um zu wissen, wer es war.
„Thomas Imhoff von RTL Aktuell, Sie erinnern sich doch sicher noch an mich oder?“
Wie konnte Jonas so jemand Besonderen schon vergessen? Thomas Imhoff war ein alter Bekannter, den er nur zu gern begraben würde, zehn Meter oder am besten noch tiefer. Ihn direkt abgeben an den Pforten zur Hölle, etwas anderes hatte diese billige Ausgabe eines Reporters mit dem Taktgefühl einer Kalaschnikow nicht verdient.
Imhoff hatte ihn schon damals wegen der Sache im Holiday Inn groß raus bringen wollen und dadurch zu viel Aufmerksamkeit für seine Person verursacht. Jonas hatte es nicht verdient für eine missglückte Geiselbefreiung sowie das daraus resultierende Blutbad als Held gefeiert zu werden. Des Weiteren war es für jemanden mit seinen Veranlagungen überaus unpraktisch einen höheren Bekanntheitsgrad zu haben. Imhoffs Kamerateam hatte sich ebenfalls nur mit Mühe durch die aufgeregte Horde gekämpft. Die dreimannstarke Crew war nur zwei Reihen hinter ihm, als er Kain noch rechtzeitig ereichte. Dieser war nun vorne an der Absperrung und im nächsten Augenblick wurde ihm schon das gelbe Mikro mit den drei unverkennbaren Initialen unter die Nase gehalten.
„Herr Oberkommissar! Zeit für ein kurzes Interview?“ Triumphierend schaute ihn das lächelnde Gesicht Imhoffs an. Hinter ihm die Kameraleute und die mittlerweile bedächtig schweigende Menge. Kain zögerte erst, dann entschied er sich etwas zu sagen: „Ein kurzes Statement zur Lage?“ Imhoff nickte und kam näher.
„Wir sind in zehn Sekunden live auf Sendung, Thomas!“ Es war die Stimme des Kameramanns, der anschließend die letzten Sekunden an den Fingern runterzählte. Das rote Licht der Kamera begann zu leuchten. Sie waren auf Sendung.

„Danke Peter. Ich bin hier live in Fulda am Schauplatz des Schreckens. Bei mir ist Oberkommissar Kain von der örtlichen Polizei, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat uns eine erste Einschätzung der Lage zu geben.“ Es folgte eine kurze Pause, in der Jonas auch ein eigenes Mikro gereicht bekam. „Was können Sie uns bisher sagen, Herr Oberkommissar?“
„Die Ermittlungen haben zwar gerade erst begonnen, dennoch denke ich, dass Sie ihre Frau verlassen wird, wenn sie herausfindet, dass Sie ihre kleine Tochter immer noch zu sexuellen Handlungen zwingen. Hatten Sie ihr nicht schon einmal versprochen, dass es nicht mehr passieren sollte und Sie sich in Behandlung begeben würden? Aber Sie konnten es ja nicht lassen, wie ein gieriger Hund, der einfach nicht aufhören kann zu fressen. Sie ist ihr eigen Fleisch und Blut, Sie kranker Bastard.“
Jonas Stimme blieb hierbei beängstigend ruhig und sachlich. Nun war Imhoff am Zug, dessen Gesicht zu einer steinernen Fratze erstarrt war.
„Das .. Das ist eine boshafte Unterstellung! Ich... werde Sie wegen... Verleumdung…“ – KLACK! - Der Ton wurde abgeschaltet. Sekunden später verschwand auch das Bild, doch die Nachrichtensendung ging weiter: „Aufgrund einer technischen Störung können wir zurzeit nicht mehr zu unserem Reporter vor Ort schalten. Wir werden es später noch einmal versuchen, doch nun erstmal zu Ulrike von der Gröben und dem Sport.“

Der Rest der Welt war ausgesperrt, aber in Fulda hatte die Sendung gerade erst begonnen. Auch wenn Jonas nicht viel gesagt hatte, reichten diese paar mit Wahrheit vergifteten Worte vollkommen aus um das Feuer in den Herzen derer zu entfachen, die danach dürsteten. „Kinderschänder! Verrecken sollst Du! Holt ihn euch!“ Die Rufe wurden immer lauter. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bis die ersten handgreiflichen Argumente präsent werden würden.
Imhoff stand da und wusste nicht, was er tun sollte. Ein falscher Schritt konnte für ihn nicht nur das Ende seiner Karriere bedeuten. Jonas drückte ihm das andere Mikro in die Hand, dabei flüsterte er ihm noch etwas ins Ohr. Anschließend stieg er ohne ein weiteres Wort zu verlieren zu seinem Kollegen hinter die Absperrung.
Später, im Krankenhaus, würde Imhoff von seinem Regieassistent gefragt werden, was Kain zu ihm gesagt hatte. „Manchmal muss man seinem Publikum geben, was es verlangt, alter Freund.“

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen näherte sich Jonas dem Hauptgebäude. Der bunte Trubel um ihn herum war faszinierend. Er kam zwar nur selten hierher, dennoch hatten die wenigen Stunden nach dem Anschlag das Gesicht des Bahnhofsplatzes völlig verändert.
Polizei- und Feuerwehrwagen bildeten eine Gasse zur Mitte des Platzes hin, damit die Krankenwagen schnell durchkommen konnten. Ein weißes Zelt war auf der großen Fläche neben dem kastenartigen Brunnen im modernen Stil errichtet worden, die provisorische Leichen- und Erstversorgungshalle vor Ort.
Auch wenn er nicht mit Leichen zugepflastert war, erschien ihm dieses Bild voller Leben und Tod zugleich. Die Feuerwehr brachte in unregelmäßigen Abständen neue Überlebende, Verletzte oder Tote aus dem gewaltigen gelben Bau mit den vielen kleinen Glasfenstern, die an ein feines Küchensieb erinnerten.
Der eigentliche Ort der Katastrophe befand sich auf der anderen Seite des Bahnhofs, hier auf dem Vorplatz gab es nur den Kommandostand der Feuerwehr und das Zwischenlager für Überlebende. Das Verlangen, sich das weiße Zelt von innen anzusehen, wurde immer größer. Jonas schritt zielbewusst und langsam schneller werdend darauf zu.

„Jonas! Jonas Kain! Da bist Du ja endlich!“ Die Stimme einer jungen Frau, die er nur zu gut kannte. Jonas blieb augenblicklich stehen und drehte sich in die Richtung, aus der die Rufe gekommen waren. „Für Sie immer noch Oberkommissar Kain!“ Einen kurzen Moment konnte er Verlegenheit auf den roten Wangen der jungen Kommissarin erkennen, dann war sie bei ihm und sie begrüßten sich offiziell. Kerstin Zentgraf war erst seit kurzem wieder zu ihrer Einheit versetzt worden. Eine dieser jungen, engagierten Damen, die für ihre Karriere fast alles tun würden. Ihre Akte beinhaltete diverse Auszeichnungen für vorbildliches Verhalten sowie einen mehrjährigen Undercovereinsatz im Rotlichtmilieu Frankfurts. Einige Kollegen brauchten nach solchen Erfahrungen erstmal etwas Urlaub und unter Umständen psychologische Betreuung, sie jedoch hatte sich gleich wieder in die Arbeit gestürzt. Ein richtiger Workaholic, so wie Jonas sie mochte. Er bevorzugte eigentlich andere Typen, dennoch hatten sie seit der Weihnachtsfeier vor drei Wochen eine gemeinsame Vergangenheit, die sich nur schwer abschütteln ließ. Kerstin lächelte ihn beschwichtigend an, sodass es ihm beinah schwer fiel sie zurechtzuweisen. „Du sollst mich im Dienst doch nicht duzen. Was sollen denn die Kollegen denken?“
„Dass wir seit drei Wochen eine furchtbar wechselhafte Beziehung haben?“ Jonas liebte ihr leichtes Lispeln, wenn sie Worte mit zu vielen S aussprach. Anfangs hatte er sich noch beherrschen müssen, aber mit der Zeit entdeckte Jonas, dass diese Art der Aussprache einen gewissen Sexappeal hatte und gelenkig war sie auch, daran gab es keinen Zweifel. In ihrem Beruf war es jedoch zwingend erforderlich den Job vom Privatleben zu trennen. Nur kurz erwiderte Jonas ihre freundliche Geste und konzentrierte sich im nächsten Augenblick schon wieder auf die Arbeit.

„Also was haben wir hier?“
Kerstin reichte ihm eine Mappe, in der sich erste Tatortfotos und handschriftliche Notizen einiger Zeugenaussagen befanden. „Das haben wir bisher an handfestem Material zusammentragen können. Hauptkommissar Höfner erwartet uns vor Ort.“
Kain nahm die Akte entgegen. Während er ihr über den Bahnhofsplatz folgte und nebenbei durch die Bilder blätterte, setzten sie ihre Unterhaltung wie beiläufig fort. „Gute Aufnahmen, manche Bilder sprechen wirklich Bände, nichts desto trotz halte ich es für angebrachter, wenn Sie mir den genauen Tathergang in ihren Worten schildern.“
Kerstin nickte, und während beide ihren Weg über die lange Treppe hinauf zum zentralen Omnibusbahnhof fortsetzten, kam sie seiner Bitte nach. „Ersten Zeugenaussagen zufolge ist der ICE 782 von Hamburg nach Basel um zirka 23:45 mit einer guten Stunde Verspätung eingefahren. Schon bei der Anfahrt auf den Bahnhof muss es eine Explosion im hinteren Teil des Zuges gegeben haben. Es ist von einem heftigen Feuergefecht im letzten Waggon auszugehen. Aus bisher ungeklärten Gründen hatte der Zugführer beschlossen, den Zug so schnell wie möglich aus dem Bahnhof zu bringen. Vermutlich um den Schaden an Mensch und Material so gering wie möglich zu halten.“
„Was sich als großer Fehler herausstellte?“
„Korrekt, aber er konnte ja nicht wissen, dass es noch weitere Sprengsätze in seinem Zug gab.“
Vom Omnibusbahnhof führte sie ihr Weg über die Straße an den Lagerhallen neben dem Hauptgebäude vorbei auf die Schienen und von dort zu Gleis 3. Mitten durch das Unglück und die Feuerwehrleute, die immer noch nach Überlebenden suchten. Jonas interessierte sich nicht für das, was um sie herum geschah. Er konzentrierte sich nur auf seine Kollegin und ihren Bericht.

Nach einer kurzen Pause, in der sie ein größeres Trümmerteil überwinden mussten, ging ihre Unterhaltung unbeirrt weiter. „Hätte er gewusst, dass der nächste direkt unter seinem Arsch sitzen würde, hätte er sicher anders reagiert.“ Kerstin schaute ihn fragend an.
Jonas blätterte weiter durch die Tatortfotos bis er auf das Bild des Lokführers stieß. Wie er da so hing, fettleibig, von den Flammen in seinen Sitz eingebrannt, welcher aus dem Zugwagen hinaushing direkt auf einen dieser Handystände, die es wohl auf jedem Bahnhof gab, gedrückt. Das Gesicht zu einer grinsenden Maske verformt und den Schädel mit einem gläsernen Aschenbecher verschmolzen. „Ein schönes Bild für die neue rauchfreier Bahnhof Kampagne.“
„Ich verbitte mir diesen unangebrachten Sarkasmus, Jonas!“
„Schon gut! Schon gut! Seien Sie mal nicht so ein Sensibelchen, Zentgraf!“ Eine kräftige Männerstimme war hinzugekommen. Hauptkommissar Höfner, ein etwas dicklicher Mann, bei dem man sich nicht ganz sicher sein konnte, ob die Midlifecrisis zu Ende war oder gerade erst angefangen hatte, stieß im vorderen Wartebereich des dritten Gleises zu ihnen. „Schön, dass Sie Zeit finden uns mit ihrer Anwesenheit zu beehren, Kain.“ Der Hauptkommissar wirkte ein wenig erbost, lächelte sie aber an. „Lassen Sie sich durch mich nicht stören. Nur zu! Setzen Sie ihren Bericht fort, Frau Kommissarin.“
Pflichtbewusst setzte Kerstin ihren Bericht fort. „Also weiter im Text. Der Zugwagen ist durch die Explosion von den Schienen gehoben worden, hat den Wartebereich an Gleis 1 zerstört, ist in einen dort einfahrenden Zug geprallt und hat danach die obere Glaswand der Haupthalle durchschlagen, bevor er zwei Meter über dem Boden des Untergeschosses zum Stehen kam. Es folgten noch zwei weitere Explosionen, die allem Anschein nach durch die Kettenreaktion der aufeinander auffahrenden Züge verursacht wurden. Die aktuelle Zwischenbilanz sind zirka 80 Tote, 200 Verletzte, und sieben Fahrgäste werden noch vermisst.“
„Danke. Ich denke, das reicht für den Anfang. Lassen sie mich und den Oberkommissar jetzt allein.“
„Ganz wie Sie wünschen Herr Hauptkommissar.“, erwiderte Kerstin pflichtbewusst.
Kain gab ihr die Akte zurück, und sie verschwand mit einem freundlichen Nicken wieder Richtung Hauptgebäude. Der Hauptkommissar wies Kain an ihm zu folgen. Zuerst gingen sie schweigend den Wartebereich von Gleis 3 entlang. Ihr Ziel war zweifelsohne der letzte Waggon des ICE 782. Die Spurensicherung war schon vor Ort gewesen und bis auf zwei Beamte, die Fotos von Trümmern machten und sie in kleine Plastiktüten verpackten, gab es dort niemanden mehr, der sie hören konnte.

Jonas beendete als Erster die Stille. „Gut, das alles zu wissen, aber für was brauchen Sie mich dann hier? So wie es aussieht, haben Sie die Sache soweit im Griff, und die Feuerwehr erledigt den Rest.“
„Es gab noch eine dritte Bombe. Im Raucherwaggon des ICE.“
„Der, in dem die Schießerei stattgefunden hat?“
„Ja, sie ist jedoch viel später gezündet worden als die anderen, und dann haben wir noch etwas gefunden, das Sie interessieren dürfte.“
„So? Meine tote Exfrau ist es wohl nicht?“ Der Hauptkommissar ignorierte diesen Kommentar. „Hey, Weber, Kain ist hier!” Der angesprochene Beamte von der Spurensicherung sah auf. Ohne zu zögern kam er zu ihnen herüber. „Zeigen sie dem Oberkommissar, was wir im letzten Waggon gefunden haben.“ Ein kleiner, brauner Umschlag wechselte den Besitzer. Kain öffnete ihn und warf einen Blick auf die erst kürzlich gemachten Farbbilder einer Sofortbildkamera.

Seine Augen weiteten sich, der Umschlag fiel zu Boden, als Jonas den Mann in weißem Ganzkörperanzug zur Seite stieß und loslief. Erst langsam, dann immer schneller. Sein Ziel war der letzte Waggon des ICE 782. Die Rufe, er solle den Tatort nicht verunreinigen, überhörte er. Jonas musste es mit eigenen Augen gesehen haben, sonst hätte er es wohl nicht geglaubt. Die notdürftigen Absperrungen interessierten ihn nicht. Jonas zerriss sie einfach und stürmte in den Raucherwaggon des Zuges durch das große Loch in der Außenhülle.
Jeder andere hätte den abartigen Gestank nach Verbrennung und die verkohlten Leichenteile zuerst beachtet. Auch die zahllosen Einschusslöcher in den Wänden, durch die das Licht der Notbeleuchtung von draußen hereinfiel waren unter diesem Aspekt allemal interessanter als das, was Kains volle Aufmerksamkeit einnahm. Sein Blick verlor sich in einem beinahe schon unscheinbaren, strudelgleichen Kreis aus rotem Sand, der sich auf Höhe der Garderobe fest in den Boden eingebrannt hatte.

Kleine Hügel wurden zu Dünen. Wind kam auf. Er trug den Sand weiter hinaus in die Wüste. So konnte sie wachsen, gedeihen und sich immer weiter ausbreiten. Die Wüste war ständig im Wandel, doch für diesen Augenblick, der nur einen Wimpernschlag im Gesicht Gottes ausmachte, blieb sie stehen und hielt inne um den Worten zweier Fremder zu lauschen, die beide nicht hierher gehörten.
„Ich hatte es mir ehrlich gesagt größer vorgestellt.“
„Größer?“ Ein überraschtes Lächeln zeichnete sich im Gesicht des Fremden ab, bevor er genüsslich ein weiteres Mal an seiner Zigarre zog. „Größer, das hat mir noch nie jemand auf diese Frage geantwortet.“ Diese Aussage entsprach natürlich nicht ganz der Wahrheit. Die meisten Menschen, die hinübergezogen wurden, reagierten gewöhnlich etwas ablehnender auf die andere Seite. ‚Oh mein Gott, ist das hier die Hölle? Was zum Henker habe ich hier verloren? Wo zum Teufel ist meine Familie?’ Eben etwas ganz Natürliches aus einer nur allzu menschlichen Ecke. Jack war keiner dieser im Schleim lebenden Kriecher, die auf dem Höhepunkt ihres Lebens, den Weg zu Gott entdeckt hatten und von da an glaubten durch regelmäßige Kirchenbesuche, Spenden im Übermaß, die wöchentliche Beichte und ehrenamtliche Arbeit für ihre bisherigen Sünden im diesseitigen Leben Buße tun zu können. Ein alter Irrglaube, dessen lange fortgeführte Tradition bis zu den Ablasszahlungen im frühen, europäischen Mittelalter zurückreicht. Gott vergibt nicht. Jedenfalls nie sofort.

„Sag mir alter Mann. Was kommt als Nächstes?“
„Das hingegen haben mich schon zu viele gefragt.“ Er machte eine kurze Pause um einen weiteren Zug zu nehmen, dann sprach er geduldig weiter. „Was als Nächstes kommt Jack, sollte Dir doch wohl klar sein. Dein Pfad wird lang und steinig sein, und dein Weg zurück ist gut versteckt. Ich will Dir nichts von Prüfungen erzählen, die du zu meistern hast, aber ich will nicht leugnen, dass es sie gibt. Du wirst auf Komplikationen sowie starken Widerstand stoßen und ja auf eine abartige Weise wird man prüfen, ob Du würdig bist. Alles hat nun mal seinen Preis, Junge. Die Schwierigkeit liegt nur darin, dass wir nie wissen werden, wie hoch er ist, bevor es zu spät ist.“
„Sind ja schöne Aussichten. So was in der Art hatte ich schon erwartet. Ein netter, kleiner Spaziergang durch die Wüste der 1000 Gefahren. Ein bisschen wie Jesus von Nazareth, findest Du nicht?“ Der Fremde rückte grinsend seinen Hut zurecht und nahm noch einen Zug. „Wohin wird mich dieser Weg führen?“
„Ich weiß es nicht. Das ist eines dieser Dinge im Leben, die man selbst ergründen muss.“
„Aber wohin soll ich mich wenden?“
„Dein Tod war nur der Anfang, Junge. Lenke Deine Schritte immer dem Horizont entgegen, zur ewigen Stadt hin. Dort wirst du finden, was Du so dringend begehrst. In Babylon wirst du Antworten bekommen und vielleicht auch deinen Weg ins Licht.“
Jack fingerte eine Zigarette aus dem zerdrückten Päckchen, welches er in seiner linken Hosentasche aufbewahrt hatte. „Es gibt also noch viele zu beseitigen, bevor ich zurückkehre.“ „Diese Entscheidung liegt ganz allein bei Dir, mein Freund.“ Es war keine Frage, mehr eine Feststellung.
„Feuer?“ Das Aufklacken eines Sturmfeuerzeugs hallte über den Wüstensand. „Keine Sorge. Du wirst nicht lange allein sein. Ich werde jemanden schicken, der Dir Gesellschaft leistet.“
Im nächsten Moment war der Fremde in Schwarz war verschwunden, als wäre er nie hier gewesen. Zurück blieben nur Jack und das Sturmfeuerzeug, welches in den heißen Wüstensand gefallen war. Er hob es auf und entflammte die Zigarette. „Feuer, wenigstens gibt es hier mehr als genug davon.“

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:18)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

25.12.2005 18:31

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

11

‚Aus der Asche’

Ein schriller Ton, der an das Kratzen von spitzen Nägeln über eine Tafel erinnerte, durchdringend und jede Faser des Körpers reizend, aber er erfüllte seinen Zweck. Zeit aufzustehen. Sie würde es heute ruhig angehen lassen. Ein kurzer Blick auf den goldenen Ring, in dessen kunstvoll gearbeiteter Fassung ein grüner Smaragd eingebettet war. Wie er da so lag, klein und unscheinbar auf dem Nachttisch unter der verchromten Lampe, als würde er nur auf sie warten. Ein erleichtertes Lächeln zeichnete sich auf Sarahs Gesicht ab. Die letzte Nacht war also doch kein Traum gewesen. Es schien zwar alles so kitschig und unwirklich, aber es musste so passiert sein. Der Ring war der unumstößliche Beweis.
Verschlafen drehte sie sich noch mal auf die Seite. Die Stelle neben ihr war schon kalt. Er war sicher schon auf der Arbeit. Auf dem Kopfkissen lag eine kleine Notiz.
‚Hoffe, Du hast ausgeschlafen. Das Frühstück wartet in der Küche auf Dich. Wünsche Dir einen ruhigen Tag, mein kleiner Kolibri. Ich zähle schon die Sekunden bis zu unserem nächsten Wiedersehen, bis morgen Abend. In ewiger Liebe, Matthias.’ stand darauf in rosa Buchstaben mit vielen kleinen Herzchen und Smilies versehen. Sarah musste schmunzeln. Das Kind im Manne war wieder bei ihm ausgebrochen. So war er nun mal, und nicht nur dafür liebte sie ihn.
Nach der üblichen Aufstehroutine, die im Wesentlichen aus Duschen, Zähneputzen und etwas Bequemes aus dem Kleiderschrank anziehen bestand, bahnte sie sich ihren Weg in die Küche. Immer den roten Rosenblüten folgend, die noch überall verstreut waren. In Gedanken ging sie den restlichen Tagesablauf durch. Im Grunde musste Sarah nur ihre Sachen für heute Abend zurechtlegen. Danach hatte sie etwas Zeit um Shoppen zu gehen und konnte so ein paar Stunden totschlagen. Sie würde zwar nichts kaufen, aber das Anprobieren schöner Kleider, die sie sich nicht leisten konnte, war schon lange ein Hobby von ihr gewesen, und es würde ihr wieder ein kleines Hochgefühl verschaffen. Beim nächsten gemeinsamen Einkauf konnte das zudem auch Zeit sparen. Was sie danach vorhatte, stand noch in den Sternen. Schon im Flur nahm sie den angenehmen Geruch nach frischen Madleins wahr. Der Tag fing ja gut an.

Zu dieser Zeit war Sarahs Welt noch in Ordnung gewesen. Die Zukunft schien rosig und das Licht am Ende des Tunnels war hell und klar. Was drei Monate alles verändern können…

Der Regen hatte schon vor Stunden aufgehört. Aus anfänglichen Wasserschwällen waren immer kleinere Tropfen geworden, bis sie schließlich nur noch Rinnsale waren, die langsam versiegten. Es war dunkel in der kleinen Wohnung im zweiten Stock eines mehrstöckigen Mehrfamilienhauses, einzig das Aufflackern der beleuchteten Reklame eines
24-Stundenhotels gegenüber warf gelegentlich einen roten Schein durch die verschmutzen Fenster. Herr Quan, dem diese asiatisch angehauchte Absteige gehörte, hatte seinen Nachbarn schon seit Monaten versprochen das ‚H’ schnellstmöglich reparieren zu lassen. Es wäre eine Beleidigung zu sagen, dass die Reklame so seiner Aussprache des Wortes am nächsten kam, aber es entsprach voll und ganz der Wahrheit. Das Geschäft ging seit einiger Zeit recht schleppend. Die Konkurrenz war einfach zu gewaltig und seinen Gästen etwas Fantastisches bieten konnte er auch nicht. Mit ein Grund warum Quan Prostitution in seiner schäbigen Absteige duldete. Die regelmäßigen Zahlungen des Zuhälters sowie drei Gratisnummern im Monat taten ihr übriges.
Im ersten Stock wurde der rote Vorhang beiseite geschoben. Eiligst öffnete man das Fenster und der Kopf einer jungen Frau kam zum Vorschein, die kurz darauf ihren Mageninhalt in die Nacht hinaus übergab. „Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst nicht alles auf einmal schlucken. Wann lernst du es endlich? Dumme Schlampe!“ Der markante Umriss eines hoch gewachsenen Mannes wurde neben ihr sichtbar. Der kleine rote Punkt unterhalb seines Mundes glühte zweimal auf. Ruckartig riss er ihren Kopf an den langen Haaren nach hinten. „Du stinkst, wie Du fickst, Miststück! Sie zu, dass Du Dich frisch machst. So wie es aussieht, haben wir heute Nacht noch Einiges aufzuarbeiten!“ Das zierliche Ding wurde mehr zurück ins Zimmer gestoßen, als dass sie freiwillig ging. Vermutlich hatte sie sich ihren ersten Tag im neuen Job etwas anders vorgestellt. Das Geräusch einer zugeschlagenen Tür hallte durch die Straße. Es kümmerte ihn nicht. „Schau sich das einer an. Der alte Japse hat die verdammte Birne immer noch nicht auswechseln lassen. Als würden wir ihm nicht schon genug für diesen Dreck zahlen.“ Er schnippte die Kippe aus dem Fenster hinunter auf den Bordstein, wo sie im klaren Wasser einer Pfütze erlosch. „Fertig oder nicht, es wird Zeit für die vierte Runde!“ Das Fenster schloss sich wieder und der Vorhang wurde zu gezogen. Wenn man darüber nachdachte, hatte Viagra unter gewissen Umständen durchaus seine Vorteile.

Die Wohnung im zweiten Stock gegenüber schien verlassen. Wüsste man nicht was erst vor kurzem hier geschehen war, käme man zu dem fälschlichen Schluss, dass hier schon seit Wochen niemand mehr anzutreffen wäre. Schmutz und Unordnung waren allgegenwärtig. Es gab weder Blumen an den Fenstern noch hatte sich jemand die Mühe gemacht die zwei trostlosen Topfpflanzen auf dem kleinen Balkon regelmäßig zu gießen. Sie waren am Verwelken und so gut wie tot. Der erst kürzlich vorbei gezogene Regenschauer hatte da auch nichts mehr retten können. Im Vergleich zu ihrem Innern war diese Fassade eine richtige Augenweide.

Wir schreiten durch die Dunkelheit, vorbei an verrückten und umgestürzten Möbeln, durch das schräge Bild zertrümmerter Einrichtung, überall liegen Kleidung, Gebrauchsgegenstände des Alltags und Essensreste am Boden verteilt. Unser Blick fällt auf die offenen Tablettendöschen neben dem Bett. Wir können nur erahnen, was mit dem Inhalt geschehen ist. Vom Schlafzimmer kommen wir auf unserem Weg durch die Diele und von dort ins Wohnzimmer. Auch hier reißt die Herrschaft des Chaos nicht ab. Der süße Geruch nach Erbrochenem und Exkrementen liegt in der Luft. Der Glastisch vor dem Fernseher ist zerschlagen. Vorsichtig weichen wir den Scherben aus, in deren Mitte ein Foto aus besseren Tagen liegt. Ein Mann und eine Frau in inniger Umarmung, sie lächeln. Wie schön doch das Gefühl der Liebe ist, schlimmer noch, wenn es fort ist. Sein Gesicht wurde herausgeschnitten. Wir wissen, was damit geschehen ist und brauchen nicht danach zu suchen. Hier gab es sie nicht mehr. Unser Ziel ist die Küche. Dort liegt sie, neben dem Klapptisch inmitten ihrer Sachen. Durch einen Spalt schauen wir hinein. Erhaschen einen kurzen Blick auf das Häufchen Elend. Leise treten wir ein. Es dürstet uns nach mehr. Ihre Nähe, das ist es, was wir suchen, ihr nahe sein und sie sanft liebkosen, ihren Schmerz mit uns hinfort nehmen und das Leid ungeschehen machen. Unsere Hand berührt ihre Wange. Sie ist blass und kalt. Doch halt! Nein, es ist noch nicht an der Zeit, unschuldiges Kind. Wach auf! Wach auf und erhebe dich geschwind!

Sarah öffnete die Augen, setzte sich ruckartig auf und begann zu schreien. Sie schrie so laut sie konnte. Vertrieb die bösen Geister aus ihrem Verstand und kehrte wieder ins Diesseits zurück. Angst war es nicht, was sie trieb, eher ein natürlicher Reflex. Die Schreie wichen einem kratzenden Husten, der in ein krampfhaftes Würgen überging. Ihr war einfach nur schlecht. Auf dem Weg ins Bad, den sie auf allen Vieren zurücklegte, versuchte sie sich zu beherrschen. Die Toilette war schon in Sicht, als die Natur über Sarah triumphierte und sie ihren kaum verdauten Mageninhalt in die vertrauensvollen Hände der Badewanne übergab. Hinterher fühlt man sich immer besser.
Erleichtert ließ sie sich auf die weiche Matte vorm Waschbecken fallen. Ein paar tiefe Atemzüge, und es würde ihr besser gehen. Schmerz verspürte sie nicht, nur das Gefühl dieser inneren Leere pochte tief in ihr, weit unterhalb des Herzens und dennoch drang es hinauf in ihren Verstand. Mit einem Mal sah sie alles so hell und klar. Die Antworten schienen so logisch und sie hätte fast geweint, als ihr die Antwort auf eine bestimmte Frage vor Augen geführt wurde. Sarah wischte sich die einsame Träne von der Wange. Weinen konnte sie später noch genug. Jetzt war die Zeit zu handeln.
Beim Aufstehen brauchte sie sich nicht mehr abzustützen. Wut und Jähzorn gaben ihr Kraft und Stärke. Zielstrebig ging Sarah unter die Dusche. Das Wasser war warm und vermittelte ein schönes Gefühl falscher Geborgenheit. Während es über ihren vom Leben gezeichneten Körper dem Abfluss entgegen strömte, wusch es ihre Vergangenheit hinfort. All den Schmutz und Dreck, der sich über Monate hinweg aufgestaut hatte, nahm es mit sich hinab in die dunkle Ungewissheit.
Langsam füllte sich der Raum mit diesen Nebelschwaden, die man mit heißem Duschen beschwören kann. Als sie schon fast zu dicht wurden, verließ Sarah die Dusche und näherte sich dem Waschbecken. Der rechteckige Spiegel war komplett beschlagen. Ungeduldig wischte sie den feuchten Belag zur Seite. Sie wollte zwar nur den Sitz ihrer Haare überprüfen, aber der Spiegel gab auch einen Blick auf das, was darunter lag, preis. So wollte Sarah sich nicht sehen. Auch wenn es die Wahrheit war, wollte sie es nicht sehen. Die Hand zur Faust geballt schlug Sarah wutentbrannt auf ihr Abbild im Spiegel ein. Schon beim ersten Schlag splitterte das Glas, aber erst der zweite ließ es in vielen kleinen Scherben ins Waschbecken rieseln. Ungerührt wandte sie sich von diesem Scherbenhaufen ihres einstigen Selbst ab, warf ihre durchnässte Unterwäsche in eine Ecke und ging in die Küche.
Das Handy lag noch auf der Ablage neben der Spüle, genau dort, wo es diese Bestie in Menschengestalt zurückgelassen hatte. Mit geübten Fingern öffnete sie im Handymenu das Verzeichnis der zuletzt eingegangenen Anrufe. Drei unbeantwortete Anrufe von ‚Mutter – Daheim’ Sie waren irrelevant. Der letzte Anruf kam von der Person, die sie noch mehr enttäuscht hatte als ihre Eltern. ‚Matthias – Handy, Gesprächsdauer: 09:30’ War deutlich auf dem hellgrün beleuchteten Display zu lesen. Eine überaus zufrieden stellende Antwort auf die Frage, die Sarah in diesem Moment auf der Seele brannte.
Im Schlafzimmer suchte sie sich frische Sachen zusammen, Blümchenunterwäsche, eine ausgewaschene Jeans mit diversen Löchern, dazu ein grüner Pulli mit einem Bären auf der Vorderseite und darüber die Lederjacke, vom letzten Grease-Abend. Ihr neuer Look war etwas eigen, aber immerhin sauber. Bevor sie den Raum verließ, warf Sarah noch einen letzten traurigen Blick auf den Katalog mit Babymoden, der aufgeschlagen neben dem Nachtisch lag. „Dich brauche ich leider nicht mehr“, teilte sie dem menschenleeren Raum mit.

Wieder in der Küche, nahm sie ihr Handy an sich. Aus dem Haufen, der vor einigen Stunden noch eine gut sortierte Handtasche füllte, brauchte sie nur den Geldbeutel sowie den Tazer, den ihr Vater ihr zum 18ten Geburtstag geschenkt hatte. Sarah hatte es eilig. Sie wollte ihre Wohnung möglichst schnell hinter sich lassen, einerseits um Matthias und der Frau im roten Kleid hinterherzukommen, andererseits um all das zu vergessen, was ihr hier in den letzten Wochen widerfahren war. Sie rannte hinaus ins Treppenhaus und von dort hinunter auf die Straße. Dabei fiel ihr nicht mal auf, dass sie ihre Schuhe vergessen hatte, geschweige denn die aus den Angeln gebrochene Tür.

Draußen wäre Sarah beinahe in eine der Bordsteinschwalben von gegenüber gerannt, die als Konsequenz eines weniger erfolgreichen Tages noch etwas Nachtschicht am Rinnstein schieben musste. Sarah kannte sie nur flüchtig. Candy, Mandy oder Sandy oder so ähnlich. Für sie klangen Prostituierte alle gleich.
„Was geht denn mit Dir, Schwester?“, fauchte sie der aufgetakelte Pfau in pinkfarbener Spitze an. Sie hatte keine Zeit sich mit Sandy, wie sie die Nutte spontan taufte, zu befassen, welche Sarah nach wie vor musterte. „Wie siehst Du denn aus? Wuh! Was ist mit Deiner Hand? Die sieht ja ziemlich übel aus!“
In Sarahs rechtem Handrücken hatten sich mehrere Splitter gebohrt, die tief unter die Haut gingen und die Schichten darüber unschön hervorhoben. Sarah hatte sie wirklich nicht bemerkt. „Komisch und es tut gar nicht weh“, war ihre trockene Antwort, als sie die Gröbsten von ihnen mit bloßen Händen entfernte. Ungläubig starrten beide Frauen auf Sarahs Handrücken. Sandy kam als erste wieder zu Wort. „Sollte es nicht bluten oder so was? Das solltest Du unbedingt einem Arzt zeigen!“ Sarah reagierte überhaupt nicht. Ihr Blick haftete weiterhin auf den ungewöhnlichen Wunden. Die Schnitte waren lang und tief, aber es gab kein Blut, da war nur ein schwacher grüner Schimmer.
Verschreckt zuckte sie zusammen, als ihre Hand ergriffen wurde und Sandy die Verletzung mit ihrem Seidenschal abband. Mit einem Kuss auf den mehr als dürftigen Verband beendete sie ihr Werk. „Damit Deine Hand auch ja schnell wieder gesund wird.“
Fassungslosigkeit stand Sarah ins Gesicht geschrieben. Wie konnte sich diese Person vom Bodensatz der Gesellschaft dazu herablassen ihr zu helfen. Sie wäre die Letzte gewesen von der sie Hilfe erwartet hätte. Womit hatte sie diese aufopfernde Gutmütigkeit verdient? Für Sarah war es unbegreiflich. Von der Seite schaute Sandy sie besorgt an. „Jeden Tag eine gute Tat, hat meine Mutter immer gesagt. Mach Dir mal keinen Kopf. Der dürfte halten, bis Du im Krankenhaus bist, Kleine.“
Sarah wusste nicht, was sie sagen sollte und selbst wenn ihr passende Worte des Dankes eingefallen wären, hätte sie keinen Ton herausbekommen. Für sie schien dies alles so unwirklich und fern. Nur mühsam konnte sie den sich anbahnenden Weinkrampf unterdrücken. Sarah kehrte ihr den Rücken zu, wischte sich eine einsame Träne von der Wange und begann, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wieder zu laufen.
„Ein ‚Danke’ wäre nett gewesen“, rief ihr Sandy noch hinterher, aber es blieb ungehört. Sarah rannte weiter durch die Straßen der Nacht mit nur einem klaren Ziel vor Augen. Das Licht am Ende ihres Tunnels hatte sich verändert.

Ein stummer Schrei suchte verzweifelt einen Weg nach draußen. Zähne und immer mehr schwammige Hautfetzen fielen in eine sich stetig vergrößernde Blutlache, die bisher nur von Haaren, die den kümmerlichen Resten einer Zunge Gesellschaft leisteten, beansprucht wurde. Das ehemals schöne Gesicht bröckelte langsam auseinander. ‚Keine gute Tat bleibt ungestraft.’ Diese Lektion hatte sie nun gelernt und zurück blieb nur ein Alptraum in pinkfarbener Spitze.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:18)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

25.12.2005 19:00

V!3cH
Exnick:Bernd das Brot
Ort: Wien
Registriert: 29.09.2004
Beiträge: 457
Web-Seite

Re: In Nomine

hab mir nicht alles durchgelesen aber von dem was ich gelesen hab bin ich beeindruckt...
es is doch irgendwie ein neuer stil bzw einer den ich bis jetzt noch nicht gelesen hab :)
wirklich n1

mfg V!3cH

PS: ich möcht nicht wissen wie du reagierst wenn dein browser abstürtzt :>


ich trinke nicht ich kiffe nicht!
ich halte dies für richtiger
und musik fällt für mich nicht unter drogen

Offline

25.12.2005 20:44

Foolish Fox Furry
fgsfds
Ort: Sparta
Registriert: 28.02.2003
Beiträge: 2803

Re: In Nomine

Sowas schreibt man nicht im Browser.

EDIT: Glückwunsch zum meistgelesenen Thread im Geschichten Forum. In so kurzer Zeit haste dich aber ganz schön hochgeacktert und warscheinlich auch viele Leutchens begeistert, also offiziel meinen Glückwunsch dazu!

Offline

11.01.2006 22:21

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

12

‚Alte Wunden’

„Darf ich dir noch etwas Kaffee nachschenken, Schätzchen?“ Lily, so lautete wohl ihr Name. Jedenfalls stand er auf dem leicht vergilbten Namensschildchen, das ihre türkisfarbene Kellneruniform links oben auf Brusthöhe zierte. Auch wenn Jack sie nicht näher kannte, war sie das perfekte Beispiel für zerplatzte Träume auf dem Weg zum Ruhm. Sie musste schon eine halbe Ewigkeit in diesem heruntergekommenen Laden arbeiten und ihren Job lieben wie ein Regenwurm die Sonne. Die furchenartigen Falten und der aufgesetzt freundliche Gesichtsausdruck sprachen Bände. „Nein Danke, ich habe noch genug.“ Das war natürlich gelogen. Der Kaffee hier schmeckte mehr als beschissen. Dreckbrühe wäre noch ein Kompliment an den Küchenchef gewesen, der augenscheinlich nicht mal Kaffee richtig hinkriegen konnte. Er fragte sich, wie erst sein Rührei schmecken dürfte. Jack wollte sich nicht vorstellen, wie dieser fette Sack schwitzend in seiner von Kakerlaken und Ratten verseuchten Küche stand, um mit seinen gewaltigen Wurstfingern das Essen für die Gäste zuzubereiten. Nebenbei gab es für ihn Wichtigeres zu durchdenken.

‚Rosie’s Diner - Geöffnet bis zum Morgengrauen’ Hatte auf dem Schild gestanden, lieblos mit blauer Farbe auf einer schlampig zusammengenagelten Anordnung alter Bretter, am Rande der Straße, deren Sinn und Zweck für ihn mehr als deutlich erkennbar gewesen war. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten war seit Alters her eine gerade Linie, und Jack war irgendwo dazwischen auf diesen Weg gekommen.
Was ein Diner im amerikanischen Stil der frühen sechziger Jahre hier draußen im Nichts zu suchen hatte, war eine andere Frage. Aber warum sich beschweren? Nach dem eher eintönigen Marsch durch den roten Wüstensand war es neben dem Lager und dieser Straße eine weitere willkommene Abwechslung.

Sein erneutes Zusammentreffen mit dem Fremden in Schwarz lag schon einige Tage zurück und Jack war eher schleppend im Meer aus Rot vorangekommen. Das Ziel hatte er klar vor Augen. Die Silhouette der ewigen Stadt am Horizont in weiter Ferne schien dennoch nahezu unerreichbar. Babylon, er würde einen Weg dorthin finden, mit allen Mitteln. Einfach Nichts und Niemand würde ihn davon abhalten können.
Die rote Wüste war scheinbar wie jede andere Wüste auch. Hauptsächlich roter Sand, kaum Anderes soweit das Auge reichte, hin und wieder etwas abgestorbenes Gestrüpp, sonst nichts. Tagsüber quälte einen die Hitze, während man nachts von frostiger Kälte erwartet wurde. Ein schöner Ort um jung zu sterben und ruhig zu Grunde zu gehen, wären da nicht die Schreie, die mit der Dunkelheit kamen.
Sie schienen von überall und nirgends zu kommen, qualvoll, schmerzerfüllt oder aussichtslos verzweifelt. Jack konnte es nicht genau definieren, vermutlich hätte er sich mit der Zeit an die Schreie in der Nacht gewöhnen können, aber es war nicht weiter nötig gewesen. Eines Abends verstummten sie und wurden von einer schwarzen Rauchsäule sowie dem schwachen Schein eines gewaltigen Feuers am Horizont abgelöst. Weit konnte es nicht mehr entfernt sein. Das Knacken der Holzscheite war deutlich zu hören. Einige Stunden später wurde Jack in einer kleinen, von mehreren Dünen umschlossenen, Senke schließlich fündig.
In der Mitte eines ebenen Platzes brannten die letzten Reste des Feuers, das mehr wie ein Scheiterhaufen aussah. Große Holzspieße waren in seiner Nähe in den Boden getrieben worden, an denen die letzten Reste gebratenen Fleisches vor sich hin brutzelten.
Um das Feuer herum hatte man in ausreichendem Abstand mehrere provisorische Zelte errichtet, die entweder zerstört oder schwer beschädigt waren. Stofffetzen hingen lose herunter und ermöglichten kurze Einblicke ins Innere. Was immer hier passiert sein musste, die Bewohner dieses Ortes waren noch nicht lange fort.
Etwas abseits konnte Jack noch einen Hügel erkennen, der aschfahl im Mondlicht glänzte. Er vermutete, dass es sich um Knochen und andere Abfälle handelte, wollte sich jedoch nicht weiter damit beschäftigen.
Über alledem lag der immer unwiderstehlicher werdende Geruch nach Gebratenem. Sein Hunger war für Jack kaum noch zu ertragen gewesen. Mit einem gewaltigen Satz sprang er über die Dünenkuppe, die ihm als sicheres Versteck gedient hatte und rannte auf das Lager zu. Etwa zehn Schritte bevor Jack das erste Zelt erreicht hatte, hörte er einen unmenschlichen Schrei hinter sich, laut, klar und eindeutig. Instinktiv ging er hinter den Resten einer zerschlagenen Kiste in Deckung, zog in derselben Bewegung seine Beretta und spähte suchend in die Dunkelheit. Stille, was auch immer diesen Schrei von sich gegeben hatte, es war fort. Eilig griff Jack sich, was er an Fleisch tragen konnte und verschwand im Dunkel der Nacht.

Auf die Straße stieß er zwei Tage später. Im Grunde bestand sie nur aus zwei breiten Spuren grauem Teer, dessen gelbe Fahrbahnmarkierungen größtenteils verblasst waren. Sie schien in beiden Richtungen bis zum Horizont zu verlaufen. Auf der einen Seite war kein Ende in Sicht. Auf der anderen ragten in weiter Ferne die kaum erkennbaren Umrisse einer Stadt in den wolkenlosen Himmel. Babylon, das musste es sein. Er hatte endlich den Weg gefunden. Es war alles nur noch eine Frage der Zeit. Schon komisch, sie hatte einfach so dagelegen, am Rande einer Ebene, von denen er schon zu viele hatte durchqueren müssen, unauffällig und unscheinbar, als hätte sie dort schon immer auf ihn gewartet. Zuerst war es nach all dem Sand etwas ungewohnt, aber mit der Zeit tat es gut, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Verrottet, verlassen und heruntergekommen. Hätte Jack den Betonklotz am Rande der Straße beschreiben müssen, wären ihm sicher diese drei Worte in den Sinn gekommen. Von außen machte das Diner zweifellos keinen guten Eindruck. Die Fensterscheiben waren überraschenderweise alle noch in Takt, doch genau wie die eigentlich farbenfrohe Leuchtreklame, die einladend 'Rosie’s Diner – Restaurant und Cafe' verkündete, unter einer dicken Sandschicht begraben. Wie so oft im Leben sind es jedoch die inneren Werte die zählen. Selbst wenn hier niemand mehr gelebt hätte, böte es zumindest für die kommenden Nächte ein solides Dach über dem Kopf.

„Wie schaut es mit dem Essen aus?“
„Ein bisschen Geduld noch, Rodney hat gerade erst den Herd angeworfen.“ Lily entfernte sich mit ihrem falschen Lächeln, in einer Art vorsichtigem Tippelschritt, um einen weiteren Gast am Tresen mit dem Kaffee zu belästigen. Es war mehr als offensichtlich, dass ihre Stöckelschuhe maßgeblich zu der unbequemen Art zu gehen beitrugen. Etwas stimmte hier nicht. Dieses Gefühl hatte Jack schon beim Betreten des verhältnismäßig gut gepflegten Innenraumes gehabt.
Die wenigen Personen, die außer ihm noch hier waren, schienen genau wie Lily keinen Anstoß an seinem entstellten Äußeren zu nehmen. Außer ihr gab es da noch Rodney, den untalentierten Koch, den Jack nur kurz im Bullauge der Schwenktür zur Küche gesehen hatte sowie zwei weitere Gäste im Schankraum, beides Männer mittleren Alters in normaler Straßenkleidung. Einer von ihnen saß an einem Tisch direkt neben dem Eingang und hatte seinen Kopf schon seit einer guten halben Stunde nicht mehr aus der Zeitung, die er gerade las, gesteckt. Nicht mal als Lily ihm auch etwas Kaffee anbot, hatte er sich die Mühe gemacht auch nur einen Moment aufzusehen. Der andere saß vier Barhocker weiter mit Jack am Tresen. Ein Vielfraß, wie er nicht in jedem Buche stand. Gertenschlank und schlaksig schaufelte er mittlerweile die dritte Portion French Fries aus einer übergroßen Porzellanschüssel mit den Händen in seinen ketchupverschmierten Mund. Wer waren diese beiden Gestalten? Suchende, wie er einer war? Und was noch wichtiger war, wie kamen sie hierher? Auf dem von Sand und Gerümpel beherrschten Vorplatz hatte Jack jedenfalls keine Wagen, Pferde oder sonstige Spuren eines Transportmittels gesehen. Es hatte nicht mal Fußspuren gegeben, aber die hätte der Wind sowieso nach kurzer Zeit unkenntlich gemacht.

Auch wenn sich das ungewöhnliche Gefühl bekannter Vertrautheit in seinem Zusammenhang bekannt machte, interessierte Jack der gierige Vielfraß nicht weiter. Es wären unpassende Gedanken gewesen sich weiter dem hypnotischen Spiel der Völlerei zu widmen.
Des Weiteren schien es ekelhaft ihm beim regelrechten Kampffressen zuschauen zu müssen, und irgendwie steigerte es den eigenen Hunger nur noch mehr.
Der Mann hinter der Zeitung wirkte weniger reizvoll. Immerhin war es weitaus appetitlicher ihm beim exzessiven Studieren seiner Lektüre zuzusehen. Jemand, der so las, hatte entweder eine Leseschwäche oder eindeutig etwas, das es sich zu lesen lohnte. Wie ein unüberwindbarer Wall aus Papier und Druckerschwärze schirmte ihn die Zeitung von der restlichen Welt ab. Ein wenig bekannter Kriegstreiber hat einmal gesagt, dass Medien die wahren Massenvernichtungswaffen der modernen Gesellschaft darstellen. Auch wenn er diese These ein halbes Jahrhundert zu früh aufgestellt hatte, hat sie unter heutigen Gesichtspunkten einen erschreckend hohen Wahrheitsgehalt.

Medien gehen unter die Haut. Sie dringen tief in deinen Körper ein und fressen sich im Unterbewusstsein des hilflosen Verstandes fest. Sie beeinflussen uns jeden Tag aufs Neue. Es ist keineswegs mehr egal, was wir Trinken, Essen oder Anziehen. Die Medien geben ein Metrum vor, nach dem sich die breite Masse zu orientieren hat. Wie Rinder, die zur Schlachtbank getrieben werden. Richtig oder falsch gibt es nicht mehr. Alles kann ins rechte Licht gerückt werden. Kleine Dramen des Alltags, eben so gut wie wichtige Entscheidungen, die ganze Länder und Kontinente ins Chaos stürzen könnten. Die Medien berichten als Erste darüber.

Auf den ersten Blick hätte man annehmen können, dass es sich um eines dieser Käseblätter handelte, die man zu Hauff an jedem Kiosk nachgeworfen bekommt, und von denen es schon viel zu viele gab. Solche Papierverschwendungen haben unter gewissen Umständen durchaus einen akzeptablen Unterhaltungswert, aber alles in allem sind sie selten das Ökopapier wert, auf das sie gedruckt wurden. Jack konnte von seinem Platz nur eine Ansammlung kleiner Textblöcke erkennen, die willkürlich durch Absätze oder Illustrationen getrennt wurden.

„Einmal die 34. Rührei mit extra Bacon.“ rief Rodney aus der Durchreiche in den mit Totenstille gefüllten Schankraum. Das gelegentliche Schmatzen des Vielfraßes am Tresen, Wind, der sandig an der Fassade kratzte, das Klappern einer schon längst wartungsbedürftigen Klimaanlage und ein kaum hörbarer golden Oldie, den die Jukebox neben dem Gang zu den Toiletten spielte. Still war es hier keineswegs, eine andere Art von Stille beherrschte den Raum. Obwohl Rodney genau wusste, dass Lily es offensichtlich hasste, und es eigentlich nicht nötig war, schlug er noch zweimal auf die kuppelförmige Klingel, bevor sein Mondgesicht wieder in der Küche verschwand. Macht der Gewohnheit könnte man annehmen, pure Gehässigkeit entsprach mehr der Wahrheit.
„Guten Appetit wünsche ich!“ Lily stellte den gut gefüllten Teller vor Jack auf den Tresen und wandte sich wieder wichtigeren Dingen zu. Anfängliches Zögern gab es für jemanden wie Jack nicht. Nach all den Wochen, die erste vernünftige Mahlzeit. An den Ecken verbrannt und mit viel Liebe zubereitet, aber er scherte sich nicht darum. Von den besonders schwarzen Stellen würde er jedoch die Finger lassen. Jack war nur am Verhungern, nicht lebensmüde.
Die ersten Bissen gingen runter wie Öl. Es schmeckte verhältnismäßig gut, und so war es kein Wunder, dass sich schon ein paar Happen später die übliche Routine wieder einstellte. Jack konnte nicht einfach dasitzen und es sich schmecken lassen. So etwas gab es in seiner Branche nicht.

„Bombenanschlag auf Fuldaer Bahnhof – Ganze Stadt im Ausnahmezustand?“ Die Headline war groß und vom Tresen aus gut zu erkennen gewesen. Nur kurz hatte Jack mit dem Gedanken gespielt, dann war er aufgestanden und hatte sich mit seinem Teller an den Tisch mit der Zeitung gesetzt. Flüchtig überflog er die anderen Artikel. „Häuserbrand am Aschenberg – Hunderte über Nacht obdachlos“, „ Der Unheimliche hat wieder zugeschlagen?! - Einzige Überlebende seines letzten Massakers seit Freitag vermisst“, „Namhafter Reporter von wütendem Mob krankenhausreif geschlagen.“ Im Grunde waren es nur Lappalien, die im Vergleich zur Headline, welche seine Aufmerksamkeit geweckt hatte, weniger interessant waren. Nur Text, keine Bilder, im Wesentlichen wurde auf die Fotoserie sowie einen Auszug aus dem ausführlichen Bericht eines Oberkommissars auf Seite 5 verwiesen.
„Entschuldigen Sie, aber würde es ihnen etwas ausmachen mir einen Teil ihrer Zeitung für einen Moment zu leihen?“ Jack sprach den Mann hinter der Zeitung, der bisher keine Notiz von ihm genommen hatte, direkt an. Sicher war er gerade auf Seite 5 und der dortige Bericht so fesselnd, dass er nicht bemerkt hatte, wie sich Jack ihm gegenüber hingesetzt hatte. Statt einer klaren Antwort bekam Jack etwas, mit dem er selbst hier draußen nicht gerechnet hatte.
Dabei geschah erstmal nichts. Im nächsten Moment spaltete sich aber schon die Zeitung und eine Klinge wurde durch den fast leeren Teller in den Tisch getrieben. Ein blutverkrustetes Butterfly, dessen Besitzer Jacks Weg vor gar nicht allzu langer Zeit gekreuzt hatte. „Ist es nicht eher das was sie suchen?“ Walter von Hagens einäugiges Gesicht starrte ihn mordlüstern grinsend von der anderen Seite des Tisches an.

Einen einzelnen Schuss, mehr brauchte Jack nicht. Die Kugel durchschlug von Hagens Brustkorb und riss ein beachtliches Loch in seinen Oberkörper, dessen blutiger Inhalt die bequeme Lederbank in angenehmes Rot färbte. Das diabolische Grinsen wich einem Ausdruck überraschten Entsetzens, bevor er das Auge verdrehte und tödlich getroffen nach hinten kippte.
Jack fuhr herum, die Waffe noch immer im Anschlag. Sie waren allein. Der Platz, an dem der Vielfraß gesessen hatte, war leer. Er hatte endlich aufgehört, Jack hatte ihm die richtige Motivation gegeben. Von Lily gab es auch keine Spur. Sie musste zu Rodney in die Küche geflohen sein. Jack stand auf und näherte sich langsam dem Tresen.
„JACK!“ Der Schrei ging einem durch Mark und Bein. „Sie wollen uns doch nicht etwa schon verlassen?“ Der Angesprochene drehte sich im selben Moment um, die Waffenhand hoch gerissen, mit dem Finger am Abzug, dieses Mal zögerte er jedoch.
„Von Hagens? Welch unangenehme Überraschung.“ Walter stand am anderen Ende des Tresens, das blutverkrustete Butterfly hielt er in der linken Hand. „Dachten sie wirklich, dass ich es ihnen wieder so leicht machen würde?“ Mit der Klingenspitze deutete er auf das Loch in seiner Brust. Es war nach wie vor vorhanden und schien ihn in keinster Weise zu beeinflussen. „Sie sehen also, auch ich habe mich verändert.“
Das hatte er in der Tat und Jack hatte augenscheinlich dazu beigetragen. Er trug immer noch denselben Anzug, den er im Zug getragen hatte. Walter hatte sich nicht die Mühe gemacht seine leere Augenhöhle zu verdecken oder auf sonst eine Weise zu verbergen, sodass man bei genauerem Hinsehen einen Blick auf das Innere seines Schädels hätte werfen können.
Die Wunde, die Jack ihm hier zugefügt hatte, war weiterhin vorhanden, und wenn ihn schon die Kugel durch den Brustkorb nicht hatte töten können, die Kopfverletzung hätte ihn allemal umgebracht. Dennoch war er hier und immer noch quicklebendig.
„Ist nicht zu übersehen. Was macht ihr Auge?“ Ein Anflug von Zorn huschte durch Walters selbstzufriedenes Gesicht. Jack ließ ihn sprechen. Das war das Geringste, was er ihm schuldete.
„Dem geht es gut. Wissen sie Jack… Ich darf sie doch Jack nennen? Ich bin eigentlich kein besonders nachtragender Mensch. Wenn sie mich näher kennen gelernt hätten, wüssten sie, dass ich alles andere als jähzornig bin, aber die Umstände wollten es wohl anders. Schicksal. So sehe ich das, und ich danke ihnen dafür, dass ich hier sein darf. In der kurzen Zeit, die ich hier bin, habe ich viel gelernt. Über mich und sie. Antworten auf Fragen, die mich schon immer gequält haben. Es steht nur noch eine klitzekleine Sache zwischen mir und meinem vollkommenen Glück.“
„Und das wäre?“
„Ach kommen sie schon Jack. Sie sind doch ein kluger Bursche. Tony hat sie gar nicht so begriffsstutzig beschrieben.“
„Tony?“ Jack sprach diesen Namen noch mal aus, er klang bekannt, irgendwie verband sich auch ein Gefühl von Vertrauen mit diesem ihm, aber Jack konnte es nicht genau einordnen. Ob er einen Tony gekannt hatte? Aber woher? Jack konnte sich nicht erinnern. Es war auch nicht nötig. Das Leben führte hier Regie oder vielmehr der Tod, und es war Zeit für die nächste Szene.
Die Umrisse eines Mannes schnellten hinter dem Tresen hervor. Er war schnell, keine Frage. Zu schnell für Jack. Noch ehe er reagieren konnte, hatte der Mann, den er vorhin spontan Vielfraß getauft hatte, einen 45er Colt auf Jacks Kopf gerichtet. „Runter mit der Waffe!“ Jacks eben noch fester Griff um die Beretta löste sich, und die Waffe fiel zu Boden. „Ist schon komisch Walter, ich habe ihre Stimme erst gar nicht erkannt. Sie klingen so anders, wenn sie nicht um ihr Leben winseln.“ Stämmige Arme ergriffen Jack von hinten und drückten die seinen sowie seinen Oberkörper fest zusammen. Es musste Rodney sein, soviel verriet der penetrante Gestank nach Schweiß und ranzigem Fett.
Dieser fette Bastard gehörte also auch zu ihnen. „Du siehst Jack. Ich habe alles wieder unter Kontrolle.“ Walters Griff um das Butterfly wurde fester und mit einem triumphierenden Lächeln kam er auf Jack zu. Zwei Schritte vor ihm blieb er stehen. „Ich sollte mir endlich zurückholen, was mir gehört. Das wäre doch nur fair oder?“ Die Hand mit dem Messer über dem Kopf erhoben sah Walter ein letztes Mal in das Gesicht des Mannes, der sein Leben zerstört hatte. Jack achtete nur auf die Klinge, die langsam auf sein rechtes Auge zu kam, dann begann er zu lachen und für einen Moment schien alles still zu stehen.

Die Nacht war im Begriff das letzte Licht des Tages zu verschlingen. Die schwarzen Sonnen hatten sich fast wieder vereint und schon in Kürze würde das Blau des Mondes seinen kalten Schleier über der Welt ausbreiten. Das wärmende rote Licht zog sich immer weiter zurück um Platz zu machen für die Nacht. Bei einem kleinen Diner am Rande der großen Straße machte es halt und verweilte für den Bruchteil einer Sekunde. Die Nacht konnte warten.

Die doppelte Schwingtür des Diners wurde aufgestoßen. Ein Mann trat hinaus ins Freie. Blut hatte seine weißen Haare an einigen Stellen verfärbt, und auch seine Kleidung war voll davon. Der rechte Arm hing schlaff herunter. In seiner linken Hand hielt er eine Beretta, an der neben dem Blut Knochensplitter und ein wenig Gehirnmasse klebten. Den Kopf in Gedanken versunken gesenkt führte ihn sein bedächtiger Schritt immer weiter gen Straße.
Die unverwechselbare Hupe eines alten Ford Mustang ließ ihn überrascht aufsehen.
Der komplett schwarz lackierte Wagen parkte mit heruntergekurbelten Fenstern auf der anderen Straßenseite. Neben der Fahrerseite stand ein hoch gewachsener Mann in orangefarbener Sträflingskleidung. Sein langes blondes Haar wehte im aufkommenden Wind. Ash rückte seine verspiegelte Sonnebrille auf Stirnhöhe, bevor er ein weiteres Mal die Hupe betätigte. „Du bist Jack, nehme ich an?“

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:19)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

12.01.2006 01:33

Marya
Forenkatze
Ort: Österreich, OÖ bzw Wien
Registriert: 08.12.2003
Beiträge: 428
Web-Seite

Re: In Nomine

So jetzt muss ich die Geschichte nach dieser Fortsetzung auch mal kommentieren. Mir gefällt dein Schreibstil sehr gut (Deine erste Geschichte? Bemerkenswert.), richtig schön anschaulich und mit vielen Vergleichen. Sehr schön geschrieben finde ich.
Ich habe nur leichte Probleme der Handlung noch zu folgen da ich den Rest schon vor einiger Zeit gelesen habe und extrem viele Personen vorkommen (Hut ab das du die alle noch im Griff hast und da noch durchblickst). Ich glaube das ist etwas was ich wohl in gedruckter Form lesen sollte und in einem durch. :)

Du hast Talent, weiter so.

Offline

14.01.2006 17:38

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

Vorweg erstmal danke an alle, die ihre Meinung zu 'In Nomine' gepostet haben. Denn letzten Endes sind es eure Meinungen, die zum Weiterschreiben motivieren ;)

@V!3cH: Wie Foolish Fox Furry schon richtig gestellt hat wäre es wirklich etwas naiv so viel Text nur im Browser zu schreiben. Word ist da wirklich hilfreicher, auch wenn beim Übertragen ins Forum einige Dinge verloren gehen. Sowohl von der Optik her, als auch von Kursiv hervorgehobenen Passagen und sonstigen Verschönerungen, die im Forum nicht nötig sind. Wer Intresse an einer Worddokumentversion der Geschichte hat kann mich gerne anschreiben.

@Foolish Fox Furry: Es freut mich das meine Geschichte hier so großen Anklang gefunden hat. Zwar sind es viele stille Leser, aber im Nachhinein würde es auch blöd klingen über tausend Mal das Selbe zu hören. Da die Geschichte immer noch am Anfang ihres Weges steht wird das sicher noch viel weiter gehen, aber lassen wir uns überraschen.

@Marya: Jep, das ist ein kleines Problem der Geschichte. War das erste Kapitel weitestgehend noch sehr episodenhaft laufen nun im Zweiten viele Wege zusammen und die Handlung wird straffer und die Charaktere werden etwas übersichtlicher. Nichts desto trotz sind noch sieben weitere Kapitel geplant und vielleicht wird 'In Nomine' auch irgendwann mal im Laden stehen :)

Nochmal Danke an Alle, die In Nomine dahin gebracht haben wo es heute ist. Fortsetzung folgt... ;)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

05.02.2006 16:57

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

13

‚Liebe und Hass’

Die Liebe ist schon ein seltsames Konstrukt. Ein Leben lang versuchen wir sie zu finden und mit ihr die eine Person, die uns glücklich macht, bis dass der Tod unsere Wege für immer trennt. Jemanden, mit dem wir unsere Interessen, Vorlieben und Gefühle teilen können, ohne das lästige Wenn und Aber. Liebe heilt die gequälten Seelen, für sie sind wir bereit uns zu ändern. Wir bringen Opfer, wagen das Unmögliche, nur um sie vielleicht doch endlich zu finden. Haben wir sie dann gefunden, halten wir sie mit aller Kraft fest, denn es ist die Angst, die uns immer noch quält, die Angst, dass all das Schöne so schnell wieder vorbei sein könnte.

„Stefan Dierkes, wohnhaft in der Wienerstraße 7a  in 36045 Fulda? Eines dieser Hochhäuser am Aschenberg also?“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Weil sie beschissene Mietwohnungen in mehrstöckigen Häusern immer mit einem Vokal kennzeichnen.“
Stefan musste lachen. Ein ungewohntes Gefühl, das er so lange nicht mehr hatte genießen können. Dieser Abend hätte eigentlich die lang ersehnte Wende herbeiführen sollen. Jetzt lagen seine Träume in Trümmern, und die Zukunft hatte sich schlagartig in eine grinsende Fratze verwandelt, die ihn in weiter Ferne schadenfroh auszulachen schien.
„Rauchen Sie oder wie wäre es mit einem Glas Wasser?“
„Nein, Danke. Wieso fragen Sie?“
Sein Gegenüber klappte die Akte zu und lehnte sich in dem unbequemen Stuhl zurück. „Nun, das hier könnte länger dauern und ich möchte, dass sie sich wohl fühlen.“
Wie konnte die Sache nur so aus den Fugen geraten sein? Es war doch so gut geplant gewesen. Warum hatte sie ihm das nur angetan?

‚Neun, Zehn’ Das letzte Freizeichen verhallte unbeantwortet. Er knallte den Hörer wieder in die dafür vorgesehene Halterung und warf einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr. 23:13. Das konnte doch nicht sein. Er war sicher nicht zu spät sondern eher überpünktlich hier gewesen. Stefans Hand verschwand in seiner rechten Hosentasche und kam mit einem Päckchen Kaugummi wieder zum Vorschein.
Er hatte sogar noch genug Zeit gehabt sich die Zeitschriften und Illustrierten in der Auslage des Kiosks im Untergeschoss näher anzusehen. Nicht das er mit den neusten Nachrichten und Informationen nach dieser Nacht noch etwas anfangen musste. Es war viel mehr eine alte Angewohnheit, der er nur zu gerne noch einmal nachgegeben hatte.
Zitronenminze, der Geschmack des Kaugummis war schon nach kurzer Zeit verflogen. Wahrscheinlich wäre es ein Leichtes gewesen einen Kaugummi zu entwickeln, dessen Aroma bis in alle Ewigkeit halten würde, aber wer würde dann noch einen müden Cent in eine neue Packung mit neun weiteren, ewigen Vergnügen investieren?
Beim Kauen konnte Stefan sich am besten entspannen. Sie würde sich sicher nur etwas verspäten. Der Verkehr musste heute Abend wieder mörderisch sein, oder vielleicht steckte sie auch nur im Stau oder hatte eine Panne und zurzeit nicht die Möglichkeit an ihr Handy zu gehen. Es gab sicher eine ganz logische Erklärung. Schließlich war sie auch nur ein Mensch.

„Wir haben da ein kleines Problem, Herr Dierkes.“
Stefan schaute kurz auf und sein Blick traf den seines Gegenübers. Diese kalten blaugrauen Augen, die ihn mit einer Mischung aus Verachtung und Mitgefühl anstarrten, jagten Stefan einen kalten Schauer des Unbehagens über den Rücken.
„Hören sie mir zu Herr Dierkes?“ Der Mann, der in einen dunkelblauen Trenchcoat gekleidet auf der anderen Seite des Tisches saß, machte sich keine Mühe auf Stefans Antwort zu warten. „Ich bin mir sicher, dass sie uns mit dem Inhalt eines ihnen wohl bekannten Gegenstandes weiterhelfen können.“ Der dunkelhaarige Kommissar nickte einem Kollegen, der vermutlich hinter dem großen verspiegelten Fenster zu ihrer beider Rechten auf dieses vorher vereinbarte Zeichen gewartet hatte, zu, und kurz darauf wurde die schwere Eisentür des Raumes aufgestoßen. Ein unformierter Beamter trat ein. In seinen mit Plastikhandschuhen geschützten Händen hielt er Stefans grauen Koffer.

‚Drei, Vier…’ Stefan zählte wieder wortlos mit. ‚Fünf, Sechs’ Es war jetzt 23:18, und sie hatte sich immer noch nicht gemeldet. Das konnte doch nicht angehen. ‚Sieben, Acht’
„JA? Was ist?!“ Es war ihre Stimme, aber sie klang so anders. Dieser gereizte Unterton war mehr als ungewöhnlich. Stefan schwieg einen Augenblick und versuchte sich wieder zu sammeln. „Hallo, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Wegen heute Abend… Ich…“ KLACK. Die Leitung war tot. Im ersten Moment konnte er es nicht fassen. Wie konnte sie es nur fertig bringen ihn einfach weg zu drücken und das nach allem, was er für sie getan hatte. Sollten seine Opfer und Entbehrungen etwa völlig umsonst gewesen sein? Für sie war es sicher leicht weiterzugehen. Stefan hingegen konnte es nicht.

„Mit den Frauen ist es wie mit guten Zigarren. Bei manchen kann man auf einfachste Weise das Feuer entfachen und sie fast ein Leben lang genießen. Andere sind…“ Es folgte eine kurze Pause. Scheinbar suchte er nach den passenden Worten, „… komplizierter. Allein der Vorgang des Entfachens der Flamme gestaltet sich als unmenschlich aufwendig, und letztlich bleibt da immer noch die Frage, ob sie den ganzen Aufwand überhaupt wert war?“

‚Eins’ Ein weiterer Kaugummistreifen wanderte in Stefans Mund und verband sich unter immer heftigerem Kauen mit der übrigen geschmacklosen Masse. Das zerknüllte Einpackpapier landete auf dem Boden bei den anderen.
‚Zwei’ „Mit dem von ihnen gewählten Anschluss ist zurzeit keine Verbindung möglich. Bitte versuchen sie es später noch einmal.“ Diese Worte, und waren sie nur die emotionslose Ansage einer jungen Telefonistin, die die Welt auf diese Weise schon seit einem halben Jahrhundert erfreute, waren für Stefan wie ein Schlag in sein unschuldiges Gesicht. Es traf ihn so unvorbereitet, dass er im Begriff war das zweite Mal in seinem Leben die Kontrolle zu verlieren, und die Mischung aus verschiedensten Gefühlen bis hin zu Hass ihn ungehemmt zu überrollen drohte.

„Wut ist gut. Sie verleiht einem Menschen Kraft und ungeahnte Stärke. Dank ihr kann man seine natürlichen Grenzen überschreiten. Einfach einen Moment alles loslassen. Nicht jeder hat diese Macht. Für diese Erfahrung sollten sie dankbar sein, Herr Dierkes.“

Zuerst war es wie ein stumpfes Pochen auf der glatten Oberfläche. Der entsetzte Schrei einer überraschten Frau direkt hinter ihm schien aus weiter Ferne zu kommen. Erste Risse bildeten sich im makellosen Glas. Seine Schläge wurden immer heftiger und langsam breiteten sich die Spuren der sinnlosen Zerstörung aus. Schließlich gab das Glas unter der Wucht nach und viele kleine Splitter regneten gen Boden. Die Scheibe war zerstört. Stefan rang nach Atem. Er hatte es geschafft, es hatte gut getan, und seine Wut war erstmal verflogen.

„Selig sind die, die ohne Hass durchs Leben schreiten. Blind und unfähig ihr eigentliches Potential zu erkennen, aber ruhig im Geiste. Ich könnte so keinen Tag verleben. Wo bliebe dann der Spaß?“

Spaß? Da hatte er wohl Recht. Stefan hatte schon seinen Spaß gehabt, früher, als ihm lieb war. „Hey Sie! Keine falsche Bewegung!“ Die Stimme klang, als hätte er bereits ein Massaker angerichtet und wäre nun im Begriff sich neue Ziele zu suchen. Im übertragenen Sinne war diese Annahme im Bezug auf seine aktuelle Situation gar nicht mal so falsch. Die Scheibe und der abgerissene Telefonhörer waren zwar keine Menschen, genauso wenig wie die Glassplitter Blut darstellten, dennoch dürstete es Stefan in jenem Augenblick schon nach mehr. Welch glücklicher Zufall das „mehr“ schon vier Schritte hinter ihm stand. In Form zweier Wachleute von der Bahnhofssicherheit.
„Schau sich das einer an! Was hat ihnen die arme Telefonzelle nur angetan um so eine Behandlung zu verdienen?“
Die Worte verhallten auf dem ruhigen Bahnsteig. Die anderen Menschen hielten einen Moment inne und warteten gespannt auf Stefans Reaktion. Dieser ließ den Telefonhörer achtlos fallen und drehte sich langsam zu den beiden um. Seine Gedanken rasten nicht mehr. Sie waren hell und klar. ‚Der Koffer! Lass sie bloß nicht auf den Koffer aufmerksam werden! Sonst ist alles verloren! Bleib cool, Junge. Bleib einfach cool!’

„Womit wir wieder beim Thema wären, Herr Dierkes. Die Kollegen vom Bombenkommando haben ihr Gepäckstück schon in Augenschein nehmen können, jedenfalls, so weit es unter den gegebenen Umständen möglich war. Ein interessantes Stück Technik besitzen sie da. Bleiverkleidet und mit Sprengfallen gesicherten Schlössern ausgestattet. Wirklich beeindruckend.“ Er legte den handschriftlichen Bericht zur Seite und fixierte wieder Stefan sowie den grauen Koffer, der zwischen ihnen lag, mit dem durchdringenden Blick seiner blaugrauen Augen. „Sie sind sicher nur der törichte Bote. Ich wette, dass sie weder einen blassen Schimmer haben, wie man ihn öffnet, noch was sich darin befindet. Nicht das mich das lange aufhalten würde. Die Kollegen werden sicher einen Weg finden ihn zu knacken. Alles ist nur eine Frage der Zeit. Bei einer Frage können sie mir aber helfen und es wären in ihrem eigenen Interesse mir darauf vollkommen ehrlich zu antworten. Woher haben sie den Koffer, Herr Dierkes?“

Da war es wieder, dieses unscheinbare Problem mit dem grauen Koffer. Jeder Mensch hat einen Punkt, an dem er ohne zu zögern bereit ist die Grenze zu überschreiten. Hass, Ablehnung, Demütigung oder Trauer sind nur einige der vielen Wege zum Nullpunkt des gesunden Menschenverstandes. Gegenstände, wie in Stefans Fall der graue Koffer, bildeten hier eher die Ausnahme.

Auch wenn diese beiden Wachmänner in ihren schicken, Angst einflößenden, dunkelblauen Uniformen im Vergleich zu Stefan eine mehrwöchige WSV-Ausbildung genossen hatten und ihm auch sonst körperlich überlegen waren, bereitete es ihnen dennoch unerwartete Schwierigkeiten diesen abgemagerten Hänfling unter Kontrolle zu bekommen. ‚Sie hätten ihn nur in Ruhe lassen sollen. Wieso konnte ihn nur niemand in seiner Notlage verstehen? Ein wenig Verständnis wäre wirklich nett gewesen, aber wer bekommt so etwas heute schon aus reiner Menschlichkeit?’ Immerhin schienen sie die Umstehenden mit ihrem Gerangel zu erheitern, wenigstens etwas, was man nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Welch Überraschung musste das für den einen Muskelberg gewesen sein, als Stefan ihn ohne Probleme gegen die Metallverkleidung des nächsten Fahrscheinautomaten gestoßen und mit einem gezielten Tritt ins Gesicht ins Reich der Träume befördert hatte. So hatte er sich die letzten Stunden vor Feierabend sicher nicht vorgestellt. Anfängerglück oder pure Verzweiflung, genau konnte er das im Nachhinein nicht mehr sagen. Mit dem anderen hatte er zwar auch kaum Probleme, aber als ihre Kollegen dazukamen, hatten sich seine Chancen gänzlich auf unter Null reduziert. Von allen Seiten hagelte es Tritte und Schläge, bis es schließlich dunkel vor seinen Augen wurde, und Stefan mit Handschellen gefesselt in diesem kahlen Verhörzimmer wieder zu Bewusstsein kam.

Und da saß er nun schon seit einer halben Ewigkeit und ließ sich von den Fragen dieses Oberkommissars löchern. Er würde ihn einfach ignorieren, einfach schweigen und weiter in Erinnerungen schwelgen, bis es endlich vorbei war. Seine Augen tränten immer noch etwas, aber er blieb standhaft. Er würde nichts verraten, nicht mal, wenn sie ihn foltern würden.

„Ich denke, wir sind hier fertig, Herr Dierkes. Der Kollege wird sie aufs Revier bringen, wo wir zu gegebener Zeit mit einer ausführlicheren Befragung weitermachen werden. Der Anwalt, der ihnen von Rechtswegen her zusteht, wird dort auf sie warten. Vielleicht sind sie nach einem Gespräch mit ihm etwas kooperativer. Sie sollten bedenken, dass auch die Herren in den Arrestzellen sehr einsam sein könnten. Es wäre doch schade, wenn ihr hübsches Gesicht bald die Schlampe von jemandem namens Peter oder Horst werden würde. Finden sie nicht?“ Er wandte sich zu dem uniformierten Kollegen, der neben der Tür stand. „Der Transport müsste jeden Moment eintreffen. Schaffen sie ihn und diesen Koffer aus meinen Augen.“

Während sich der Raum langsam leerte blieb Jonas noch einen Moment sitzen. Was für ein faszinierender junger Mann dieser Stefan Dierkes doch war, nach außen hin so unscheinbar, freundlich, mitfühlend, zuvorkommend und wirklich sehr schüchtern. Seine beachtenswerte Loyalität würde schon bald zerbrechen, und es würde wie immer ein Hochgenuss werden. Routiniert entflammte er eine schnell hervorgeholte Zigarette, die Kippe danach. Zwar hätte dieses Gespräch besser laufen können, aber als kleiner Appetitanreger hatte es seinen Hunger zunächst etwas gestillt, für jetzt jedenfalls.

Der Hass hingegen ist viel einfacher, eine scharfe Lanze, die man gegen jeden richten kann. Er hat viele Ursachen und ist auf besondere Weise mit der Liebe verbunden. Unerwiderte Liebe zerstört den Menschen. Die höchsten Glücksgefühle können schon durch eine simple Geste ins Gegenteil umschlagen und dem Hass weichen. Er hilft die Grenzen des gesunden Menschenverstandes zu überschreiten und öffnet Türen, die man bisher nicht gekannt hat. Hass wird der Liebe immer im Weg stehen.

Hass, Stefan wurde hinaus auf den Gang geführt und seine Gedanken waren voll davon.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:21)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

23.02.2006 19:55

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

14

‚Vier Stufen des Wahnsinns’

Wahnsinn, eine treffende Art einen extrem gestörten Zustand geistiger Verwirrtheit näher zu beschreiben. Nicht jeder, der eine für alle ersichtliche Macke hat, ist gleich ein gefährlicher Psychopath, der in seiner Freizeit Augäpfel und sonstige Leichenteile sammelt. Er oder sie sind nur auf dem besten Weg dahin, weiter nichts. Vier Stufen und der Weg in den Abgrund kann endlich beginnen.

Stufe 1 – Leichte Störungen

So hatte wohl alles angefangen. Ein paar unbedachte Handlungen in Kombination mit schlechten Angewohnheiten und unglücklichen Erfahrungen, dazu eine Prise Paranoia, der Grundstein war gelegt.

Weiße, kahle Wände, der Gang schien endlos und trist. Unterbrochen wurde diese monotone Einöde von gelegentlichen Einbuchtungen, die allesamt Türen in andere Welten waren. Hinter jeder einzelnen verbarg sich das Zimmer eines anderen Patienten, deren Gesellschaft er die letzten Monate nur zu gerne hatte vermeiden wollen. Seine Schritte lenkten ihn unausweichlich auf das grelle weiße Licht zu.
Hier gab es nicht mal Haltestangen, an denen man sich hätte festhalten können, um nicht über die eigenen Füße zu stolpern, oder es beim Hinauswürgen der starken Medikamente leichter zu haben. Lediglich strahlendes Weiß, ohne irgendwelche Abwechslung. Selbst der Boden war makellos, regelrecht poliert. Diese Stille, diese herrliche Stille, das weiße Licht zog ihn immer weiter an.
Etwas veränderte sich. Ein schwarzer Schatten trat in das grelle Licht und mit einem Mal färbten sich die Wände rot. Seine Welt veränderte sich. Die Wände bekamen Risse und wurden langsam spröde. Wenn er sie berührt hätte, wären sie sicher genauso wie der Boden geworden. Es knirschte und grollte überall, als würde er auf Sand laufen. Ein markerschütternder Schrei riss seinen Blick wieder zum Ende des Ganges. Dort stand sie, in einem roten Abendkleid, seinen Namen rufend.
Obwohl keine Brise wehte, tanzten ihre langen schwarzen Haare im nicht vorhandenen Wind, diese Augen, rubinrot, einfach wunderschön, starrten ihn durchdringend an. Ihm war, als wollte sie jeden Moment ihren Mund öffnen und ihm etwas Wichtiges sagen, aber sie stand nur da und lächelte ihn an.

„So Neuer, kommen wir zu einem unserer prominenteren Gäste. Insasse 73A – Jack Leba, auch genannt Messer - Jack.“ Der ältere Pfleger machte eine Pause, als ob die eben gesagten Worte etwas bedeuten würden, und der beinah zu übermotivierte junge Mann neben ihm nun einen verbalen Schlag verdauen müsste. Nach dem richtigen Schlüssel suchend sprach er weiter. „Einen seltsamen Ort hast Du dir da ausgesucht. Es gibt sicher schönere Fleckchen um die zwei Wochen Sozialpraktikum deiner Schule abzusitzen. Warum hast du dich gerade für unsere Einrichtung entschieden, Stefan?“
Ein schüchterner, leicht verlegener Blick des jungen Mannes folgte, bevor Stefan antworte. „Nun Herr Müller…“
„Bitte nenn mich Hans, wir sind hier alle Kollegen, egal wie lange man schon dabei ist.“ Hans sah ihn nicht an, er hatte scheinbar den richtigen Schlüssel gefunden und öffnete vorsichtig die Tür.
„Nun Hans“, begann Stefan wieder, „mir macht es Spaß bedürftigen Menschen zu helfen, und hier werde ich sicher genug davon finden.“ Es klang wie abgelesen, einfach aus einem Textbuch zitiert um ja das Richtige bei einem Vorstellungsgespräch zu sagen, jedenfalls war es ein Bruchteil der Worte, die ihm seine Mutter immer wieder eingeimpft hatte. „Ein bisschen Vitamin B war natürlich auch im Spiel“, fügte er triumphierend hinzu, als sie die Zelle betraten.

Stufe 2 – Perfektionismus

Es gibt nichts Halbes und nichts Ganzes. Entweder ist man über alle Maßen glücklich oder versinkt im Sumpf des Elends. Es ist wie mit den zwei Seiten einer Münze, und einen Mittelweg gibt es auch hier nur selten.

Kurz nachdem sie den komplett ausgepolsterten Raum betreten hatten, verschwand die aufgesetzte Heiterkeit aus Stefans Gesicht. Hier gab es nicht viel zu sehen, aber es reichte um in seinem Kopf den richtigen Eindruck entstehen zu lassen.
Nur mit Gummi überzogene Wände, die den Insassen von möglichen Selbstverstümmlungs- sowie Suizidversuchen abhalten sollten, keine Möbel oder sonstigen Gegenstände, die dabei hätten helfen können, und in einer Ecke kauerte dieses bemitleidenswerte Häufchen Elend. Barfuss und in eine Zwangsjacke gehüllt, saß er da und blickte mit seinem kahl rasierten Kopf stumm gen Boden. Stefan wollte schon nach dem Plastikbecherchen für die Pillen suchen, wie er es in den letzten fünf Räumen getan hatte, aber Hans hielt ihn zurück.
„Schon gut, ich übernehme das.“ Er nahm eine der größeren Spritzen von ihrem Medikamentenwagen und ging vorsichtig auf Jack zu.
Nicht das Vorsicht geboten gewesen wäre. Der Patient hatte schon seit Monaten kein Wort mehr gesprochen und auch sonst keine Anstalten gemacht sich irgendwie aggressiv zu zeigen. Hans wusste das.
„Einen schönen Nachmittag wünsche ich, Herr Leba. Wie geht es uns denn heute?“ Stefan war zugleich fasziniert von ihm, aber auch ein wenig enttäuscht. Dieser kümmerliche Rest eines menschlichen Wesens sollte der berüchtigte Jack Leba sein, der beinah seine ganze Familie in nur einer Nacht regelrecht geschlachtet hatte. Keine Reaktion, er blinzelte nicht mal als ihm Hans die Spritze in den Arm einführte, er schien in einer ganz anderen Welt zu sein.

Stufe 3 – Obsession

Glück, viele werden nie glücklich sein. Selbst, wenn alle ihre Wünsche in Erfüllung gehen würden, fänden sie immer noch etwas, das sie wieder ins alte Unglücklichsein zurückreißt. Hat man erst einmal dieses nie enden wollende Gefühl der Leere in sich aufgenommen, wird man es nie wieder loswerden.

„Was willst Du von mir?“ Jack ging weiter auf die Frau im Abendkleid zu.
Roter Sand rieselte von der Decke. Mittlerweile hatte sich der ganze Gang in ein sandig abstraktes Gebilde verformt, lediglich das weiße Licht hinter ihr war gleich geblieben.
„Du gefällst mir, Jack.“ Ihre Stimme klang wie die eines Engels.
„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“
Sie kicherte. Es klang als hätte sie eine Kreissäge geschluckt. Jack scherte sich nicht weiter um ihre ungewöhnliche Art zu lachen.
„Komm zum Punkt. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Sprich aus, was du willst, oder verschwinde.“
Wieder dieses lästige Kichern. „Du gefällst mir, wirklich, ich mag Männer wie dich, die gleich zur Sache kommen und sich nicht mit dem ganzen Drumherum aufhalten.“
Jack blieb stehen, er stand gut drei Schritte von ihr entfernt und aus der Nähe betrachtet war sie noch atemberaubender.
„Ich bin hier um dich aus deinem Elend zu erlösen. Es ist einfacher, als Du denkst. Das Glück liegt nur einen Kuss entfernt. Die Entscheidung jedoch liegt nicht bei Dir.“ Sie kam einen Schritt auf ihn zu und ergriff seinen linken Arm.
Ihre sanfte Berührung wurde zu einem stechenden Schmerz, es brannte wie Feuer, während sie ihn weiter zu sich zog. „Es wird Zeit aufzuwachen Jack, es gibt noch so viel zu tun.“ Im nächsten Moment berührten sich ihre Lippen, und die Qual wich einem Gefühl höchsten Glücks.

Stufe 4 - Wahnsinn

Der Teufel steckt im Detail. Wie abgedroschen diese Aussage auch klingen mag, sie trifft leider nur allzu oft ins Schwarze. Wieso sich mit nur einer Kleinigkeit quälen, wenn man den Wahnsinn auf das volle Spektrum ausweiten kann?

„Fast Mitternacht, das letzte Mal, dass wir uns heute sehen.“ Hans hatte Stefan schon vor zwei Stunden nach Hause geschickt und sich bei seinem letzten Durchgang besonders beeilt. Schließlich war morgen Valentinstag und seine Freundin wartete zu Hause schon sehnsüchtig auf ihn. „In einer Dreiviertelstunde kommt endlich die Nachtschicht. Dann kann ich heimgehen, und es meiner Kleinen mal wieder richtig besorgen, etwas, das Du wohl nie mehr tun wirst.“ Er nahm die letzte Spritze vom Wagen, schloss die Tür auf und betrat die Zelle.
Der Geruch nach verbranntem Fleisch stieß ihm entgegen. Hans zögerte. Jack saß noch genauso da, wie sie ihn vorhin zurückgelassen hatten. Sicher nur Einbildung oder die Lüftung spinnt mal wieder, nichts Beunruhigendes eigentlich.
Hans kniete sich neben ihn, legte die Spritze auf den Boden und öffnete den linken Ärmel der Zwangsjacke. Seine Augen weiteten sich. Etwas brannte sich in die Haut, als würde jemand mit einem glühendheißen Stift darauf zeichnen.
Erst wurde nur ein Kreis geschlossen, in seinem Innern bildete sich ein Dreieck, an dessen Enden sich drei abgerundete Zacken einen Weg durch Jacks oberste Hautschichten bahnten. „Was zum Henker?“ Es hatte aufgehört. Das glühende Dreieck im Innern verblasste, bis es nicht mehr zu sehen war.

Stufe 5 - Kontrolle

Der erste Schritt zur Besserung und für manche auch der letzte. Nur wer seine Ängste und Fehler erkennt, kann lernen sie zu kontrollieren und wird wieder Herr seiner oder ihrer Welt werden.

„Was macht dein Arm?“ Ein kleiner Anflug von Besorgnis huschte über Ashs raues Gesicht. „Nichts weiter. Er hängt nur ein bisschen rum.“ KRACK. Welch’ heilende Wirkung die Abdeckung des Handschuhfachs doch haben kann.
„So was muss doch wehtun?“
„Geht schon!“ Jack griff nach der angebrochenen Flasche Tequila, welche an ihrem scheinbar angestammten Platz im eigentlich für Karten vorgesehenen Fach der Beifahrertür auf ihn wartete und genehmigte sich einen Schluck. Er hatte die freudigen Schmerzen des Widereinrenkens soweit unter Kontrolle und bis auf ein Gefühl der Taubheit in seinem Arm, war er sichtlich auf dem Weg der Besserung.
Sie hatten das Diner nach einem letzten Zwischenfall hinter sich gelassen und waren jetzt mit 90 PS unter der Haube auf dem Weg zum Horizont, der ewigen Stadt entgegen.
„Zigarette?“ Ash rauchte nicht mehr, jedenfalls hatte er es sich seinerzeit abgewöhnt, der Kinder wegen. Wieder eines dieser sinnlosen Opfer, die er vergebens erbracht hatte. Das war damals und damals war egal, solange man die Vorzüge der anderen Seite in vollen Zügen genießen konnte.
Immer noch trinkend nahm Jack eine Zigarette aus dem ihm angebotenen Päckchen und entflammte sie schon Sekunden später mit der gewohnten Routine. Seine eigenen waren in diesem Moment ein eher zweifelhaftes Vergnügen. Der Geschmack von getrocknetem Blut könnte einer Zigarette sicher das gewisse Etwas verleihen. Diese Erfahrung würde er dennoch für später aufheben, viel später.
„Der Alte hatte Recht. Du verstehst dein Handwerk zweifelsohne!“, fing Ash wieder an, um etwas Leben in ihre bisher eisige Unterhaltung zu bringen, „Aber was hatte die Frau mit der Sache zu tun gehabt?“

„Was hatte die Frau mit der Sache zu tun gehabt?“ Ash sah ihn neugierig an. Was hätte Jack in diesem Moment antworten sollen? ‚Nur ein Reflex?’, ‚Spaß am Töten?’ waren sicher gute Antworten, aber Routine traf es wohl am ehesten. Jack hinterließ nie lebende Zeugen. Wieso auch? Gnade und Mitleid sind tugendhafte Attribute, die einem jeden Moment in den Rücken fallen können. Wie dankbar das eben verschonte Opfer auch ist, es wird keine Sekunde zögern dich bei der nächsten Gelegenheit zu verraten und dir so alle bisherigen Qualen zurückzuzahlen. Lily hatte keine Gnade verdient. Zur falschen Zeit am falschen Ort mit der richtigen Einstellung. So ist das Leben, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Wie sie da gelegen hatte, blutend und röchelnd vor ihnen im Staub, aus dem ihre bemitleidenswerte Rasse, durch das Wunder der Evolution vor Äonen hervor gekrochen war, langsam ihren verwundeten Körper in ihre Richtung bewegend. Auf die Winchester zu, die sie noch vor kurzem fest entschlossen in beiden Händen gehalten hatte und die nun wie eine Grenze zwischen ihnen lag. Gott liebt es den Menschen ein Messer in die Brust zu rammen und die Klinge danach etwas zu drehen. In diesem Moment war Jack Gott gewesen, ihr Gott, Herr über Leben und Tod. Er drückte noch zweimal ab, nur ein Reflex, aber er ersparte ihr das kommende Elend.

„Manchmal ist der Gedanke etwas tun zu können genauso befriedigend, wie es wirklich getan zu haben. Nur ein kleiner Vorschlag fürs nächste Mal.“
Ashs Worte ignorierend nahm Jack noch einen weiteren Schluck aus der vergilbten Flasche. „Wie weit ist es noch?“
„Dieser Ort nimmt es mit Entfernungen nicht so genau. Vielleicht sind wir schon morgen am Ziel oder erst in einigen Wochen.“ Ash konzentrierte sich wieder auf die Straße. Jack rauchte schweigend die Zigarette weiter und warf nach kurzem Überlegen den beinahe halb heruntergebrannten Kippenstummel aus dem geöffneten Fenster. Er würde sich etwas ausruhen und vielleicht sogar schlafen, ruhigen und gesunden Schlaf haben, so wie er ihn schon lange nicht mehr gehabt hatte.

Der Wagen fuhr weiter durch das zweifelhafte Dunkel der Nacht, immer weiter seinem ungewissen Ziel entgegen. Einsam und verlassen lag die Zigarette am Straßenrand, bis sie jemand von ihrem Elend erlöste. Ihr rotes Kleid flatterte im kühlen Nachtwind, und sie lächelte während ihr Blick den immer kleiner werdenden Rücklichtern in weiter Ferne folgte.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:22)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

01.05.2006 20:57

Askeron
Mitglied
Ort: Fulda
Registriert: 24.08.2005
Beiträge: 36
Web-Seite

Re: In Nomine

15

‚Veränderungen’

Was für ein süßer Geschmack auf der Zunge, ein wenig nach Metall, so wie man es vom Saft des Lebens kennt, Leid, einfach köstlich. Jonas leerte den weißen Plastikbecher vollends, lauwarmer Kaffee, im Vergleich dazu nichts wirklich Schmackhaftes.
Freitag, Todestag Jesu, ob es Schicksal war, dass ausgerechnet an solch einem durch Aberglauben mit Unheil verbundenen Tag sein persönliches Elend ein Ende finden sollte? All diese endlos scheinenden Wochen der Entbehrung schienen vergessen, und ein warmes Gefühl der Befriedigung erfüllte ihn beim bloßen Gedanken an das bevorstehende Festmahl. Sein Garten Eden war endlich zu ihm gekommen. Er musste nur noch den Mund aufreißen und fressen.

„Ah! Kain, hier sind sie also!“ Hauptkommissar Höfners betrat das improvisierte Verhörzimmer. „Und was halten sie von unserem jungen Bombenleger?“

Vor etwa zwei Jahren um diese Zeit hatte Jonas auch an einem Tisch wie diesem gesessen. In jedem Leben kommt einmal der Tag, an dem man das Gefühl hat alles verloren zu haben, in zerstörten Leben weitaus öfter. Man setzt sich mit einer Flasche Hochprozentigem auf einen gemütlichen Platz, die geladene Waffe, das Messer oder die Tablettenschachtel griffbereit, und spielt das alte Pro/Kontra – Spiel.
Wofür hat man gelebt? Was hat man erreicht? Wieso nur hat man das große Ziel aus den Augen verloren? Manchmal begleitet ein Meer aus Tränen diese wirklich schmerzhaften Ausflüge in die eigenen Erinnerungen. Wie schön es doch war, und wie schön es hätte sein können.
Was für ein Schwachsinn! Das Leben ist nicht zu Ende, nur weil gerade nicht alles läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Was sollte es dich kümmern, wenn die ewig Angebetete nichts von dir wissen will, es im Beruf mal wieder ein überaus schlechter Tag war oder jemand, mit dem du dich verbunden fühltest, dich verraten hat? Der eigene Tod ändert nichts daran. Er macht es anderen nur einfacher zu vergessen. In Jonas Leben hatte es bisher nur einen solchen Tag gegeben, und damals hatte er sich richtig entschieden.

Ein dunkelblauer BMW 750i raste über die nächtlichen Straßen. Der Fahrer nahm keine Rücksicht auf die gängigen Verkehrsregeln. Andere Autos und rote Ampeln waren alles nur belanglose Hindernisse auf seinem Weg zum Ziel.
Eine beinah schon heisere Stimme kam aus dem kleinen Lautsprecher links über dem Handschuhfach. Immer und immer wieder wurden dieselben Anweisungen durchgegeben: „An alle Einheiten! Wir haben einen fehlgeschlagenen 038 im Holiday Inn, der sich zu einem 231 entwickelt hat. Ich wiederhole. Einen 231 der Stufe 2 im Holiday Inn!“ Es folgte die obligatorische Bitte um Verstärkung, bevor die Sprecherin die Meldung wiederholte, aber Jonas hörte ihr schon lange nicht mehr zu. Auch das Handy, welches schon die letzten zehn Minuten Beethovens Unvollendete gespielt hatte, befand sich nicht mehr in seiner Welt.
Mit quietschenden Reifen kam er nur unweit der Straßensperre aus Polizeiwagen, welche die Kreuzung auf der Lindenstraße in alle Richtungen blockierte, zum Stehen.
Die eben angezündete Zigarette im rechten Mundwinkel, seine Dienstwaffe in der einen, den Ausweis in der anderen Hand stieß er die Tür des Wagens auf und trat hinaus auf den harten Asphalt der Straße. Jonas hielt es nicht für nötig sie hinter sich wieder zu schließen. Er ging zielstrebig weiter auf den Haupteingang des Hotels und die dortige Menschenansammlung zu.
Ein schlaksiger, hoch gewachsener Mann im teuren Anzug kam ihm entgegen, sein hilfloses Gesicht verriet, dass er überaus glücklich war Jonas hier zu sehen. „Sind Sie die von der Sondereinheit? Ihre Kollegen wollten noch auf das Eintreffen der Einsatzleitung warten, bevor sie weitere Schritte einleiten würden.“
Jonas interessierte es zuerst nicht, er ging einfach weiter, als wäre er Luft. Der Mann hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten. „Hey! Was haben Sie vor? Wollen Sie da etwa alleine reingehen?“
Jonas blieb für einen Moment stehen. „Das hier geht nur mich und die da oben etwas an. Sorgen Sie dafür, dass ihre Gäste mir nicht im Weg stehen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten ging Jonas weiter. Für ihn gab es in diesem Moment nur eins, das zählte, das Leben seiner Familie.

„Kain? Hören sie mich?“
„Natürlich.“
Hauptkommissar Höfner hatte auf dem Stuhl Platz genommen, auf dem vor kurzem noch Stefan gesessen hatte. „Ich bin sicher, dass ihnen im Moment so einiges durch den Kopf geht.“
„Nur ein paar schlechte Erinnerungen.“ Jonas stellte den leeren Becher wieder auf den Tisch. „Was den Jungen angeht. Ich denke nicht, dass er bewusst an dieser Aktion teilgenommen hat. Er ist vielmehr nur ein Überbringer. Ein naiver Junge, der aus irgendeinem dummen Grund sein Leben riskieren wollte und womöglich noch nicht einmal wusste wofür genau.“
„Die Frage ist nur, wer die Fäden zieht, und was der- oder diejenigen damit bezwecken wollten?“
„Aufmerksamkeit.“
„Der Transport zum Revier ist bereits in die Wege geleitet worden?“
„Ich war so frei. Schmidt wird sicher mehr aus ihm herausbekommen.“
„Vor allem Zähne und Schreie.“
Beide mussten lachen.
Jonas kam als Erster wieder zu Atem. „Haben wir schon was über seine Familie?“
„Noch nicht. Er scheint soweit sauber zu sein. keine Vorstrafen oder sonstige Auffälligkeiten. Sobald sich die Lage hier etwas beruhigt hat, soll sich ein Streifenwagen bei ihm zu Hause umsehen.“
„Und der Koffer?“
„Nichts Neues, das Bombenkommando hat erhebliche Schwierigkeiten mit dem Ding. Öffnen könnten sie es wohl, nur würde der Inhalt dabei zerstört werden. Ich versteh das einfach nicht, Kain. Was immer da drin ist, muss für jemanden verdammt wertvoll sein.“
„Aber warum dann einen Zug in die Luft sprengen und die Zerstörung des Koffers riskieren?“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht hat das eine auch nichts mit dem anderen zu tun. Was auch immer dahinter stecken mag, es ist groß, Kain. Vielleicht zu groß, dass Sie und ich wirklich etwas ausrichten können.“
„Die Sache wird doch gerade erst richtig interessant.“

„Darf ich stören?“ Kommissarin Zentgraf stand in der Tür.
„Was gibt es denn, Zentgraf?“ Höfner war über diese Unterbrechung nicht besonders erfreut. „Ein Doktor Weismann möchte umgehend mit dem Leiter der Ermittlungen sprechen, es geht um eines der Opfer.“
Nach einer kurzen Pause ergriff Höfner das Wort. „Dann sollten wir den guten Doktor nicht warten lassen?“ Er stand ruckartig auf. „Vermutlich noch mehr Schwierigkeiten, gehen wir.“

Es war kein weiter Weg. Nur einen Flur weiter hatte man sich einem der Pausenräume bemächtigt und ihn zu einem provisorischen Autopsiesaal umfunktioniert.
Am einen Ende des großen Tisches in der Mitte des Raumes lag zwischen umgekippten Bechern und Essensresten der Nachtschicht das fein säuberlich sortierte Werkzeug des Doktors. Auf dem mit einer Plastikplane notdürftig abgedeckten anderen Ende der noch dampfende Körper einer jungen Frau, neben dem Gerätschaften zur Lebenserhaltung aufgebaut worden waren.
„Etwas ungewöhnlich für eine bevorstehende Autopsie finden sie nicht, Weismann?“, bemerkte Höfner ungeduldig.
Der Doktor stand in einem ehemals weißen Kittel direkt neben dem regungslosen Körper. Ein Skalpell für tiefere Sondierungen in der einen Hand sowie einen Mundschutz und einen durchsichtigen Plastikschutz vorm Gesicht, um Blut, Knochensplitter und Sonstiges davon fern zu halten. „Die Herrn Kommissare, ich habe sie schon erwartet. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht die Hand zur Begrüßung reiche. Falls Sie Handschuhe brauchen sollten. Dort drüben liegt eine Packung.“
„Nicht nötig. Lassen Sie uns einfach beginnen.“
„Wie Sie wünschen. Hier haben wir ein wirklich interessantes Subjekt, aber kommen Sie ruhig etwas näher und sehen Sie sich die junge Dame aus der Nähe an. Nur nicht so schüchtern. Beißen wird sie wohl nicht mehr.“

„Man könnte fast glauben, sie wäre noch lebendig. Wie ein Engel liegt sie hier vor uns, als würde sie nur schlafen. Der Schlaf der Ewigkeit.“
„Was ist nun so besonders an ihr?“
Für Jonas waren die medizinischen Details der Leiche nicht weiter von Interesse. Er hatte sich ein Paar Plastikhandschuhe übergestreift und widmete sich ihren persönlichen Sachen, die fein säuberlich sortiert und abgepackt auf der Theke neben der Kaffeemaschine und den Servietten lagen.
Im Wesentlichen nur Unterwäsche und die angebrannten Reste einer Bundeswehruniform, ein Leutnant, wenn Jonas sich an seine Zeit bei den Gebirgsjägern richtig erinnerte. Unglücklicherweise hatte etwas ein großes Loch in die Vorderseite der Feldjacke und das olivgrüne T-Shirt gebrannt. Die Reste des Namensschilds waren nicht mehr zu entziffern, und auch von der Hundemarke war nur noch ein kleiner Klumpen geschmolzenen Metalls übrig geblieben. Jonas schaute zum mittlerweile freigelegten Oberkörper der Leiche hinüber. „Keine Verbrennungen.“
„Korrekt.“ Doktor Weismann war auf Jonas Entdeckung aufmerksam geworden. „Keine sichtbaren Spuren einer Verbrennung oder anderer Verletzungen auf der Haut, und das ist noch nicht mal der interessante Teil. Kommen Sie. Ich zeige es Ihnen.“
Jonas kam zu ihm und Höfner an den Tisch.
„Da hätten wir zum einen ihre Augen.“ Mit der nötigen Sorgfalt strich der Doktor eine blonde Haarsträhne beiseite und hob das rechte Augenlid ein Stück. Darunter kam ein komplett schwarzer Augapfel zum Vorschein.
„Was zum Teufel?!“, entfuhr es Höfner.
„Ich habe dafür auch keine biologische Erklärung.“
„Die Kollegen von der Seuchenkontrolle sind schon informiert?“
„Gleich nachdem es eine Schwester im Lazarettzelt gemeldet hatte. Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass eine akute Gefahr besteht.“
„Wir sollten keine Zeit verlieren und auf Nummer sicher gehen. Hiermit stelle ich diesen Raum unter temporäre Quarantäne.“ Höfner griff nach dem Handy in seiner Jackentasche und entfernte sich ein paar Schritte vom Tisch. Während er eine Nummer aus dem Schnellwahlspeicher wählte, befassten sich Jonas und der Doktor wieder mit dem Körper der jungen Frau.
„Haben Sie schon eine Blutprobe genommen?“
„Noch nicht, das wollte ich eigentlich den Kollegen überlassen.“ Der Doktor wirkte leicht verlegen, machte aber keine Anstalten Jonas zu behindern. Dieser löste eine steril verpackte Spritze aus ihrer Verpackung und setzte sie am rechten Unterarm der Frau an.
„Tun Sie, was Sie wollen. Es ist ja Ihr Fall.“
Die feine Spitze durchdrang die oberen Hautschichten, und Jonas zog sie ein kleines Stück auf. Mattgrünes Blut sprudelte in den Zylinder.
„Das kann doch nicht sein?“ Er hob fragend den Kopf in Richtung des Doktors, welcher nur resignierend mit den Schultern zuckte. „Sie sind wirklich eine große Hilfe, Doktor.“
Jonas wollte die Spritze wieder entfernen, doch hielt für einen Moment inne. Etwas hatte sich verändert. Das überraschte Gesicht Weismanns sprach Bände.

„Sie ist wach!“ Höfner fuhr herum und zog seine Dienstwaffe. Der Faustschlag traf Jonas völlig unvorbereitet im Gesicht, er wurde nach hinten gegen die Wand geworfen. Solch eine Kraft hatte er bisher bei keiner Frau erlebt.
Sie war wach, daran gab es keinen Zweifel. Der blasse Körper setzte sich langsam auf, aber die schwarzen Augen fixierten augenblicklich den Hauptkommissar.
„Keine Bewegung!“
Sie glitt behände vom Tisch, ließ das Leichentuch achtlos zu Boden fallen und bewegte sich auf ihn zu. Der Hauptkommissar feuerte einen Warnschuss in die Luft. Etwas Putz rieselte von der Decke.
„Keine Bewegung hab ich gesagt!“ Sie blieb stehen. „Alles in Ordnung Kain?“
Schweres Stöhnen kam aus der Ecke, in der Jonas am Boden lag.
„Wo ist sie hin?“ Höfner war nur kurz unaufmerksam gewesen, und jetzt war sie verschwunden. „Doktor?!“
„Ich bin hier drüben!“ Eine Hand winkte hinter der Theke hervor. „Bleiben Sie da! Ich komme zu Ihnen!“
Vier große Schritte und der Hauptkommissar stand vor der Theke. Die Waffe immer noch im Anschlag riskierte er einen Blick hinüber. „Verdammte Scheiße!“
Doktor Weismann lag rücklings am Boden, sein rechter Arm war abgerissen worden, und er rührte sich nicht mehr. Das Zerspringen eines Glases direkt hinter ihm ließ Höfner ruckartig herumfahren.
Jonas kam langsam wieder auf die Beine. Sein Kopf dröhnte. Die ganze Umgebung schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Routiniert löste er seine Dienstwaffe aus dem Schulterholster und stolperte zu Höfner hinüber.
„Irgendwie hatte ich mir den heutigen Abend anders vorgestellt.“ Ruckartig wurde Höfners Kopf nach hinten gerissen, und er spürte das zackige Metall einer Knochensäge an seiner Kehle. Das ausdruckslose Gesicht der jungen Frau kam neben ihm kaum zum Vorschein. Jonas riss reflexartig die Waffe hoch und drückte ab.
Der Schuss durchbrach die dünne Abdeckung der Sezierapparatur und drang in das dahinter liegende weiße Fleisch der Hand ein. Begleitet von den süßen Klängen eines gequälten Schreies löste sich die Knochensäge aus ihrer Hand und mit ihr zwei Finger.
Jonas machte sich nicht die Mühe eine weitere Reaktion abzuwarten. Der Schleier der Benommenheit schien niemals Besitz von ihm ergriffen zu haben. Er sprang nach vorne und setzte zu einem Tritt an. Mit leisem Knacken traf Jonas den Hauptkommissar auf Brusthöhe, sodass dieser zur Seite geworfen wurde.
Jonas genoss den Anblick der verletzten Frau, welcher eine befriedigende Mischung aus Verwirrung und Hass wider spiegelte fast so sehr wie die Kugel, die er ihr im nächsten Moment in die Brust jagte.
Ihre verwundete Hand haltend, wankte sie einen Schritt zurück, bevor sie sich wieder fing. Zuerst stand sie nur da und lächelte. Blut sprudelte schier unerschöpflich aus ihren Wunden, aber sie lächelte einfach nur. Dann kam wieder Bewegung in ihren Körper und mit einem gewaltigen Sprung barst sie durch eins der geschlossenen Fenster in die Nacht hinaus.

„Haben Sie Feuer?“ Hauptkommissar Höfner trat zu Jonas ans zerstörte Fenster. Schweigend reichte er ihm das Feuerzeug. „Eigentlich wollte ich damit aufhören, aber ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt wieder damit anzufangen.“ Eine leicht verknickte Zigarette fand ihren Weg in Höfners Mund und kurz darauf den Pfad zum Feuer. „Was ist mit ihr?“
„Keine Spur.“
„Also noch mehr Komplikationen.“
„So wie es aussieht, ja. Wenn das mit ihr hier passiert ist, was ist dann mit den anderen in der Leichenhalle?“
Jonas schaute hinunter zu den Zelten und den vielen Menschen, die wie fleißige Ameisen ihrer Arbeit nachgingen, dem einen großen Ziel folgend. Sein Blick fiel auf die provisorische Leichenhalle. Etwas stimmte nicht. Ein greller Lichtblitz blendete sie beide, gefolgt von einem grollenden Donner, der die Erde erbeben ließ. Jonas blinzelte, schnippte den Zigarettenstummel weg und wandte sich vom Fenster ab. „So wie es aussieht, hat sich dieses Problem gerade von selbst erledigt.“ Und draußen regnete es Glas.

Eine Viertelstunde zuvor hatte ein Polizeitransporter den Bahnhof verlassen. Sein Ziel war das neue Revier in der Galerie. Im Augenblick fuhr er über die Leipzigerstraße Richtung Weimarer Tunnel.
Am Steuer saß ein kräftiger Beamter, der verbissen auf den Verkehr achtete, nicht das die Gefahr groß gewesen wäre. In all den Jahren, die er in Fulda gelebt hatte, war das offensichtliche Verbrechen eher ruhig gewesen. Ein Raubmord in einem Military-Shop im Wallweg und ein tödlicher Fall von Fahrerflucht in der letzten Neujahrsnacht bei dem ein frisch verliebtes Pärchen sein Leben verloren hatte, waren die herausragendsten Fälle der letzten Zeit gewesen.
Offiziell gab es keine organisierte Kriminalität in der Stadt, aber er wusste es besser. Wie hieß es noch gleich? Der größte Trick des Teufels war es dem Menschen weiszumachen, dass er nicht existiere. Die vielen kleinen Bagatelldelikte waren jedoch zu organisiert und gezielt gewesen, als dass man die Existenz einer führenden Macht mit Sicherheit hätte ausschließen können. Vielleicht war sie auch für die Explosion am Bahnhof verantwortlich? Wer konnte das schon genau wissen? Was sollte er sich auch damit beschäftigen? Er war nur für Transporte zuständig, ein simpler Job, das Ermitteln überließ er den Kommissaren.
Im hinteren Bereich saß nur ein Passagier für den heutigen Abend. Der einzige Verdächtige, den sie bisher in Gewahrsam genommen hatten, zur direkten Überstellung an Oberkommissar Schmidt. Schmidt, die Eisenfaust, auf dem Revier beinah genauso bekannt wie dieser andere Oberkommissar. Wie war noch gleich sein Name? Ach ja, Kain.
Beiläufig warf er einen Blick in den Rückspiegel. Die schmächtige Gestalt eines jungen Mannes kauerte auf einem der Rücksitze. „Du wirst mir doch keinen Ärger machen?“
Stefan schüttelte den Kopf und schaute wieder nach draußen auf die Straße. „Gut, Ärger ist das Letzte, was ich heute Abend noch gebrauchen kann.“

Der Aufprall kam schnell und unausweichlich. Für den Bruchteil einer Sekunde schien alles zum Stillstand gekommen zu sein. Instinktiv riss Stefan die Hände schützend vors Gesicht und warf sich auf die Seite, dann bewegte sich die Welt weiter.

Beitrag geändert von Askeron (23.01.2008 21:23)


Der Tod ist nicht das Ende - Er ist ein Anfang

Offline

08.05.2006 00:51

Big_mac
Gast

Re: In Nomine

jo habe nur son bischen in der story rumgezapt werde sie mir aber 100% noch durchlesen aber was ich sagen wollte sie ist optisch richtig gut aufgebaut, woltle ich nurmal loswerden kannst dich ja auch mal das angucken war ich geschrieben habe ist wahrscheinlicht nicht ganz auf deinem niveu kannst dir aber mal antuen und kritsieren wenn du lust hats bis denne und ich werde dir dann mal ausfürhliches reveiw schreiben

23.05.2006 20:46

Big_Mac
Gast

Re: In Nomine

Also mein guter wie versprochen habe ich deine Story gelsen
Hat mir sehr gut gefallen. Ich mahc dir einfahc mal den Pro/ Kontra liste sows ist sehr nützlich also.

Kontra
- Stellenweise sehr verwirrend wegen den Vielen Charktern, denn veilen sprüngen und den ansichtperspektiven( ich- perseptive)
- paar ganz wenige Stellen fand ich von den hcarkerzügen unrelistishc ist aber nur Meine Meinung, sagte ich dir auch schon.
Z.b. die Frau auf dem freidnhof oder wo Kain der Reporter zu sau amcht und die Folgen daraus

Pro
- Du bist sehr talentiert
- Du schreibst sher Spannend
- Ich habe noch keinen Plan wies weitergeht und wies Endet
- Sehr liebevolle Charkter entwiklung ich liebe sie alle *gg* besonders Jack *gg*
- Viel schöne Metaphern/Vergleiche machen das ganze besser vorstellbar
- Realebezüge wie Pandora oder den RTL reporter
- Die Abegefuckten Charkter
- Die Abegefuckte Welt in der sie leben

Das wars erstmal alles in allem ich liebe deine Buch aber das weißt du ja *gg* bis denne Homie

Freu mich drauf wenns weiter geht

Dein Freund Big_Mac

26.05.2006 12:22

~~Mejiro~~
Mitglied
Registriert: 26.05.2006
Beiträge: 11

Re: In Nomine

Die Geschichte wurde wirklich in einem sehr guten Stil geschrieben. Würdest du ein Buch rausbringen würde ich bestimmt es kaufen. Und sogar zu ende lesen ;)

Liebe Grüße

Mejiro

Offline

Brett Fußzeile

Powered by PunBB
© Copyright 2002–2005 Rickard Andersson