GamezWorld.de - Forum

GamezWorld.de - Forum, Deine Community

Sie sind nicht angemeldet.

Antwort schreiben

Schreiben Sie hier Ihren Beitrag
Beitragsoptionen

Klicke auf die kleinste Zahl im Bild um den Beitrag abzuschicken.

Zurück

Übersicht (Neuester Beitrag zuerst)

Askeron
11.08.2007 06:02

18

‚Zerfall’

Ein paar rote Wildlederstiefel, der ehemalige Preis war durchgestrichen worden und auf einem lieblos darunter geklatschten Schild prangerten die magischen Zahlen. ‚19,73’ Sarah musste kurz lächeln. Das war es. Sie war schon einmal hier gewesen. Wieso wäre sie sonst stehen geblieben? Im Grunde war es nur wieder eine qualvolle Erinnerung. Etwas, das sie schon lange aus ihrem Kopf gesperrt haben wollte. Aber manchmal wird es einfach zu viel und die Dämonen vergangener Tage sind mit einem mal wieder da, stärker und mächtiger als je zu vor, als wären sie nie weg gewesen.


„Das sind sie!“ Überschwänglich fiel Sarah ihrem Begleiter um den Hals. Matthias musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Mittlerweile hatte er sich an die kindische Art gewöhnt, die seine Freundin beim Shoppen an den Tag legte. Wie ein großes Kind im Spielzeugland, das traf es wohl am besten. Manche Menschen sind so. Leider ist es selten der Spaß am Einkaufen, vielmehr denkt man an einen vorübergehenden Realitätsverlust. Noch einmal Kind sein und alle Sorgen hinter sich lassen. Einfach nur in der wunderbaren Welt des Kaufrauschs versinken und über kurz oder lang noch darin ertrinken. Wieso nicht? Man gönnt sich ja sonst nichts.


Es tat gut sich zu erinnern. Damals war alles noch gut gewesen. Was heißt gut? Sarah war überglücklich gewesen. Toller Sex mit einem noch tolleren Mann, mehr wollte sie zu dieser Zeit nicht, jedenfalls dachte Sarah das damals noch. Leider liefen die Dinge nicht ganz wie geplant, dass tun sie wohl nie. Er war schon lange fort, nur noch eine von vielen Erinnerungen, schön und schrecklich zugleich.

„Gefallen Dir etwa die Nuttenstiefel?“
„Die würden gut zu Deinem Zuckerarsch passen!“
„Wenn Du artig bist, besorgen wir Dir vielleicht ein Paar.“

Da war es wieder. Ein Gefühl, es ließ sich nicht so recht beschreiben, doch auf eine abartige Weise vermittelte es Vertrautheit, die sie nur allzu gut noch in Erinnerung hatte. War es schon einmal so gewesen? Sarah konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen. Zu viel ging ihr zurzeit im Kopf herum. Dabei schien alles auf den ersten Blick so simpel gestrickt. Im Wesentlichen waren es sowieso nur Gedanken. Gegenwart, Vergangenheit und mögliche Zukunft gaben sich ein kleines Stelldichein. Warum so was immer nur dann passieren musste, wenn man es am Wenigsten gebrauchen konnte. Anschnallen, zurücklehnen und die Fahrt genießen. Einmal von hier und jetzt nach dann und dort.


Alles hatte begonnen wie in einer schlechten Seifenoper. Sarah hatte Matthias vor etwa einem halben Jahr auf der Arbeit, damals hatte sie noch eine, kennen gelernt. Er war neu im Team und ihr auf Anhieb sympathisch. Nicht auf die Weise, dass man sich gleich die Kleider vom Leib reißen und von Liebe sprechen würde, aber dennoch nett. Er hatte so etwas an sich, das nur wenige Menschen besitzen. Jemand anders hätte dazu wohl krankhafte Fröhlichkeit gesagt. Für Sarah war es einfach nur Nettigkeit, herzensgut und rein. Solche Menschen sind heutzutage selten geworden. Wieso eigentlich? Nettigkeiten sind immer gern gesehen, nur am Ende möchte scheinbar niemand die Rechnung zahlen.
Aus anfänglichen kollegialen Verhältnissen entwickelte sich schon nach ein paar Wochen mehr. Man weiß ja, wie so was abläuft. Man arbeitet zusammen, redet miteinander und entdeckt tolle Gemeinsamkeiten. Ein banales Muster, das fast immer zutrifft. Solche Freundschaften waren schon immer eine zweischneidige Klinge. Verrat, Ängste, Streit und Gier sind nur die Spitze des Eisbergs. Das grausamste ist der Tanz mit der Liebe hoch oben auf dem schmalen Rand des Vulkans. Kurz gesagt gibt es dabei nur schwarz und weiß, Trennung oder Verbindung. Das graue Mittelding funktioniert nie lange. Wie gut, dass Sarah nur allzu gerne den weißen Weg beschritten hätte.


„Hey, bist Du taub oder was?!“
„Wir reden mit Dir Miststück!“
„Hältst Dich wohl für was Besseres?!

Was war mit diesen Stimmen? Sie waren schon ganz nah. Sarah hörte sie nicht, noch sah sie die drei Männer, die zu ihnen gehörten. Ihre Fahrt durch den Tunnel ihrer Erinnerungen hatte gerade erst begonnen und das Licht an dessen Ende war in unerreichbare Ferne gerückt.


Wieso war es mit Matthias eigentlich in die Brüche gegangen? Sie war schuld. Das war die richtige Antwort. Eine andere gab es für Sarah jedenfalls nicht, aber was sollte man auch erwarten? Bis sie ihn kennen gelernt hatte, konnte man ihr Beziehungsverhalten allenfalls als sprunghaft bezeichnen. Dreiundsiebzig Partner, an die sie sich noch entsinnen konnte, und das mit einundzwanzig, in den Augen eines Zuhälters sicher eine gute Bilanz. Für Sarah leider nur ein bescheidenes Armutszeugnis einer jungen Frau, die auf der Suche nach sich selbst irgendwo stecken geblieben war. Und woran lag es? Sicher nicht an ihr oder? Sie konnte ja nichts dafür, dass sie immer bei den falschen Frauen und Männern landete.
Arme kleine Sarah, auf ihrer ewigen Odyssee nach dem wahren Selbst und einer Wand zum Ausweinen. Was ist nur aus dir geworden? Was hat dich hierher verschlagen?

Andreas, Nummer 23, hatte einen erheblichen Beitrag dazu geleistet. Ein typischer Sunnyboy mit langen dunklen Haaren und niedlichen Hundeaugen, die von einer Stupsnase gekonnt abgerundet wurden. Sarah war nicht die erste im Netz dieser gewissenlosen Spinne. Unter seiner perfekten Oberfläche brodelte es nur allzu deutlich. Dumm nur, das Liebe bekanntlich blind macht. Man sieht nur allzu gerne über die auf den ersten Blick belanglosen Kleinigkeiten hinweg, um sich voll und ganz diesem wunderbaren Gefühl der Nähe und Geborgenheit hinzugeben. Kein Opfer ist zu groß, Ausrutscher gibt es nicht, schließlich kann alles verziehen oder schlichtweg ignoriert werden. Wen kümmern schon blaue Flecken? Man sei die Treppe runter gefallen, ist eine beliebte Ausrede. Die Wahrheit bleibt dabei immer auf der Strecke und man flüchtet sich in diese wunderbare rosarote Scheinwelt, in der solche Ausrutscher nicht weiter wichtig sind. Regelmäßige Prügel, ein gebrochener Unterkiefer, Vergewaltigungen, eingetretene Türen, neue Adressen, bis dass der Tod uns scheidet. Soweit war es mit Andreas zum Glück nie gekommen.

Mit Matthias war alles anders gewesen. Er war nett, richtig nett. Manchmal war es schon beängstigend gewesen, wie er ihr die Gedanken und Wünsche von den Lippen abgelesen hatte. Ein ganz besonderer Mensch, selbst ihre Mutter hatte ihn geliebt. „Endlich mal jemand, der mein Essen zu schätzen weiß“, hatte sie immer gesagt. Der perfekte Schwiegersohn, doch es hatte nicht sollen sein. Warum? Sie wusste es nicht. Für sie beide gab es keine Zukunft und so, wie es war, konnte es auch nie wieder werden. Wieso nur? Was hatte sie getan? War sie überhaupt schuld daran gewesen? Sicher nicht. Oder doch? Alles war so verdammt kompliziert auf eine Linie zu bringen.

Langsam näherte sich Sarah wieder der Gegenwart. Die Bilder der vorherigen Stunden rauschten nur so vorbei. Ihre Wohnung, die vielen Tabletten, die sie genommen hatte, Matthias Anruf, diese Frau in rot, die freundliche Nutte und sie, von allen verlassen auf den dunklen, fast menschenleeren Straßen der Nacht, alles sauste so schnell vorbei, als wäre sie auf einer steilen Talfahrt, weiter hinab in die Dunkelheit.
Was war heute Nacht geschehen? Sarah war es unbegreiflich. War ihr Verstand schon so vernebelt, dass sie selbst die letzten Stunden nicht mehr klar sehen konnte. Wer war diese Frau im roten Kleid? Was war in ihrer Wohnung geschehen? Warum fühlte sich ihr Körper so anders an? Was hatte sie mit ihr gemacht? Die Stimme in ihrem Kopf war fort. Als wäre sie nie dort gewesen. Ein Gewissen war es offensichtlich nicht gewesen. Vielmehr ein böser Geist, der sie weiter Richtung Abgrund treiben wollte. Doch diesmal nicht. Diesmal würde sie stark sein. Sarah wusste es. Die Stimme war fort und zurück blieben nur diese vielen Fragen.

Die Fahrt ihrer Gedanken endete abrupt, mit einem unsanften Aufprall ihres Kopfes an der Scheibe des Schaufensters. Schwarze Flecken bildeten sich vor ihren Augen, die ihr zunehmend die Sicht nahmen. Das letzte, was Sarah sah, war das Paar roter Wildlederstiefel in der sonst hässlich dekorierten Auslage, dann verlor sie sich wieder in ihre eigene zerstörte Welt.

Sarah öffnete die Augen.
Weiß, wunderschönes klares Weiß, vor ihr erstreckte sich ein langer Gang mit einem beruhigend steril gefliesten Boden. Die ebenfalls makellosen, kahlen, durchgehenden Wände dieses schier endlosen Flures waren systematisch von kleinen Einbuchtungen unterbrochen, in denen jeweils eine nummerierte Tür mit vergoldeter Klinke eingelassen worden war.
Mit Bedacht lenkte Sarah ihre Schritte vorwärts. Jeder von ihnen, war wie ein Schritt in eine bessere Welt.
Hatte sie keine Angst? Natürlich, am liebsten wäre sie schreiend weit weg gelaufen. Jedenfalls war es beim ersten Mal so gewesen. In der Vergangenheit hatte sie schon öfter einen Weg hierher gefunden, meistens in ihren Träumen, sowohl am Tage als auch in der Nacht. Dieser Ort versprühte Geborgenheit und Unheil zugleich, aber mit der Zeit gewöhnte man sich daran.
Hier war ihr einziges Refugium, ihre letzte Festung vor der grausamen Welt da draußen und sich selbst. Immer wenn der Druck zu groß für sie wurde, verschlug es Sarah hierher. Hier war sie sicher, hier fühlte sie sich wohl.
Dennoch hatte es schon eine gewisse Ironie, dass es Sarah ausgerechnet hierher zog. Damals während ihrem Klapsentrip, wie ihn ihre Mutter taktvoll genannt hatte, wollte sie nichts mehr, als diesem ganzen Weiß zu entkommen und jetzt war sie hier, in der wunderbaren Welt ihrer eigenen, kaputten Phantasie. Traurig, dass sie sich nichts Schöneres vorstellen konnte.
Sarah tat viele Dinge an diesem Ort, die sie in der realen Welt nicht tun konnte. Hier war sie frei von allen irdischen Fesseln, die sie sonst zurückhalten würden. Hier konnte sie Trinken, Rauchen, Weinen, Lachen, Musik hören oder nur irgendwo sitzen und in Ruhe nachdenken. Im weißen Gang war sie Sarah und nur Sarah, ohne eine ihrer vielen Masken. Die Welt da draußen war egal, jedenfalls für die Momente ihres Hier seins, Zeit spielte keine Rolle, manchmal kam es ihr vor, als bliebe sie für Wochen und Monate hier.
Unsicher griff Sarah in ihre Hosentasche und förderte zufrieden eine Zigarette zu Tage, die im nächsten Moment schon Feuer fing und brannte. Genüsslich nahm sie einen tiefen Zug. Eine letzte Zigarette, dann noch etwas Musik und alles würde schon gut werden. Sie hatte das Schaufenster und den Schlag von vorhin schon wieder verdrängt, vorläufig. Es ging doch nichts über die Kippe davor.
Sarah blieb stehen. Heute würde es diese Tür sein. Nummer 73 stand in roten Lettern in Kopfhöhe auf ihr, eigentlich war es egal, schließlich gab es zwischen ihr und den anderen keinen wirklichen Unterschied. Diese Zahl fand sich hier überall und die Tür war genauso gut wie jede andere. Die Hand am Griff machte Sarah sich bereit einzutreten, als sie von einer unerwarteten Veränderung eingeholt wurde.
„Aber, aber Mädchen, was tust Du denn hier, so ganz allein?“
Sarah hielt sichtlich erschrocken inne und fuhr herum. Diese beängstigend freundliche Stimme gehörte einem älteren, hageren Mann, der von den edlen Lederstiefeln, über seinen geschlossenen Mantel, bis hin zum einfachen Hut ganz in Schwarz gehüllt war. In seinem blassen Gesicht konnte man nur die im rechten Mundwinkel steckende Zigarre erkennen, an der er genüsslich zog, während er zielstrebig näher kam.
„Du bist Sarah, richtig?“ Er stand nun zwei Schritte vor ihr, Sarah konnte den beißenden Gestank seiner Zigarre auf ihren Lippen schmecken. Die Zigarette war ihr vor Schreck zu Boden gefallen und etwas in seine Richtung gerollt. Beiläufig trat er sie aus.
„J…Ja.“, antworte Sarah zögerlich. „Wer sind Sie?“
„Wer ich bin? Nun, das ist weniger wichtig, Viel wichtiger ist die Frage, wer Du bist?“
„Wer ich bin?“ Sarahs Gesicht spiegelte ihr Unverständnis nur allzu deutlich wieder.
„Ich bin…“
„Sarah Schneider, geboren am 24.12.1985 um 11:34 in Sickels bei Fulda, erste Tochter von Rüdiger und Anna Lena Schneider, geborene Müller, derzeit wohnhaft in der Heinrichstraße 3, du lebst allein in deiner schäbigen Wohnung im zweiten Stock, kein Freund, aber einen herrlichen Blick auf das Hurenhaus gegenüber. Eine erste Liebe hattest du mit vier im Kindergarten, mit einem Jungen namens Daniel, ihr habt euch immer heimlich hinter der Rutsche geküsst. Rauchen tust du seit du elf bist, Kiffen ab vierzehn. Die erste sexuelle Erfahrung hattest du mit 13 Jahren zusammen mit deiner Freundin Chrissy, einem Kondom und einer Gurke. Wirklich kreativ. Drei Anzeigen wegen schwerem Drogenmissbrauch, eine wegen Hausfriedensbruch sowie vier wegen schwerer Körperverletzung.“
Der Fremde in Schwarz stoppte für einen Moment, weniger um seine Zigarre weiter zu rauchen vielmehr ging es ihm um die Wirkung seiner Worte. Sarah starrte ihn nur fassungslos an. Mit einem zufriedenen Lächeln fuhr er in belustigtem Tonfall fort.
„Jemanden mit einem Backblech beim Ritt auf dem grünen Regenbogen den Schädel zu Klump zu schlagen muss wirklich Spaß gemacht haben? Du bist wirklich ein böses Mädchen. In diesem Fall war es richtig, dass Dein Vater dich damals schon das zweite Mal verraten hat.“
Sarah schwieg. Sie wusste einfach nicht, was sie ihm entgegen sollte. Wieso kannte sie dieser Mann so gut? Wer war er? Nur ein Produkt ihrer Phantasie? Vielleicht ein personifizierter Alptraum? Wie war er hierher gekommen? Das war ihre Welt, hier hatte sie die Kontrolle, Niemand hatte hier etwas verloren und schon gar nicht dieser Fremde.
„Sicher erinnerst Du dich auch noch an die Geschichte mit seinem besten Freund. Wie war noch gleich sein Name?“
„Viktor.“ Sarah würgte den Namen mehr mit Abscheu hinaus, als das sie ihm antwortete. Diese Erinnerung war grausam, und sie kam von ganz Weit unten.
„Genau, der gute alte Onkel Viktor. Eigentlich ein wirklich netter Mann, aber das mit der Scheidung war wirklich zu viel für ihn. Kein Haus, kaum Geld, keine Frau, nur der Alkohol und der miese Job als Hausmeister im Kindergarten, kann man es ihm da verübeln, dass er eine Neigung für kleine Mädchen entwickelt hatte?“
Sarah sah ihn entsetzt an. Wenn Blicke schneiden könnten, wäre der Fremde schon ein Haufen kleiner, fein säuberlich gestapelter Stücke.
„Zum Glück hat dich Mäxchen damals vor Schlimmerem gerettet. Der Hund, der beste Freund des Menschen. Selbst in einem abgedroschen Sprichwort steckt doch immer ein Fünkchen Wahrheit, aber mit der gab es für dich ja schon immer Probleme.“
„Niemand hat mir damals geglaubt. Niemand! Nicht mal meine Mutter!“ Sarah schrie ihm die Wahrheit ins Gesicht, irgendwie war es befreiend.
„Und sie glaubt bis heute noch, dass Du alles nur erfunden hast.“
„Woher…?“
Der Fremde in Schwarz schnellte nach vorne, packte Sarah ruckartig am Hals, sodass sie in die Luft gehoben und gegen die Wand neben der geschlossenen Tür hinter sich gestoßen wurde. Zuerst versuchte Sarah noch zu schreien und sich wie eine Furie freizukämpfen, aber er stand einfach nur seelenruhig da, drückte sie mit seiner Hand gegen die Wand und rauchte seine Zigarre, den Rauch sporadisch in ihre Richtung pustend.
„Schrei so viel zu willst. Wenn man alleine stirbt, hört einen niemand schreien.“
Seine Stimme klang genauso freundlich und ruhig wie zu Beginn ihrer kleinen Unterhaltung, dafür begann sich die Umgebung um sie herum mit jeder verstreichenden Sekunde zu verändern. Zuerst die Wände, aus Weiß wurde Rot und sie bekamen langsam Risse, aus denen stetig mehr roter Sand in den kaum noch weißen Gang strömte. Überall knirschte es, und langsam spürte Sarah, wie sie nach hinten in die Wand versank. Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie einen qualvollen Erstickungstod sterben würde.
Schließlich löste der Mann in Schwarz seinen Griff und trat einen Schritt zurück. Auch jetzt war Sarah unfähig sich zu befreien, geschweige denn sich zu bewegen.
Genüsslich nahm er einen weiteren Zug von der Zigarre und betrachtete Sarah wie ein bizarres Kunstwerk, während sie immer tiefer in den Sand gezogen wurde.
Plötzlich stoppte alles. Sarah war völlig hilflos, ihre Arme, die Beine und der Kopf, alles war nun Teil des roten Sandes, lediglich Sarahs Gesicht war bisher verschont geblieben.
„Was denkst du? Zuviel Blut oder noch nicht genug?“
Sie hörte ihn nur noch dumpf durch ihre verstopften Ohren. Sarah wollte ihm antworten, doch der Sand war schneller und zog sie endgültig in das kühle Dunkel der Wand.
Ihre Gedanken rasten. Das ist alles nur ein Traum, verdammt, das ist nicht die Wirklichkeit, oder doch? Nein, das ist nur ein Traum! Verdammt, reiß dich zusammen! Wieso war sie nicht einfach im Bett liegen geblieben und gestorben. Das hätte es so viel leichter gemacht. Dann viel es ihr ein. Für andere nur ein Name, für sie die Erlösung, ihre letzte Chance auf Heilung. „Matthias.“, sie sprach seinen Namen nur leise aus, doch er hallte strahlend, wie von Engelschören begleitet, in der Dunkelheit wieder, endlich sah sie wieder das Licht, es war klar und zum greifen nahe.
„Wach auf, Sarah!“ Es war Matthias Stimme, da war sie sich sicher. Jetzt würde alles wieder gut werden, daran gab es keinen Zweifel. Sie öffnete die Augen und spürte mit einem mal wieder den Druck der harten, realen Welt.

„Wach auf, Schlampe!“
„Hey, ich glaube sie kommt zu sich.“
„Gut, es ist immer schöner, wenn sie dabei wach sind.“

Sarah spürte einen fremden Körper auf ihrem eigenen. Unter sich das kalte Pflaster irgendeiner grauen Gasse der Stadt. Sie nahm alles noch etwas verschwommen wahr, das Gesicht eines Mannes, seine und die Stimmen seiner beiden Kumpels, den widerlichen Gestank nach Alkohol und Zigaretten aus seinem Mund, der jedes Mal näher kam, wenn er ihr Gesicht ableckte, seine widerwärtigen Finger, die vermutlich jeden Winkel ihres Körpers schon einmal erkundet hatten, während sie fort gewesen war, und den festen Schlag seiner Faust in ihr Gesicht, alles war weit, weit weg. Nicht einmal als ihr Kopf danach unsanft auf das harte Steinpflaster knallte, welches mit einem Mal gar nicht mehr so kalt war, verspürte sie den Drang zu schreien. Kraftlos drehte Sarah den Kopf zur Seite, während der Mann, von seinen Kumpels angefeuert, weiter über sie her fiel. Sie wollte nicht mehr weglaufen, dies war wohl das Ende der Linie.
Eine Freundin hatte ihr einmal geraten sich in solchen Situationen einen sauberen Punkt an der Decke oder in der Umgebung zu suchen, einen Ort, der ihr Zuflucht bieten würde, bis alles vorbei war. Leider gab es hier keinen solchen Punkt. Dies war lediglich eine schmutzige, kleine Gasse, kantig und unregelmäßig, lediglich das Blut hellte diese Tristes als eine dauerhafte Konstante auf. Rein, warm und unschuldig, Sarahs Blick verlor sich darin, schließlich gab es hier mehr als genug davon.

Askeron
09.10.2006 23:21

Naja man kann sich soviel Text ja auch einteilen und Stück für Stück lesen ;) Freut mich aber nach wie vor, dass es dir (auch beim Überfliegen) gefallen hat. Ist nur ungünstig, da bei dieser Methode viel verloren geht. Suum Cuique.

Was die Audio bzw. CD - Fassung angeht sind mir auch nach wie vor die Hände gebunden. Vielleicht wenn ich etwas mehr Zeit sowie jemanden mit einer passenden Stimme zum Vorlesen hätte... nur dürfte das noch etwas dauern.

P.S.: Du ist in Ordnung, auch wenn ich die Frage etwas seltsam finde ;) Fühlt man sich gleich so alt, selbst wenn mans nicht ist.

~~Mejiro~~
07.10.2006 15:21

okey vielleicht hätte ich die Geschichte gelesen hätte ich mehr Zeit gehabt aber soweit ich es übergeflogen bin [und das im warstem sinne des wortes] ist die Geschichte sehr gut

könntes/en du/sie davon nicht eine CD machen.. ich wäre die erste kundin ;)

[kommt drauf an wie du/sie angesprochen willst&`/wollen ;) ]

Askeron
09.09.2006 16:31

III

Der Pfad der Morgenröte



„Menschen sind wie Steine, man muss nur einen Weg finden sie umzudrehen, dann wird man ihr anderes Selbst erkennen.“ - Anonym
„Warum nicht gleich den Stein zerschlagen um zu sehen, was sich darunter verbirgt?" - 73




17

‚Der Tod zieht weiter’

Wie verheißungsvoll die Ruhe vor dem Sturm in den Kriegen vergangener Tage doch gewesen sein musste. Zwei Heere, die sich auf dem offenen Schlachtfeld direkt gegenüberstanden, bis an die Zähne bewaffnet gierten sie nach frischem Tod, bereit jeden Moment loszustürmen und eine Welle der Vernichtung zu erschaffen. Schwert gegen Schild, Muskete gegen Muskete, im Grunde lief alles auf die gleiche Formel hinaus, Mann gegen Mann, aufrecht und ehrenhaft bis zum Weg auf die andere Seite.
Gesichtslose Schatten, bei ihrem Anblick dachte man an nichts anderes. Nur im Entferntesten erinnerten ihre grotesken Züge noch an die Menschen, die sie einst gewesen waren. Die gemarterten Leiber mit ihren entstellten Fratzen blieben unter Hautfetzen und Trophäen verborgen. So standen sie, Körper an Körper, um das Stück Straße, an dem die Autowracks aufgereiht worden waren, ein tödlicher Kreis mit scharfen Kanten nur auf den richtigen Augenblick lauernd.
Eine kühle Brise kam von Norden her und brachte wieder den bestialischen Gestank verrottenden Fleisches mit sich. Ash befand sich weiterhin in seiner Deckung hinter dem Jeep. Vorsichtig und darauf bedacht so wenig Lärm wie möglich zu machen, robbte er auf allen Vieren ein kleines Stück vorwärts. Die Vorderseite des Wagens als Schutzschild neben sich wollte er einen kurzen Blick riskieren. Den Atem für einen Moment anhaltend schob er seinen Kopf langsam an den rechten Frontscheinwerfern vorbei und starrte angestrengt in die zwielichtige Finsternis. Nichts, nur Sand soweit das Auge reichte. Verdammt, sie waren fort. Aber wohin?
Ash richtete sich auf und sah sich nach Jack um. Dort, wo er eben noch gestanden hatte, lag lediglich der tote Körper des kleinen Mädchens im Staub der Straße. Was zur Hölle war hier los? Ash steckte den Revolver wieder in seinen Hosenbund und ging die paar Schritte zurück zum Van. Er würde den Kanister holen und dann von hier verschwinden. Schließlich hatte er noch eine Wahl. Zur Hölle mit seinem Auftrag und zur Hölle mit Jack.


„Gut.“ Mister Prince war scheinbar kein Mann großer Reden und langer Geschichten.
„Wunderbar, sie sehen aus, als könnten sie einen Drink vertragen. Machen wir es uns doch etwas bequemer.“ Ash deutete mit der Zigarre in Richtung der Sitzecke.
Als Antwort bekam er nur ein knappes Nicken, und sie setzen sich auf die bequeme Ledercouch am anderen Ende des Raumes.
„Kommen wir also zum geschäftlichen Teil.“
Schweigend legte sein Gegenüber den grauen Koffer vor sich auf den Tisch.
„Im Memo ihrer Firma stand etwas von einem gewissen Artefakt, das sich in meinem Besitz befinden könnte.“
„Korrekt.“
„Und ich darf annehmen, dass sie etwas für mich dabei haben?“
Mit zwei leisen Klicks öffnete Mister Prince den Koffer und drehte ihn zu Ash.
„Zwei Dutzend lupenreiner Diamanten und Smaragde sowie den Rest der Summe in Hundert-Dollar Noten, wie vereinbart.“
„Sehr schön, Miss Jones steht wirklich zu ihrem Wort.“
Ash zog noch einmal an seiner Zigarre, dann drückte er sie großzügig in einer versilberten Schale vor sich aus.
„Nun gut.“ Ash klappte den Koffer zu und stand auf. „Wenn sie mir bitte folgen wollen.“


Weiße, kahle Wände in einem schier endlos verschachtelten Gang, unterbrochen wurde diese triste Landschaft von gelegentlichen Einbuchtungen, die allesamt Türen in andere Welten waren. Seine Schritte lenkten ihn über den blank polierten Boden unausweichlich auf das Ende des Ganges zu.
Diese Stille, diese herrliche Stille, das weiße Licht zog ihn immer weiter an. Je näher er ihm kam, desto mehr veränderte sich seine Umgebung. Mit einem Mal färbten sich die Wände rot und bekamen langsam Risse. Wenn er sie berühren würde, wären sie sicher genauso wie der Boden geworden. Es knirschte überall, als würde er auf Sand laufen.
Er war wieder hier. Es war alles so wie damals, als er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Jack ging weiter auf das Licht zu.

„Verdammte Scheiße! Er hat keinen Puls mehr!“
„Den Defibrillator! Schnell!“

Die Stimmen dröhnten aus einem der kleinen weißen Lautsprecher, die zwischen jeder dritten Tür hingen. Seltsam, sie waren ihm vorher noch nie aufgefallen.

„Er stirbt uns weg!“

Obwohl sie nur durch ein primitives Wunder der Technik zu ihm sprachen, kamen Jack diese beiden doch sehr nah und vertraut vor.

„Erhöhen Sie die Ladung!“

Die Stimmen wurden leiser. Nur noch ein leises Flüstern hallte durch den Gang.
Das Licht war zum Greifen nah. Vorsichtig streckte er die Hand danach aus, nur um der behaglichen Wärme, die es ausstrahlte, ein Stück näher zu kommen. Es war wunderschön. All der Schmerz war vergessen. Es fühlte sich an, als wäre eine große Last von seinen Schultern genommen worden. Einfach, alles schien so einfach geworden zu sein, nur noch ein Schritt und es würde vorbei sein.
Jack spürte den festen Griff einer Hand an seiner rechten Schulter. Während ihm schon etwas Zigarrenqualm entgegen kam, drehte er sich um und schaute in das Gesicht des Fremden in Schwarz.
„Es ist noch nicht an der Zeit.“
Jacks ausdruckslose Miene veränderte sich zu einem zufriedenen Lächeln. Der Fremde in Schwarz zog noch einmal an seiner Zigarre, dann deutete er beiläufig auf eine der Türen des Ganges. „Das ist dein Weg.“
Ohne ein Wort zu sagen löste sich Jack vom weißen Licht und ging an ihm vorbei auf die Tür zu. Die beiden Stimmen waren verschwunden, und es herrschte wieder diese wunderbare Stille. Seine Welt hatte sich wieder in strahlendes Weiß gewandelt. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um. Das Licht war verschwunden, ebenso wie der Fremde in Schwarz.
Vor ihm lag eine Tür, durch und durch weiß, genau wie die anderen, beinah ohne jeden Makel. Die Zahl ‚73’ war in roten Lettern auf Kopfhöhe eingeritzt worden. Jack griff nach dem ebenfalls weißen Griff und öffnete sie. Dahinter warteten das Feuer und ein Weg zurück.


Stille, es hatte schon eine gewisse Ironie, dass nur noch sie ihm geblieben war. Ash kniete sich neben den toten Körper des kleinen Mädchens. Sanft strich er ihr durchs Haar und ignorierte dabei die blutige Stelle, an der die Kugel einen Krater in ihren zierlichen Hinterkopf gerissen hatte. „Armes Ding, Du hattest noch dein ganzes Leben vor dir. Falls Du meine Tochter triffst, richte ihr einen schönen Gruß von mir aus. Katie hatte auch blonde Haare. Ihr hättet euch sicher gut verstanden.“
Mehr als ein gequältes Lächeln konnte sich Ash nicht abringen. „Das Leben ist einfach nie fair.“ Er wischte sich eine Träne aus dem Gesicht, stand auf und wandte sich wieder dem Van zu. Irgendwo hier sollte doch der andere Kanister stehen. Der Mustang hatte zwar noch einen halb vollen Tank, aber eine Reserve dürfte sicher nicht schaden. Da war er ja, genau dort wo Ash ihn vorhin zurückgelassen hatte, damals als er alles noch unter Kontrolle gehabt hatte. Es schien schon eine Ewigkeit her zu sein.
Erleichtert nahm er den Kanister und blickte sich noch einmal nach Jack um. Keine Spur, dieser verdammte Bastard. „Komm raus! Sie sind weg! Sperrstunde, Jack! Letzte Bestellung!“
Keine Antwort, welch Überraschung. Warum konnte alles nicht einmal wie geplant laufen?
Die Option ohne ihn zurückzukehren gab es nicht. Wie wäre es mit Abhauen? Oh, ja feige davonlaufen würde sicher helfen, jedenfalls für eine Weile.
Mit dem Wagen so viele Meilen zwischen sich und diese gottverdammte Stadt bringen, nur irgendwie würden sie ihn auch finden, wenn er vom Rande der Welt in den ewigen Abgrund springen würde. Es war wie früher. Niemand konnte einfach aussteigen und den Pakt brechen, nicht ohne den Preis zu zahlen. Das Kleingedruckte war in diesem Punkt überaus eindeutig gewesen. Welche Optionen blieben ihm denn sonst? Zum Wagen gehen, den Kanister durch etwas Großkalibriges ersetzen und den Sonnenaufgang abwarten um nach Jack zu suchen, alles andere wäre das sichere Ende.


„Da wären wir also.“ Stolz öffnete Ash die schwere Panzertür vollends und betrat als erster den ausgedehnten Raum dahinter, den er unter Freunden nur liebevoll seine Schatzkammer nannte. Acht Stockwerke unter dem Time Square, mit Wänden aus Stahlbeton, kompletter Kameraüberwachung sowie eigener Luft-, Wasser- und Stromversorgung.
„Der Vorbesitzer hat diesen Raum damals in Kriegszeiten einrichten lassen. Man könnte ihn sicher für etwas paranoid gehalten haben.“
„Nach Hiroschima dürfte sich das erledigt haben, des einen Wahn, des anderen Gewinn.“
„Ich könnte mir keinen besseren Ort für meine Sammlung vorstellen.“
„Ein ehemaliger Atombunker, wirklich beachtlich, was Sie daraus gemacht haben, Mister Winfield.“
Die linke Seite des Raumes war komplett mit Schließfächern zugepflastert, die alle in einem rechteckigen Stahlkoloss, dessen Mitte noch mal eine größere Safetür bildete, Platz fanden. An der Wand zu ihrer Rechten waren die Arbeiten an einer mit Panzerglas verkleideten Regalwand zur Hälfte abgeschlossen. Hier würden einmal die zwölf wertvollsten Schätze aus Ashs Sammlung bis in alle Ewigkeit bestens gesichert liegen.
Aber das alles war unbedeutend im Vergleich zum Prunkstück seines Allerheiligsten. Es stach einfach sofort ins Auge und das nicht nur, weil es die Wand gegenüber dem Eingang einnahm. Zwei kunstvoll gearbeitete Bronzestatuen, die zwei Krieger der Antike in voller Rüstung darstellten, stützen einen leeren Goldrahmen vor rotem Grund. Fein säuberlich hatte man schon die Halterungen für eine Waffe montiert, doch vom vermeintlich größten Kunstschatz in Ash Winfields Sammlung fehlte noch jede Spur.
„Zwei bis drei Wochen, die Leute vom Zoll machen noch Schwierigkeiten.“
Mister Prince antwortete mit einem wortlosen Nicken.
Vor diesem noch unvollendeten Kunstwerk standen zwei gemütliche Ledersessel, zwischen denen ein kleiner Tisch mit einem Marmoraschenbecher eingezwängt war. Des Weiteren warteten auf ihm noch eine angebrochene Flasche Whiskey mit einem Glas, neben dem ein faustgroßer Schlüsselbund lag. Unzählige kleine Schlüssel, die alle ihren Platz in dem monströsen Metallgebilde zu ihrer Linken hatten.
Ohne weitere Umschweife nahm Ash den Bund vom Tisch und ging die paar Schritte zu den Schließfächern hinüber. „Eine Sekunde noch.“ Es bedurfte keiner langen Suche, und er hatte den richtigen Schlüssel für das Fach mit dem begehrten Stück Geschichte gefunden.
Ash öffnete die Klappe. Die Box dahinter ließ sich leicht herausziehen, und mit einem gewinnenden Lächeln reichte er sie an Mister Prince weiter.
„Nummer 73, wie vereinbart. Ich bin sicher, dass Sie zufrieden sein werden.“


Ash öffnete den Kofferraum. Zwei Äxte, diverse Jagdmesser, eine Machete bis hin zu Colts, Revolvern, einer MP5 sowie eine abgesägte Schrotflinte mit Doppellauf und ein paar Handgranaten, alles was das Herz eines aufstrebenden Anarchisten höher schlagen ließe, wenigstens funktionierte das Kofferraumlicht noch.
Er steckte den Benzinkanister in die eigens dafür angefertigte Halterung auf der linken Seite, welche sich gleich neben dem olivgrünen Erste-Hilfe-Kasten befand. Ein elendes Mistding aus den Restbeständen einer schon längst untergegangenen Armee.
Mit einem Klicken rastete der Kanister ein. Als nächstes stand erstmal der grüne Kasten auf Ashs geistiger Liste. Von Hilfe im eigentlichen Zusammenhang konnte man in diesem Fall absolut nicht sprechen. Der Deckel war auch nur locker angelehnt, sodass man jederzeit leichten Zugriff auf den Inhalt hatte. Fünf nebeneinander aufgereihte Glasviolen, die ohne große Beschreibung auskamen. Nur ein ziemlich verblasstes Hakenkreuz auf jeder Flasche, das durch die weiße Flüssigkeit im Innern besonders hervorgehoben wurde, gab Aufschluss über die Herkunft. Etwas anderes war hier nicht zu finden und sicher nie nötig gewesen. Die simplen Gesetze der herkömmlichen Schulmedizin hatten hier draußen keinerlei Bedeutung. In dieser Welt galten andere Regeln. Schon immer war Tod nicht gleich Tod und das Leben nur der Bruchteil einer Sekunde dazwischen.
Ash löste eine Viole aus ihrer Verankerung und schob sie vorsichtig in seine rechte Beintasche. Nur für den äußersten Notfall, hatte Tony gesagt. Hier draußen konnte man gar nicht vorbereitet genug sein. Die Regeln des Spiels waren eindeutig, leben, sterben oder Schlimmeres. Es war Zeit für die nächste Runde.
Ash nahm noch die abgesägte Schrotflinte und einige Patronen aus einer halb platt gedrückten gelben Schachtel. Er musste nicht prüfen, ob sie geladen war, es war selbstverständlich. Lässig wog er die Waffe auf seiner rechten Schulter.
Im selben Moment zerstörte das unnatürlich laute Zuschlagen einer Wagentür diesen zweifelhaften Moment vorübergehender Sicherheit.
Ash war augenblicklich wieder in Deckung gegangen, auch wenn es nur der Wind gewesen sein konnte.
Sechs Schuss für den Revolver und zwei Patronen in der Schrotflinte, fürs Erste dürfte es reichen und falls nicht gab es da ja immer noch das Arsenal im Kofferraum.
Angespannt verharrte er am Boden. Seine schnelle Atmung, die von der unerwarteten Aufregung herrührte, wurde langsam ruhiger, bis sie kaum mehr zu hören war. Ash versuchte sich zu konzentrieren.
Die übrigen Sinne ausblenden und seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Hören richten. Eine halbwegs effektive Technik um wirklich jeden noch so leisen Laut als Ganzes wahrnehmen zu können. Die folgenden Minuten der Ungewissheit zogen sich dahin, wie die Blutlache eines abgestochenen Schweins, das schon zu lange in der prallen Sonne vor sich hinfaulte, es war einfach unerträglich.
Dabei gab es eigentlich nichts Offensichtliches, von dem eine Gefahr ausgehen könnte. Einzig das ungleichmäßige Rauschen des Windes, welcher den roten Sand vereinzelt in bis zu kniehohen Windböen über die Straße wehte, war ihm geblieben. Kein Jack, keine Gefahren, nur er und die ewig rote Wüste.
Einsamkeit, fast unerträgliche Stille und eine Waffe, es hatte schon eine gewisse Ironie, dass sie seine letzten Begleiter waren. Damals war es genauso gewesen. Ash erinnerte sich noch daran, als wäre es erst gestern gewesen.
Seine Entscheidung und ein Schuss hatten die Welt von Ashley „Ash“ Winfield komplett aufgezehrt und in verkrüppelten Brocken wieder herausgewürgt.
Déjà-vu würden es die einen nennen, andere könnten es als wichtige Lektion des Lebens abgetan haben. Für Ash war es jedoch ein fester Bestandteil seines Lebens, und egal wie sehr er versuchte die Erinnerung daran wegzuwischen, sie kam immer wieder zu ihm zurück. Der Fluch eines grausamen Schicksals neigt zur ständigen Wiederholung eines Grundschemas. Sei es im Wahn oder der Realität, ist man einmal in seinen vernichtenden Sog geraten gibt es kein Entkommen mehr. Der Weg zurück ist für immer versperrt und niemand kommt vorbei. Selbst belanglose Kleinigkeiten können sich in diesem Fleisch gewordenen Alptraum zu einer gewaltigen Bestie mit scharfen Zähnen und mächtigen Klauen entwickeln.
„Die Grenze zwischen Glück und Unglück ist schlecht bewacht, Junge“, hatte ihm sein Vater einmal gesagt. Zu dieser Zeit hatte Ash nur darüber gelacht. Im Nachhinein betrachtet war es der nett gemeinte Rat eines zerstörten Mannes, dessen Leben schon vor Jahrzehnten aus den geplanten Linien gebrochen worden war. Wer konnte Ash seine Reaktion schon verübeln?
Mit einem zwölfstelligen Vermögen im Rücken, denkt man nicht wirklich daran, mit einem Mal wieder bei Null zu stehen. Merkwürdig, dass es ausgerechnet jetzt wieder zu ihm zurückkam. Ash musste über seine eigene Paranoia lachen. Wie naiv er doch manchmal war. Hier gab es nichts mehr. Es war an der Zeit weiter zu gehen. Gelassen kam er hinter dem Wagen hervor und blickte in dutzende leere Gesichter.


„Es war mir eine Freude mit ihnen Geschäfte zu machen.“
„Freude?“ Mister Prince schien überrascht zu sein. Eine Gefühlsregung, die Ash bei ihm nicht für möglich gehalten hatte. Die schweren Fahrstuhltüren öffneten sich und er stieg zu Miss Winchester in die Kabine.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht zum Ausgang begleite. Ich habe hier noch etwas zu erledigen. Meine Assistentin wird Sie hinaus begleiten.“
Ash gab ihm die Hand und verabschiedete sich. Mehr als ein knappes Nicken, war Mister Prince der Abschied nicht wert. Die Türen schlossen sich wieder, und der Fahrstuhl fuhr nach oben. Ash drehte sich um.
Überaus zufrieden entzündete er eine Zigarre, die er zuvor aus seinem Sakko geholt hatte. „Wirklich eine ganz besondere Freude“, teilte er dem menschenleeren Tresorraum mit. Der Verschluss der Flasche wurde geöffnet. Ash gönnte sich noch schnell einen Schluck aus selbiger, bevor er den Schlüsselbund nahm und wieder zu den Schließfächern hinüber ging. Mit einer gebührenden Feierlichkeit öffnete er Fach Nummer 7. Welche eigentlich seine richtige Glückszahl war.
Die Metallbox daraus landete ohne Umwege auf dem kleinen Tisch zwischen den Sesseln. Ash schenkte sich das Glas fast voll ein. Zufrieden nahm er im linken Sessel Platz und schaute auf die Box. Wie mächtig etwas so Unscheinbares doch sein kann.
„Naive Dummheit ist die Tugend des reichen Mannes. Seine Achillesferse, die man nur richtig durchschneiden muss, um ihn zu Fall zu bringen.“, so hatte es ihm sein Vater beigebracht und wie so oft hatte er Recht gehabt.
Das Alter, samt seinen Erfahrungen zahlt sich nun mal aus. Ab Sechzehn haben wir leider verlernt darauf zu hören, doch am Ende kommt immer die Einsicht und wir bedauern unsere irreparablen Fehler, leider ist es dann wie so oft schon zu spät.
Ash öffnete die Box und betrachtete den auf roten Samt gebetteten Schlüssel.
„Was ist besser als eine perfekte Kopie?“
„Natürlich das Original, Junge.“, und sein Vater hatte damit verdammt recht gehabt.

Askeron
02.07.2006 00:37

16

‚Geier’

„Die heilige Lanze, das Kernstück von Mister Winfields Sammlung. Angeblich soll der römische Hauptmann Longinus mit ihr den Tod Jesu geprüft haben. Nach unzähligen Nachbesserungen ist leider nur noch die Spitze erhalten geblieben, in deren Mitte ein Fragment des Kreuzes eingebettet sein soll.“ Miss Winchester rückte ihre Brille zurecht. „Legenden zu folge verleiht sie ihrem Besitzer ewige Macht und Unbesiegbarkeit, aber wenn Sie mich fragen…“
„Ich frage Sie aber nicht.“ Der Mann, welcher neben ihr in einem dunkelblauen Anzug vor der Glasvitrine stand, hatte ihr schon vom ersten Augenblick an einen unangenehmen Schauer über den Rücken gejagt. Dabei sah er für einen Mittfünfziger eigentlich völlig normal aus. Zwar passte der schlichte rote Koffer nicht zum Anzug und dem gepflegten Äußeren, den kurz geschnittenen wasserstoffblonden Haaren oder der in ihren Augen perfekten Bräune, aber jeder Mensch hatte mindestens einen Fehler. Seiner war definitiv ein schlechter Geschmack, was Farbkompositionen anging.
„Entschuldigen Sie. Es lag gewiss nicht in meiner Absicht Ihren aufschlussreichen Vortrag zu unterbrechen.“ Er redete mit diesem verführerischen englischen Akzent. Stimmlich klang es ein bisschen wie Sean Connery in jungen Jahren, einfach zum Dahinschmelzen. „Ich bin hier um ein Geschäft abzuschließen. Leider nicht um von einer so bezaubernden Dame eine persönliche Führung der Räumlichkeiten zu bekommen.“
Sie lächelte ihn verlegen an. „Es tut mir auch Leid Sie aufgehalten zu haben, Mister Prince. Vielleicht könnten wir ein andermal…?“
„Ich habe einen Flieger zu kriegen, wenn Sie mich nun zu Mister Winfield geleiten würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“
Er war ihr wieder ins Wort gefallen, welch’ Dominanz, welch’ Charisma, nicht so wie der Waschlappen, der zu Hause auf sie wartete. „Selbstverständlich, bitte folgen Sie mir hier entlang.“

Mister Winfields Büro lag am Ende eines langen Flures im zweiten Stock, direkt über der Galerie. Aus den hohen, mit versilberter Buche verkleideten Fenstern hatte man neben dem wunderbaren Blick hinunter zur gläsernen Kuppel auch freie Sicht auf den Times Square. Die Inneneinrichtung war im Vergleich dazu eigentlich viel zu schlicht geraten. Ein großer Schreibtisch im Zentrum, ein paar Aktenschränke in der Ecke, sowie eine Sitzecke für Gäste neben der Tür, alles nur das Teuerste vom Teuersten, so wie er es sich immer gewünscht hatte.
Als sein Besucher eintrat, saß Mister Winfield im großen Sessel hinter dem Schreibtisch und schaute durch eines der Fenster in die Nacht hinaus. Zigarrenqualm stieg in unregelmäßigen Intervallen zur Decke empor, während er im Radio einer Rede lauschte.
„Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum…“
Mister Prince räusperte sich kurz. Im nächsten Moment wurde das Radio leiser gedreht. „Schön, dass Sie es einrichten konnten. Machen Sie es sich doch bequem.“
Mister Prince kam der Aufforderung nach und trat näher an den Schreibtisch heran. Ash erhob sich aus dem Sessel und reichte ihm zur Begrüßung die Hand. „Willkommen in New York, wie war ihr Flug?“


Feuer, von Gott dem Menschen gegeben, von Prometheus den Göttern gestohlen, durch einen simplen Blitzeinschlag zum Urmenschen gekommen, es gibt so viele Theorien über die Herkunft dieses Elements. Leider sind nur die wenigsten mehr als reiner Glaube oder pures Wunschdenken. Was ist es, das uns am Feuer so fasziniert?
Es spendet Licht und Wärme, Zeichen des Lebens, doch ist es genauso tödlich wie schön. Über die Jahrhunderte hat der Mensch immer neuere Wege gefunden das Feuer einzufangen und für sich nutzbar zu machen, im Guten wie im Schlechten. Ob Krieg oder Frieden, es ist schon immer da gewesen, ebenso, wie die Luft, die wir zum Atmen brauchen. Im Feuer hat alles angefangen und im Feuer wird alles enden.
Sie waren wie die ewigen Flammen, einem Schwarm gieriger Heuschrecken gleich kamen sie aus dem Nichts und fielen über alles her, was sich ihnen in den Weg stellte. Die Alten, die Schwachen, aber auch die Jungen und Starken, vorbereitet oder nicht, es machte sowieso keinen Unterschied. Sie labten sich an ihren Gebeinen bis nichts mehr übrig war. Verbrannte Erde und die metallenen Leiber des Fortschritts blieben zurück, dann wurde es wieder dunkel in der Welt.

Das Licht der Frontscheinwerfer eines schwarzen Ford Mustangs fiel auf die vollends ausgebrannten Überreste eines Pick-ups. Hier und da glimmte noch etwas im Innern, aber im Wesentlichen war nichts mehr übrig. Die Tür auf der Fahrerseite des Mustangs wurde aufgestoßen und ein Mann in orangefarbener Sträflingskleidung stieg aus. Eine Sonnenbrille baumelte lässig an seinem Kragen, während er mit der nötigen Ruhe den Wagen umrundete, zum Kofferraum ging und einen Kanister samt Schlauch daraus hervorholte.
Sein in Schwarz gekleideter Begleiter stieg ebenfalls aus, zündete sich eine Zigarette an und kam zu ihm. „Warum halten wir?“
„Benzin“, war Ashs pragmatische Antwort.
„Verstehe.“ Jack ließ seinen Blick in die Dunkelheit vor ihnen gleiten. Anfangs sah er nichts, nur den scheinbar undurchdringlichen schwarzen Schleier, der die Welt jenseits des Scheinwerferlichts beherrschte. Aber langsam gewöhnten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse und er erkannte die Umrisse weiterer Autowracks. „Nette Gegend, was ist hier passiert?“
Ash holte noch einen Kanister aus dem Kofferraum und stellte ihn neben sich auf den Boden. „Manchmal ist es besser nicht zu fragen. Man nimmt einfach, was einem der Sand übrig gelassen hat. Er schlug den Kofferraum wieder zu.
„Tanken fahren wäre wohl zu leicht?“
Ash nickte. Den Revolver griffbereit im Hosenbund bei sich führend, ging er mit der nötigen Vorsicht aus dem Lichtkegel der Scheinwerfer hinein in die Dunkelheit und weiter auf das Geschwür, welches die Straße befallen hatte, zu. Jack blieb noch kurz stehen, rauchte auf, nahm den zweiten Kanister und tat es ihm gleich.

Es waren etwa fünfzehn Autowracks. Teils ausgeschlachtet, teils ausgebrannt, manche mit Anhängern, andere mit offenem Verdeck, sie standen einfach hier, links und rechts neben der Straße. Eine Kompanie blecherner Soldaten in Formation, die das Ende des Krieges viel zu früh erlebt hatte. Im schwachen Licht der Scheinwerfer konnte Ash die Flecken auf der Straße nicht genau erkennen, aber das Knirschen unter beinah jedem seiner Schritte verschaffte ihm eine viel bessere Einsicht.
Der bestialische Gestank nach Tod war allgegenwärtig. Er musste sich beeilen. Was immer hier geschehen war, konnte auch ihm und seinem Begleiter widerfahren. Zügig bewegte er sich weiter. Vorbei an den Überresten zerstörter Träume anderer. Wer sie wohl gewesen waren? Wohin sie wohl unterwegs gewesen waren? Wer konnte ihnen das hier angetan haben? Seine Fragen konnten nicht beantwortet werden. Antworten gab es nicht mehr. Sie waren schon lange fort. Nur dieses Stück Straße war ein letzter stummer Zeuge ihrer Existenz.

Ash hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Zwar nur mit dem Hauch schwacher Hoffnung behaftet, aber es war hier. Die Zeit konnte schon alles vernichtet haben. Jetzt hieß es nur noch hoffen, dass etwas brauchbar geblieben war. Er zog seinen Revolver und näherte sich einem hellbraunen Lieferwagen.
Die Scheiben waren weitestgehend eingeschlagen worden. Hier und da erkannte man sporadische Spritzer getrockneten Blutes, die in Kombination mit dem Lack ein seltsames Muster bildeten.
Vorsichtig schraubte Ash den Deckel ab und schob den Schlauch prüfend in den Tank. Nach ein paar Zügen an selbigem spuckte er kurz aus und ließ das Benzin in den Kanister laufen. Zufrieden lauschte Ash dem Plätschern, während sich der Kanister langsam füllte.
„Wer sie wohl waren?“ Jack stellte den anderen Kanister ab und lehnte sich gegen den Wagen.
„Ich kann es nicht genau sagen, sieht mir nach einer Gruppe Flüchtlinge aus. Es könnten aber auch Siedler gewesen sein, die nach Osten wollten.“
„Mir gefällt das nicht. Keine Leichen, nicht mal Knochen, und wir sitzen hier förmlich auf dem Präsentierteller. Beeil dich mit dem Benzin und dann nichts wie weg hier.“
„Schon dabei.“ Das Plätschern hatte aufgehört. Ash zog den Schlauch aus dem Tank und schraubte den Kanister zu. „Vielleicht sind sie ja vom Sand verschluckt worden oder Schlimmeres. Hier draußen ist alles möglich. Fast wie in meinem alten Viertel.“
„Woher kommst du eigent…?“ Jack stoppte.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte er seine Beretta im Anschlag und entsichert. Mit einer geringen Verzögerung tat es ihm Ash gleich.
„Was ist?“, zischte er mit gedämpfter Stimme.
Jack deutete mit dem Lauf seiner Waffe auf die Hintertür eines halbwegs gut erhaltenen Vans fünf Schritte vor ihnen. Er zählte mit den Fingern von drei abwärts. Ash verstand sofort. Beide näherten sich langsam dem anderen Wagen.
Die Doppeltür wurde gleichzeitig zu beiden Seiten hin aufgerissen, und sie feuerten jeweils einen Schuss ins Innere. Nichts regte sich. Nur ein alter Van, voll gestopft mit Gepäck, hauptsächlich Koffer und einige Taschen, die vielleicht mal vernünftig aufgestapelt gewesen waren, sich jetzt jedoch überall auf der Ladefläche verteilten wie die Eingeweide eines Igels auf einer stark befahrenen Kreuzung.
Ash senkte seinen Revolver. „Es geht doch nichts über eine angemessene Portion persönliche Paranoia.“
Jack antwortete ihm nicht, er stieg auf die Ladefläche. Eher sporadisch schob er ein paar Koffer zur Seite, bevor er sich hin kniete und etwas am Boden näher untersuchte.
Ash wurde langsam ungeduldig. „Komm schon! Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!“
Jack griff ruckartig nach rechts zwischen die Koffer, es folgte ein verschrecktes Quieken, das eher ein überraschter Aufschrei werden sollte. Jack riss eine zierliche Gestalt zwischen dem Gepäck hervor und zog sie zum Ende der Ladefläche. Mit einem gezielten Tritt beförderte er sie hinaus auf die Straße.
Ash wollte seinen Revolver hochreißen, doch als er genauer hingesehen hatte, ließ er ihn wieder sinken.
„Nur ein kleines Mädchen.“ Jack ließ ein Büschel brauner Haarsträhnen fallen und stieg von der Ladefläche. „Ein Kind, mehr nicht.“ Er steckte die Waffe weg und holte eine Zigarette aus seiner Tasche. Ash sah ihn fassungslos an. Jack entflammte die Zigarette und lehnte sich seitlich gegen den Van.
„Na Kleine? Ich bin Ash. Wie ist dein Name?“ Schweigen, das Mädchen kniete weiterhin auf dem Boden, ihre langen braunen Haare hingen leblos herunter und verdeckten ihr Gesicht. Etwas Blut hatte eine Lache um ihre Knie gebildet, in die in unregelmäßigen Abständen einsame Tränen tropften. Tränen der Trauer, des Schmerzes oder des Hasses, wer konnte das schon genau sagen, das wusste nur sie allein.
„Ich habe auch eine Tochter. Sie dürfte jetzt etwa in deinem Alter sein. Ihr Name ist Katie.“ Sie reagierte nicht. Ash kniete sich zu hier hinunter. „Weißt Du, was hier passiert ist? Wo sind deine Eltern?“ Ihre Tränen wurden spärlicher und trocken wie der Wüstensand. Nicht ein einziges seiner Worte schien zu ihr durchdringen zu können. Ihr Blick blieb weiterhin starr gen Boden gerichtet. Nicht mal als Jack ihr in den Rücken trat, sodass ihr Gesicht ungebremst neben Ash auf den Asphalt prallte, gab sie einen Ton von sich. Sie blieb reglos liegen, auf die Schrecken wartend, die noch auf sie zukommen würden.
„Nutzlos, nichts als eine leere Hülle. Versuch es noch bei dem Jeep da drüben.“
Ash stand auf und nickte. „Zeit hier zu verschwinden.“ Er ließ den vollen Kanister stehen, nahm den anderen und setzte sich mit dem Schlauch in Bewegung. Jack drückte den Lauf der Beretta auf den Hinterkopf des Mädchens.
Im selben Moment begann es. Schreie, wild und animalisch, wie er sie schon einmal in der ewigen Einsamkeit der roten Wüste gehört hatte, und sie schienen von überall her zu kommen.
Augenblicklich drehte sich Jack um. Egal in welche Richtung er sich wandte, sie waren schon da. Ash ließ den Kanister fallen und ging sofort hinter dem Jeep in Deckung.
„Sie sind hier.“ Es war die Stimme des kleinen Mädchens, regelrecht heiser und abgenutzt begann sie zu kichern. „Ihr werdet hier draußen ster...“
Der Donner eines Schusses hallte durch die Wüste. Kurz setzten die Schreie aus, dann flammten sie von neuem auf, lauter und wütender. Blut und Gehirnmasse spritzten auf den Boden, gefolgt vom Kopf des Mädchens, in dessen Augen der letzte Funken ihres jungen Lebens verlosch.
Dutzende menschenähnliche Schemen tauchten auf den Dünen und im Sand rings um sie herum auf. Ash verharrte mit gezogener Waffe in seiner Deckung und sah zu Jack hinüber, dieser stand neben der Leiche der Kleinen und schaute gebannt zu den Dünen hinauf.
Mit einem Mal verstummten ihre Schreie. Jack feuerte zwei weitere Schüsse ab. Klirrend zerplatzten die Frontscheinwerfer des Mustangs. Das Mal auf seinem Arm begann feuerrot zu glühen, sonst war es wieder dunkel in der Welt.


Der Regen aus Glas lag in seinen letzten Zügen und der Platz vor dem Bahnhof brach im Chaos, bereit den nächsten Hieb des Schicksals zu empfangen. Nur noch vereinzelt fanden Scherben und Splitter ihren Weg in weiche Leiber oder zersprangen auf dem harten Boden.
Wie ein Ritter in schwarzer Rüstung schritt ein Mann mit einem grauen Koffer durch das Chaos aus verängstigen Menschen über das Glas und die Körper derer, die nicht so viel Glück gehabt hatten, als wären sie seiner Aufmerksamkeit nicht würdig genug.
Noch immer befanden sich Scharen von Menschen auf dem Platz. Viele waren verwundet, einige vom Schock gezeichnet, andere versuchten sogar zu helfen und die obligatorischen, teilnahmslosen Gaffer gab es natürlich auch. Sie waren beinahe wie er, leer und begierig noch mehr Leid zu sehen. Es gab nur einen Unterschied zwischen ihnen und ihm, er wusste wie.
Hin und wieder prasselten noch Glassplitter auf seinen Helm sowie den Kampfanzug.
Der Mann blieb stehen. Eine Hand klammerte sich Hilfe suchend an seinem rechten Bein fest. Sie gehörte einem jungen Mann, der nach Leben röchelnd auf dem Rücken lag. Das große Stück einer Scheibe war tief in seinem Brustkorb versunken und auch sein restlicher Körper war von zahllosen Blessuren und Schnitten übersäht. Lauter gläserne Nadeln, die alle tief unter die Haut gingen. Seine Qual musste höllisch sein.
Zwei kurze Blitze im zwielichtigen Halbdunkel, Herz und Kopf, die Hand erschlaffte langsam und glitt wieder zu Boden. Der Mann stieg über die Leiche hinweg und setzte seinen Weg fort.
Vorbei an Sanitätern, die verzweifelt um die Leben anderer Opfer kämpften, über weitere Leichen, Verletzte und Trümmer hinweg. Niemand schien ihn zu bemerken, keiner achtete auf ihn. Wieso auch? Hier gab es Wichtigeres zu tun und vor allem zu sehen. Bei jedem Schritt knirschten die Scherben und so mancher Knochen zerbarst unter seinen Stiefeln. Sie alle kümmerten ihn nicht. Nur ein paar Menschen, deren Zeit schon bald abgelaufen war.
Zielsicher trat er über das heruntergerissene Absperrband und näherte sich einem Motorradfahrer in grüner Kombi, der am Eingang der Zenthofeinkaufspassage unterhalb des McDonalds Restaurants auf ihn wartete. Wortlos übergab er den Koffer und wandte sich wieder dem Bahnhof zu. Während hinter ihm der Motor einer Suzuki GS500 aufheulte, holte er ein Handy aus seiner Brusttasche und drückte die Taste für Wahlwiederholung. Seinen Helm und die Skimaske warf er achtlos bei Seite, bevor am anderen Ende mit einem Klick die Verbindung aufgebaut wurde.

Eine Frau im roten Abendkleid schritt bedächtig durch den prächtigen Spiegelsaal des Fuldaer Stadtschlosses. Edler Parkettboden und Möbel aus einer Zeit als Prunk noch etwas bedeutet hatte waren hier nur triste Kleinodien. Der ganze Saal war mit Spiegeln regelrecht übersäht. Wie kunstvoll in Gold eingefasste Pestbeulen zierten sie die Wände und ließen gerade noch genug Platz für Türen und Fenster. Vor einem der größeren Spiegel blieb sie stehen und warf einen Blick auf das Wesen, das sie von der anderen Seite aus anstarrte.
An Orten wie diesem hatte sich Pandora schon immer überaus wohl gefühlt. Hier verspürte sie dieses viel zu seltene Gefühl von Geborgenheit.
Sie ging näher an den Spiegel heran und strich sanft über die kalte, makellose Oberfläche. Sie lächelte und die Frau auf der anderen Seite tat es ihr gleich.
Jäh wurde dieser Moment ihrer inneren Ruhe unterbrochen, als das vibrierende Summen eines Handys durch den Saal hallte. Nur widerwillig löste sich Pandora von ihrem Abbild, ging zur Fensterbank und nahm den Anruf entgegen.
Schweigend lauschte sie den Worten des Mannes am anderen Ende der Leitung. „Hier ist Prince, der Koffer wurde sichergestellt. Phase eins ist abgeschlossen.“
Ohne ein unnötiges Wort zu verlieren beendete Pandora die Verbindung. Zufrieden betrachtete sie noch einmal ihren makellosen Körper im golden umrandeten Spiegel vor sich. Sie hatte gehört, was sie hören wollte. Eine Frau mit langem blondem Haar erschien in der Tür und kam auf sie zu. Ihre pechschwarzen Augen sahen Pandora neugierig an.
„Komplikationen?“
„Nicht mehr, alles läuft wieder nach Plan.“
„Und das Mädchen?“
„Ist unter Kontrolle.“

Ein paar Stockwerke über ihnen, hoch oben auf der Aussichtsplattform des Stadtschlosses lehnte ein Mann in schwarzem Kampfanzug an der Brüstung. Neben ihm lag ein leerer Koffer, dessen Inhalt er routiniert in beiden Händen hielt.
Langsam ging er mit dem Scharfschützengewehr in Anschlag und visierte ein unscheinbares Ziel auf dem gewaltigen Domplatz eine Straße weiter an, eine junge Frau, die schon viel zu lange ziellos durch die Nacht geirrt war. Er hielt den Atem an und sein Finger krümmte sich um den Abzug.

Askeron
19.06.2006 19:47

Erstmal danke für eure Kommentare ;)

@Big_Mac:

Kontra
- Stellenweise sehr verwirrend wegen den Vielen Charktern, denn veilen sprüngen und den ansichtperspektiven( ich- perseptive)
- paar ganz wenige Stellen fand ich von den hcarkerzügen unrelistishc ist aber nur Meine Meinung, sagte ich dir auch schon.
Z.b. die Frau auf dem freidnhof oder wo Kain der Reporter zu sau amcht und die Folgen daraus

Mag sein, dass die vielen Charaktere manchmal etwas verwirren. Sehe das als einen der wenigen Schwachpunkte der Geschichte, aber unter dem Gesichtspunkt, dass man vielleicht irgendwann mal eine komplette Buchfassung kaufen und am Stück lesen kann ohne die lästigen Wartepausen auf den nächsten Abschnitt dürfte das dann eigentlich kein Problem mehr sein.

Übertrieben/überzeichnet? Manche Leute sind nunmal etwas krasser drauf als andere und manche Aktionen sind ganz bewußt so dargestellt. Wer weiß? Vielleicht haben sie ja einen wahren Kern?

@ShinsenArcueid:

Danke für dein Lob und das du dir die Zeit zum lesen genommen hast. Wird sicher bald weitergehen ;)

@ ~~Mejiro~~:

Freut mich, dass dir die Buchversion kaufen würdest. Wird zwar wohl noch etwas dauern bis der erste Band in die Läden kommt, aber vielleicht hab ich bald wieder mehr Zeit und es passiert schon früher als geplant.
Ein Hörbuch ist auch eine gute Idee. Nur leider finanziell und zeitlich zurzeit nicht umsetzbar. Ich persönlich würde 'In Nomine' gerne als Film oder Serie sehen. Vielleicht gewinn ich ja noch im Lotto oder ein Studio tritt an mich heran ;) Alles möglich... naja abwarten...

MfG

Askeron

~~Mejiro~~
27.05.2006 11:23

Hey ich hab eine Idee *gg* mach deine Geschichte als Hörkassete würde sich bestimmt prima verkaufen ;) Also ich wäre die erste die eine von dir hätte :D

ShinsenArcueid
26.05.2006 13:04

In der Tat sehr viel zu lesen, aber ich habe die Geschichte mit sehr viel Neugier und Freude gelesen. Weiter so!

-greetz
Arcueid

~~Mejiro~~
26.05.2006 12:22

Die Geschichte wurde wirklich in einem sehr guten Stil geschrieben. Würdest du ein Buch rausbringen würde ich bestimmt es kaufen. Und sogar zu ende lesen ;)

Liebe Grüße

Mejiro

Big_Mac
23.05.2006 20:46

Also mein guter wie versprochen habe ich deine Story gelsen
Hat mir sehr gut gefallen. Ich mahc dir einfahc mal den Pro/ Kontra liste sows ist sehr nützlich also.

Kontra
- Stellenweise sehr verwirrend wegen den Vielen Charktern, denn veilen sprüngen und den ansichtperspektiven( ich- perseptive)
- paar ganz wenige Stellen fand ich von den hcarkerzügen unrelistishc ist aber nur Meine Meinung, sagte ich dir auch schon.
Z.b. die Frau auf dem freidnhof oder wo Kain der Reporter zu sau amcht und die Folgen daraus

Pro
- Du bist sehr talentiert
- Du schreibst sher Spannend
- Ich habe noch keinen Plan wies weitergeht und wies Endet
- Sehr liebevolle Charkter entwiklung ich liebe sie alle *gg* besonders Jack *gg*
- Viel schöne Metaphern/Vergleiche machen das ganze besser vorstellbar
- Realebezüge wie Pandora oder den RTL reporter
- Die Abegefuckten Charkter
- Die Abegefuckte Welt in der sie leben

Das wars erstmal alles in allem ich liebe deine Buch aber das weißt du ja *gg* bis denne Homie

Freu mich drauf wenns weiter geht

Dein Freund Big_Mac

Big_mac
08.05.2006 00:51

jo habe nur son bischen in der story rumgezapt werde sie mir aber 100% noch durchlesen aber was ich sagen wollte sie ist optisch richtig gut aufgebaut, woltle ich nurmal loswerden kannst dich ja auch mal das angucken war ich geschrieben habe ist wahrscheinlicht nicht ganz auf deinem niveu kannst dir aber mal antuen und kritsieren wenn du lust hats bis denne und ich werde dir dann mal ausfürhliches reveiw schreiben

Askeron
01.05.2006 20:57

15

‚Veränderungen’

Was für ein süßer Geschmack auf der Zunge, ein wenig nach Metall, so wie man es vom Saft des Lebens kennt, Leid, einfach köstlich. Jonas leerte den weißen Plastikbecher vollends, lauwarmer Kaffee, im Vergleich dazu nichts wirklich Schmackhaftes.
Freitag, Todestag Jesu, ob es Schicksal war, dass ausgerechnet an solch einem durch Aberglauben mit Unheil verbundenen Tag sein persönliches Elend ein Ende finden sollte? All diese endlos scheinenden Wochen der Entbehrung schienen vergessen, und ein warmes Gefühl der Befriedigung erfüllte ihn beim bloßen Gedanken an das bevorstehende Festmahl. Sein Garten Eden war endlich zu ihm gekommen. Er musste nur noch den Mund aufreißen und fressen.

„Ah! Kain, hier sind sie also!“ Hauptkommissar Höfners betrat das improvisierte Verhörzimmer. „Und was halten sie von unserem jungen Bombenleger?“

Vor etwa zwei Jahren um diese Zeit hatte Jonas auch an einem Tisch wie diesem gesessen. In jedem Leben kommt einmal der Tag, an dem man das Gefühl hat alles verloren zu haben, in zerstörten Leben weitaus öfter. Man setzt sich mit einer Flasche Hochprozentigem auf einen gemütlichen Platz, die geladene Waffe, das Messer oder die Tablettenschachtel griffbereit, und spielt das alte Pro/Kontra – Spiel.
Wofür hat man gelebt? Was hat man erreicht? Wieso nur hat man das große Ziel aus den Augen verloren? Manchmal begleitet ein Meer aus Tränen diese wirklich schmerzhaften Ausflüge in die eigenen Erinnerungen. Wie schön es doch war, und wie schön es hätte sein können.
Was für ein Schwachsinn! Das Leben ist nicht zu Ende, nur weil gerade nicht alles läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Was sollte es dich kümmern, wenn die ewig Angebetete nichts von dir wissen will, es im Beruf mal wieder ein überaus schlechter Tag war oder jemand, mit dem du dich verbunden fühltest, dich verraten hat? Der eigene Tod ändert nichts daran. Er macht es anderen nur einfacher zu vergessen. In Jonas Leben hatte es bisher nur einen solchen Tag gegeben, und damals hatte er sich richtig entschieden.

Ein dunkelblauer BMW 750i raste über die nächtlichen Straßen. Der Fahrer nahm keine Rücksicht auf die gängigen Verkehrsregeln. Andere Autos und rote Ampeln waren alles nur belanglose Hindernisse auf seinem Weg zum Ziel.
Eine beinah schon heisere Stimme kam aus dem kleinen Lautsprecher links über dem Handschuhfach. Immer und immer wieder wurden dieselben Anweisungen durchgegeben: „An alle Einheiten! Wir haben einen fehlgeschlagenen 038 im Holiday Inn, der sich zu einem 231 entwickelt hat. Ich wiederhole. Einen 231 der Stufe 2 im Holiday Inn!“ Es folgte die obligatorische Bitte um Verstärkung, bevor die Sprecherin die Meldung wiederholte, aber Jonas hörte ihr schon lange nicht mehr zu. Auch das Handy, welches schon die letzten zehn Minuten Beethovens Unvollendete gespielt hatte, befand sich nicht mehr in seiner Welt.
Mit quietschenden Reifen kam er nur unweit der Straßensperre aus Polizeiwagen, welche die Kreuzung auf der Lindenstraße in alle Richtungen blockierte, zum Stehen.
Die eben angezündete Zigarette im rechten Mundwinkel, seine Dienstwaffe in der einen, den Ausweis in der anderen Hand stieß er die Tür des Wagens auf und trat hinaus auf den harten Asphalt der Straße. Jonas hielt es nicht für nötig sie hinter sich wieder zu schließen. Er ging zielstrebig weiter auf den Haupteingang des Hotels und die dortige Menschenansammlung zu.
Ein schlaksiger, hoch gewachsener Mann im teuren Anzug kam ihm entgegen, sein hilfloses Gesicht verriet, dass er überaus glücklich war Jonas hier zu sehen. „Sind Sie die von der Sondereinheit? Ihre Kollegen wollten noch auf das Eintreffen der Einsatzleitung warten, bevor sie weitere Schritte einleiten würden.“
Jonas interessierte es zuerst nicht, er ging einfach weiter, als wäre er Luft. Der Mann hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten. „Hey! Was haben Sie vor? Wollen Sie da etwa alleine reingehen?“
Jonas blieb für einen Moment stehen. „Das hier geht nur mich und die da oben etwas an. Sorgen Sie dafür, dass ihre Gäste mir nicht im Weg stehen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten ging Jonas weiter. Für ihn gab es in diesem Moment nur eins, das zählte, das Leben seiner Familie.

„Kain? Hören sie mich?“
„Natürlich.“
Hauptkommissar Höfner hatte auf dem Stuhl Platz genommen, auf dem vor kurzem noch Stefan gesessen hatte. „Ich bin sicher, dass ihnen im Moment so einiges durch den Kopf geht.“
„Nur ein paar schlechte Erinnerungen.“ Jonas stellte den leeren Becher wieder auf den Tisch. „Was den Jungen angeht. Ich denke nicht, dass er bewusst an dieser Aktion teilgenommen hat. Er ist vielmehr nur ein Überbringer. Ein naiver Junge, der aus irgendeinem dummen Grund sein Leben riskieren wollte und womöglich noch nicht einmal wusste wofür genau.“
„Die Frage ist nur, wer die Fäden zieht, und was der- oder diejenigen damit bezwecken wollten?“
„Aufmerksamkeit.“
„Der Transport zum Revier ist bereits in die Wege geleitet worden?“
„Ich war so frei. Schmidt wird sicher mehr aus ihm herausbekommen.“
„Vor allem Zähne und Schreie.“
Beide mussten lachen.
Jonas kam als Erster wieder zu Atem. „Haben wir schon was über seine Familie?“
„Noch nicht. Er scheint soweit sauber zu sein. keine Vorstrafen oder sonstige Auffälligkeiten. Sobald sich die Lage hier etwas beruhigt hat, soll sich ein Streifenwagen bei ihm zu Hause umsehen.“
„Und der Koffer?“
„Nichts Neues, das Bombenkommando hat erhebliche Schwierigkeiten mit dem Ding. Öffnen könnten sie es wohl, nur würde der Inhalt dabei zerstört werden. Ich versteh das einfach nicht, Kain. Was immer da drin ist, muss für jemanden verdammt wertvoll sein.“
„Aber warum dann einen Zug in die Luft sprengen und die Zerstörung des Koffers riskieren?“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht hat das eine auch nichts mit dem anderen zu tun. Was auch immer dahinter stecken mag, es ist groß, Kain. Vielleicht zu groß, dass Sie und ich wirklich etwas ausrichten können.“
„Die Sache wird doch gerade erst richtig interessant.“

„Darf ich stören?“ Kommissarin Zentgraf stand in der Tür.
„Was gibt es denn, Zentgraf?“ Höfner war über diese Unterbrechung nicht besonders erfreut. „Ein Doktor Weismann möchte umgehend mit dem Leiter der Ermittlungen sprechen, es geht um eines der Opfer.“
Nach einer kurzen Pause ergriff Höfner das Wort. „Dann sollten wir den guten Doktor nicht warten lassen?“ Er stand ruckartig auf. „Vermutlich noch mehr Schwierigkeiten, gehen wir.“

Es war kein weiter Weg. Nur einen Flur weiter hatte man sich einem der Pausenräume bemächtigt und ihn zu einem provisorischen Autopsiesaal umfunktioniert.
Am einen Ende des großen Tisches in der Mitte des Raumes lag zwischen umgekippten Bechern und Essensresten der Nachtschicht das fein säuberlich sortierte Werkzeug des Doktors. Auf dem mit einer Plastikplane notdürftig abgedeckten anderen Ende der noch dampfende Körper einer jungen Frau, neben dem Gerätschaften zur Lebenserhaltung aufgebaut worden waren.
„Etwas ungewöhnlich für eine bevorstehende Autopsie finden sie nicht, Weismann?“, bemerkte Höfner ungeduldig.
Der Doktor stand in einem ehemals weißen Kittel direkt neben dem regungslosen Körper. Ein Skalpell für tiefere Sondierungen in der einen Hand sowie einen Mundschutz und einen durchsichtigen Plastikschutz vorm Gesicht, um Blut, Knochensplitter und Sonstiges davon fern zu halten. „Die Herrn Kommissare, ich habe sie schon erwartet. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht die Hand zur Begrüßung reiche. Falls Sie Handschuhe brauchen sollten. Dort drüben liegt eine Packung.“
„Nicht nötig. Lassen Sie uns einfach beginnen.“
„Wie Sie wünschen. Hier haben wir ein wirklich interessantes Subjekt, aber kommen Sie ruhig etwas näher und sehen Sie sich die junge Dame aus der Nähe an. Nur nicht so schüchtern. Beißen wird sie wohl nicht mehr.“

„Man könnte fast glauben, sie wäre noch lebendig. Wie ein Engel liegt sie hier vor uns, als würde sie nur schlafen. Der Schlaf der Ewigkeit.“
„Was ist nun so besonders an ihr?“
Für Jonas waren die medizinischen Details der Leiche nicht weiter von Interesse. Er hatte sich ein Paar Plastikhandschuhe übergestreift und widmete sich ihren persönlichen Sachen, die fein säuberlich sortiert und abgepackt auf der Theke neben der Kaffeemaschine und den Servietten lagen.
Im Wesentlichen nur Unterwäsche und die angebrannten Reste einer Bundeswehruniform, ein Leutnant, wenn Jonas sich an seine Zeit bei den Gebirgsjägern richtig erinnerte. Unglücklicherweise hatte etwas ein großes Loch in die Vorderseite der Feldjacke und das olivgrüne T-Shirt gebrannt. Die Reste des Namensschilds waren nicht mehr zu entziffern, und auch von der Hundemarke war nur noch ein kleiner Klumpen geschmolzenen Metalls übrig geblieben. Jonas schaute zum mittlerweile freigelegten Oberkörper der Leiche hinüber. „Keine Verbrennungen.“
„Korrekt.“ Doktor Weismann war auf Jonas Entdeckung aufmerksam geworden. „Keine sichtbaren Spuren einer Verbrennung oder anderer Verletzungen auf der Haut, und das ist noch nicht mal der interessante Teil. Kommen Sie. Ich zeige es Ihnen.“
Jonas kam zu ihm und Höfner an den Tisch.
„Da hätten wir zum einen ihre Augen.“ Mit der nötigen Sorgfalt strich der Doktor eine blonde Haarsträhne beiseite und hob das rechte Augenlid ein Stück. Darunter kam ein komplett schwarzer Augapfel zum Vorschein.
„Was zum Teufel?!“, entfuhr es Höfner.
„Ich habe dafür auch keine biologische Erklärung.“
„Die Kollegen von der Seuchenkontrolle sind schon informiert?“
„Gleich nachdem es eine Schwester im Lazarettzelt gemeldet hatte. Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass eine akute Gefahr besteht.“
„Wir sollten keine Zeit verlieren und auf Nummer sicher gehen. Hiermit stelle ich diesen Raum unter temporäre Quarantäne.“ Höfner griff nach dem Handy in seiner Jackentasche und entfernte sich ein paar Schritte vom Tisch. Während er eine Nummer aus dem Schnellwahlspeicher wählte, befassten sich Jonas und der Doktor wieder mit dem Körper der jungen Frau.
„Haben Sie schon eine Blutprobe genommen?“
„Noch nicht, das wollte ich eigentlich den Kollegen überlassen.“ Der Doktor wirkte leicht verlegen, machte aber keine Anstalten Jonas zu behindern. Dieser löste eine steril verpackte Spritze aus ihrer Verpackung und setzte sie am rechten Unterarm der Frau an.
„Tun Sie, was Sie wollen. Es ist ja Ihr Fall.“
Die feine Spitze durchdrang die oberen Hautschichten, und Jonas zog sie ein kleines Stück auf. Mattgrünes Blut sprudelte in den Zylinder.
„Das kann doch nicht sein?“ Er hob fragend den Kopf in Richtung des Doktors, welcher nur resignierend mit den Schultern zuckte. „Sie sind wirklich eine große Hilfe, Doktor.“
Jonas wollte die Spritze wieder entfernen, doch hielt für einen Moment inne. Etwas hatte sich verändert. Das überraschte Gesicht Weismanns sprach Bände.

„Sie ist wach!“ Höfner fuhr herum und zog seine Dienstwaffe. Der Faustschlag traf Jonas völlig unvorbereitet im Gesicht, er wurde nach hinten gegen die Wand geworfen. Solch eine Kraft hatte er bisher bei keiner Frau erlebt.
Sie war wach, daran gab es keinen Zweifel. Der blasse Körper setzte sich langsam auf, aber die schwarzen Augen fixierten augenblicklich den Hauptkommissar.
„Keine Bewegung!“
Sie glitt behände vom Tisch, ließ das Leichentuch achtlos zu Boden fallen und bewegte sich auf ihn zu. Der Hauptkommissar feuerte einen Warnschuss in die Luft. Etwas Putz rieselte von der Decke.
„Keine Bewegung hab ich gesagt!“ Sie blieb stehen. „Alles in Ordnung Kain?“
Schweres Stöhnen kam aus der Ecke, in der Jonas am Boden lag.
„Wo ist sie hin?“ Höfner war nur kurz unaufmerksam gewesen, und jetzt war sie verschwunden. „Doktor?!“
„Ich bin hier drüben!“ Eine Hand winkte hinter der Theke hervor. „Bleiben Sie da! Ich komme zu Ihnen!“
Vier große Schritte und der Hauptkommissar stand vor der Theke. Die Waffe immer noch im Anschlag riskierte er einen Blick hinüber. „Verdammte Scheiße!“
Doktor Weismann lag rücklings am Boden, sein rechter Arm war abgerissen worden, und er rührte sich nicht mehr. Das Zerspringen eines Glases direkt hinter ihm ließ Höfner ruckartig herumfahren.
Jonas kam langsam wieder auf die Beine. Sein Kopf dröhnte. Die ganze Umgebung schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Routiniert löste er seine Dienstwaffe aus dem Schulterholster und stolperte zu Höfner hinüber.
„Irgendwie hatte ich mir den heutigen Abend anders vorgestellt.“ Ruckartig wurde Höfners Kopf nach hinten gerissen, und er spürte das zackige Metall einer Knochensäge an seiner Kehle. Das ausdruckslose Gesicht der jungen Frau kam neben ihm kaum zum Vorschein. Jonas riss reflexartig die Waffe hoch und drückte ab.
Der Schuss durchbrach die dünne Abdeckung der Sezierapparatur und drang in das dahinter liegende weiße Fleisch der Hand ein. Begleitet von den süßen Klängen eines gequälten Schreies löste sich die Knochensäge aus ihrer Hand und mit ihr zwei Finger.
Jonas machte sich nicht die Mühe eine weitere Reaktion abzuwarten. Der Schleier der Benommenheit schien niemals Besitz von ihm ergriffen zu haben. Er sprang nach vorne und setzte zu einem Tritt an. Mit leisem Knacken traf Jonas den Hauptkommissar auf Brusthöhe, sodass dieser zur Seite geworfen wurde.
Jonas genoss den Anblick der verletzten Frau, welcher eine befriedigende Mischung aus Verwirrung und Hass wider spiegelte fast so sehr wie die Kugel, die er ihr im nächsten Moment in die Brust jagte.
Ihre verwundete Hand haltend, wankte sie einen Schritt zurück, bevor sie sich wieder fing. Zuerst stand sie nur da und lächelte. Blut sprudelte schier unerschöpflich aus ihren Wunden, aber sie lächelte einfach nur. Dann kam wieder Bewegung in ihren Körper und mit einem gewaltigen Sprung barst sie durch eins der geschlossenen Fenster in die Nacht hinaus.

„Haben Sie Feuer?“ Hauptkommissar Höfner trat zu Jonas ans zerstörte Fenster. Schweigend reichte er ihm das Feuerzeug. „Eigentlich wollte ich damit aufhören, aber ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt wieder damit anzufangen.“ Eine leicht verknickte Zigarette fand ihren Weg in Höfners Mund und kurz darauf den Pfad zum Feuer. „Was ist mit ihr?“
„Keine Spur.“
„Also noch mehr Komplikationen.“
„So wie es aussieht, ja. Wenn das mit ihr hier passiert ist, was ist dann mit den anderen in der Leichenhalle?“
Jonas schaute hinunter zu den Zelten und den vielen Menschen, die wie fleißige Ameisen ihrer Arbeit nachgingen, dem einen großen Ziel folgend. Sein Blick fiel auf die provisorische Leichenhalle. Etwas stimmte nicht. Ein greller Lichtblitz blendete sie beide, gefolgt von einem grollenden Donner, der die Erde erbeben ließ. Jonas blinzelte, schnippte den Zigarettenstummel weg und wandte sich vom Fenster ab. „So wie es aussieht, hat sich dieses Problem gerade von selbst erledigt.“ Und draußen regnete es Glas.

Eine Viertelstunde zuvor hatte ein Polizeitransporter den Bahnhof verlassen. Sein Ziel war das neue Revier in der Galerie. Im Augenblick fuhr er über die Leipzigerstraße Richtung Weimarer Tunnel.
Am Steuer saß ein kräftiger Beamter, der verbissen auf den Verkehr achtete, nicht das die Gefahr groß gewesen wäre. In all den Jahren, die er in Fulda gelebt hatte, war das offensichtliche Verbrechen eher ruhig gewesen. Ein Raubmord in einem Military-Shop im Wallweg und ein tödlicher Fall von Fahrerflucht in der letzten Neujahrsnacht bei dem ein frisch verliebtes Pärchen sein Leben verloren hatte, waren die herausragendsten Fälle der letzten Zeit gewesen.
Offiziell gab es keine organisierte Kriminalität in der Stadt, aber er wusste es besser. Wie hieß es noch gleich? Der größte Trick des Teufels war es dem Menschen weiszumachen, dass er nicht existiere. Die vielen kleinen Bagatelldelikte waren jedoch zu organisiert und gezielt gewesen, als dass man die Existenz einer führenden Macht mit Sicherheit hätte ausschließen können. Vielleicht war sie auch für die Explosion am Bahnhof verantwortlich? Wer konnte das schon genau wissen? Was sollte er sich auch damit beschäftigen? Er war nur für Transporte zuständig, ein simpler Job, das Ermitteln überließ er den Kommissaren.
Im hinteren Bereich saß nur ein Passagier für den heutigen Abend. Der einzige Verdächtige, den sie bisher in Gewahrsam genommen hatten, zur direkten Überstellung an Oberkommissar Schmidt. Schmidt, die Eisenfaust, auf dem Revier beinah genauso bekannt wie dieser andere Oberkommissar. Wie war noch gleich sein Name? Ach ja, Kain.
Beiläufig warf er einen Blick in den Rückspiegel. Die schmächtige Gestalt eines jungen Mannes kauerte auf einem der Rücksitze. „Du wirst mir doch keinen Ärger machen?“
Stefan schüttelte den Kopf und schaute wieder nach draußen auf die Straße. „Gut, Ärger ist das Letzte, was ich heute Abend noch gebrauchen kann.“

Der Aufprall kam schnell und unausweichlich. Für den Bruchteil einer Sekunde schien alles zum Stillstand gekommen zu sein. Instinktiv riss Stefan die Hände schützend vors Gesicht und warf sich auf die Seite, dann bewegte sich die Welt weiter.

Askeron
23.02.2006 19:55

14

‚Vier Stufen des Wahnsinns’

Wahnsinn, eine treffende Art einen extrem gestörten Zustand geistiger Verwirrtheit näher zu beschreiben. Nicht jeder, der eine für alle ersichtliche Macke hat, ist gleich ein gefährlicher Psychopath, der in seiner Freizeit Augäpfel und sonstige Leichenteile sammelt. Er oder sie sind nur auf dem besten Weg dahin, weiter nichts. Vier Stufen und der Weg in den Abgrund kann endlich beginnen.

Stufe 1 – Leichte Störungen

So hatte wohl alles angefangen. Ein paar unbedachte Handlungen in Kombination mit schlechten Angewohnheiten und unglücklichen Erfahrungen, dazu eine Prise Paranoia, der Grundstein war gelegt.

Weiße, kahle Wände, der Gang schien endlos und trist. Unterbrochen wurde diese monotone Einöde von gelegentlichen Einbuchtungen, die allesamt Türen in andere Welten waren. Hinter jeder einzelnen verbarg sich das Zimmer eines anderen Patienten, deren Gesellschaft er die letzten Monate nur zu gerne hatte vermeiden wollen. Seine Schritte lenkten ihn unausweichlich auf das grelle weiße Licht zu.
Hier gab es nicht mal Haltestangen, an denen man sich hätte festhalten können, um nicht über die eigenen Füße zu stolpern, oder es beim Hinauswürgen der starken Medikamente leichter zu haben. Lediglich strahlendes Weiß, ohne irgendwelche Abwechslung. Selbst der Boden war makellos, regelrecht poliert. Diese Stille, diese herrliche Stille, das weiße Licht zog ihn immer weiter an.
Etwas veränderte sich. Ein schwarzer Schatten trat in das grelle Licht und mit einem Mal färbten sich die Wände rot. Seine Welt veränderte sich. Die Wände bekamen Risse und wurden langsam spröde. Wenn er sie berührt hätte, wären sie sicher genauso wie der Boden geworden. Es knirschte und grollte überall, als würde er auf Sand laufen. Ein markerschütternder Schrei riss seinen Blick wieder zum Ende des Ganges. Dort stand sie, in einem roten Abendkleid, seinen Namen rufend.
Obwohl keine Brise wehte, tanzten ihre langen schwarzen Haare im nicht vorhandenen Wind, diese Augen, rubinrot, einfach wunderschön, starrten ihn durchdringend an. Ihm war, als wollte sie jeden Moment ihren Mund öffnen und ihm etwas Wichtiges sagen, aber sie stand nur da und lächelte ihn an.

„So Neuer, kommen wir zu einem unserer prominenteren Gäste. Insasse 73A – Jack Leba, auch genannt Messer - Jack.“ Der ältere Pfleger machte eine Pause, als ob die eben gesagten Worte etwas bedeuten würden, und der beinah zu übermotivierte junge Mann neben ihm nun einen verbalen Schlag verdauen müsste. Nach dem richtigen Schlüssel suchend sprach er weiter. „Einen seltsamen Ort hast Du dir da ausgesucht. Es gibt sicher schönere Fleckchen um die zwei Wochen Sozialpraktikum deiner Schule abzusitzen. Warum hast du dich gerade für unsere Einrichtung entschieden, Stefan?“
Ein schüchterner, leicht verlegener Blick des jungen Mannes folgte, bevor Stefan antworte. „Nun Herr Müller…“
„Bitte nenn mich Hans, wir sind hier alle Kollegen, egal wie lange man schon dabei ist.“ Hans sah ihn nicht an, er hatte scheinbar den richtigen Schlüssel gefunden und öffnete vorsichtig die Tür.
„Nun Hans“, begann Stefan wieder, „mir macht es Spaß bedürftigen Menschen zu helfen, und hier werde ich sicher genug davon finden.“ Es klang wie abgelesen, einfach aus einem Textbuch zitiert um ja das Richtige bei einem Vorstellungsgespräch zu sagen, jedenfalls war es ein Bruchteil der Worte, die ihm seine Mutter immer wieder eingeimpft hatte. „Ein bisschen Vitamin B war natürlich auch im Spiel“, fügte er triumphierend hinzu, als sie die Zelle betraten.

Stufe 2 – Perfektionismus

Es gibt nichts Halbes und nichts Ganzes. Entweder ist man über alle Maßen glücklich oder versinkt im Sumpf des Elends. Es ist wie mit den zwei Seiten einer Münze, und einen Mittelweg gibt es auch hier nur selten.

Kurz nachdem sie den komplett ausgepolsterten Raum betreten hatten, verschwand die aufgesetzte Heiterkeit aus Stefans Gesicht. Hier gab es nicht viel zu sehen, aber es reichte um in seinem Kopf den richtigen Eindruck entstehen zu lassen.
Nur mit Gummi überzogene Wände, die den Insassen von möglichen Selbstverstümmlungs- sowie Suizidversuchen abhalten sollten, keine Möbel oder sonstigen Gegenstände, die dabei hätten helfen können, und in einer Ecke kauerte dieses bemitleidenswerte Häufchen Elend. Barfuss und in eine Zwangsjacke gehüllt, saß er da und blickte mit seinem kahl rasierten Kopf stumm gen Boden. Stefan wollte schon nach dem Plastikbecherchen für die Pillen suchen, wie er es in den letzten fünf Räumen getan hatte, aber Hans hielt ihn zurück.
„Schon gut, ich übernehme das.“ Er nahm eine der größeren Spritzen von ihrem Medikamentenwagen und ging vorsichtig auf Jack zu.
Nicht das Vorsicht geboten gewesen wäre. Der Patient hatte schon seit Monaten kein Wort mehr gesprochen und auch sonst keine Anstalten gemacht sich irgendwie aggressiv zu zeigen. Hans wusste das.
„Einen schönen Nachmittag wünsche ich, Herr Leba. Wie geht es uns denn heute?“ Stefan war zugleich fasziniert von ihm, aber auch ein wenig enttäuscht. Dieser kümmerliche Rest eines menschlichen Wesens sollte der berüchtigte Jack Leba sein, der beinah seine ganze Familie in nur einer Nacht regelrecht geschlachtet hatte. Keine Reaktion, er blinzelte nicht mal als ihm Hans die Spritze in den Arm einführte, er schien in einer ganz anderen Welt zu sein.

Stufe 3 – Obsession

Glück, viele werden nie glücklich sein. Selbst, wenn alle ihre Wünsche in Erfüllung gehen würden, fänden sie immer noch etwas, das sie wieder ins alte Unglücklichsein zurückreißt. Hat man erst einmal dieses nie enden wollende Gefühl der Leere in sich aufgenommen, wird man es nie wieder loswerden.

„Was willst Du von mir?“ Jack ging weiter auf die Frau im Abendkleid zu.
Roter Sand rieselte von der Decke. Mittlerweile hatte sich der ganze Gang in ein sandig abstraktes Gebilde verformt, lediglich das weiße Licht hinter ihr war gleich geblieben.
„Du gefällst mir, Jack.“ Ihre Stimme klang wie die eines Engels.
„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“
Sie kicherte. Es klang als hätte sie eine Kreissäge geschluckt. Jack scherte sich nicht weiter um ihre ungewöhnliche Art zu lachen.
„Komm zum Punkt. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Sprich aus, was du willst, oder verschwinde.“
Wieder dieses lästige Kichern. „Du gefällst mir, wirklich, ich mag Männer wie dich, die gleich zur Sache kommen und sich nicht mit dem ganzen Drumherum aufhalten.“
Jack blieb stehen, er stand gut drei Schritte von ihr entfernt und aus der Nähe betrachtet war sie noch atemberaubender.
„Ich bin hier um dich aus deinem Elend zu erlösen. Es ist einfacher, als Du denkst. Das Glück liegt nur einen Kuss entfernt. Die Entscheidung jedoch liegt nicht bei Dir.“ Sie kam einen Schritt auf ihn zu und ergriff seinen linken Arm.
Ihre sanfte Berührung wurde zu einem stechenden Schmerz, es brannte wie Feuer, während sie ihn weiter zu sich zog. „Es wird Zeit aufzuwachen Jack, es gibt noch so viel zu tun.“ Im nächsten Moment berührten sich ihre Lippen, und die Qual wich einem Gefühl höchsten Glücks.

Stufe 4 - Wahnsinn

Der Teufel steckt im Detail. Wie abgedroschen diese Aussage auch klingen mag, sie trifft leider nur allzu oft ins Schwarze. Wieso sich mit nur einer Kleinigkeit quälen, wenn man den Wahnsinn auf das volle Spektrum ausweiten kann?

„Fast Mitternacht, das letzte Mal, dass wir uns heute sehen.“ Hans hatte Stefan schon vor zwei Stunden nach Hause geschickt und sich bei seinem letzten Durchgang besonders beeilt. Schließlich war morgen Valentinstag und seine Freundin wartete zu Hause schon sehnsüchtig auf ihn. „In einer Dreiviertelstunde kommt endlich die Nachtschicht. Dann kann ich heimgehen, und es meiner Kleinen mal wieder richtig besorgen, etwas, das Du wohl nie mehr tun wirst.“ Er nahm die letzte Spritze vom Wagen, schloss die Tür auf und betrat die Zelle.
Der Geruch nach verbranntem Fleisch stieß ihm entgegen. Hans zögerte. Jack saß noch genauso da, wie sie ihn vorhin zurückgelassen hatten. Sicher nur Einbildung oder die Lüftung spinnt mal wieder, nichts Beunruhigendes eigentlich.
Hans kniete sich neben ihn, legte die Spritze auf den Boden und öffnete den linken Ärmel der Zwangsjacke. Seine Augen weiteten sich. Etwas brannte sich in die Haut, als würde jemand mit einem glühendheißen Stift darauf zeichnen.
Erst wurde nur ein Kreis geschlossen, in seinem Innern bildete sich ein Dreieck, an dessen Enden sich drei abgerundete Zacken einen Weg durch Jacks oberste Hautschichten bahnten. „Was zum Henker?“ Es hatte aufgehört. Das glühende Dreieck im Innern verblasste, bis es nicht mehr zu sehen war.

Stufe 5 - Kontrolle

Der erste Schritt zur Besserung und für manche auch der letzte. Nur wer seine Ängste und Fehler erkennt, kann lernen sie zu kontrollieren und wird wieder Herr seiner oder ihrer Welt werden.

„Was macht dein Arm?“ Ein kleiner Anflug von Besorgnis huschte über Ashs raues Gesicht. „Nichts weiter. Er hängt nur ein bisschen rum.“ KRACK. Welch’ heilende Wirkung die Abdeckung des Handschuhfachs doch haben kann.
„So was muss doch wehtun?“
„Geht schon!“ Jack griff nach der angebrochenen Flasche Tequila, welche an ihrem scheinbar angestammten Platz im eigentlich für Karten vorgesehenen Fach der Beifahrertür auf ihn wartete und genehmigte sich einen Schluck. Er hatte die freudigen Schmerzen des Widereinrenkens soweit unter Kontrolle und bis auf ein Gefühl der Taubheit in seinem Arm, war er sichtlich auf dem Weg der Besserung.
Sie hatten das Diner nach einem letzten Zwischenfall hinter sich gelassen und waren jetzt mit 90 PS unter der Haube auf dem Weg zum Horizont, der ewigen Stadt entgegen.
„Zigarette?“ Ash rauchte nicht mehr, jedenfalls hatte er es sich seinerzeit abgewöhnt, der Kinder wegen. Wieder eines dieser sinnlosen Opfer, die er vergebens erbracht hatte. Das war damals und damals war egal, solange man die Vorzüge der anderen Seite in vollen Zügen genießen konnte.
Immer noch trinkend nahm Jack eine Zigarette aus dem ihm angebotenen Päckchen und entflammte sie schon Sekunden später mit der gewohnten Routine. Seine eigenen waren in diesem Moment ein eher zweifelhaftes Vergnügen. Der Geschmack von getrocknetem Blut könnte einer Zigarette sicher das gewisse Etwas verleihen. Diese Erfahrung würde er dennoch für später aufheben, viel später.
„Der Alte hatte Recht. Du verstehst dein Handwerk zweifelsohne!“, fing Ash wieder an, um etwas Leben in ihre bisher eisige Unterhaltung zu bringen, „Aber was hatte die Frau mit der Sache zu tun gehabt?“

„Was hatte die Frau mit der Sache zu tun gehabt?“ Ash sah ihn neugierig an. Was hätte Jack in diesem Moment antworten sollen? ‚Nur ein Reflex?’, ‚Spaß am Töten?’ waren sicher gute Antworten, aber Routine traf es wohl am ehesten. Jack hinterließ nie lebende Zeugen. Wieso auch? Gnade und Mitleid sind tugendhafte Attribute, die einem jeden Moment in den Rücken fallen können. Wie dankbar das eben verschonte Opfer auch ist, es wird keine Sekunde zögern dich bei der nächsten Gelegenheit zu verraten und dir so alle bisherigen Qualen zurückzuzahlen. Lily hatte keine Gnade verdient. Zur falschen Zeit am falschen Ort mit der richtigen Einstellung. So ist das Leben, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Wie sie da gelegen hatte, blutend und röchelnd vor ihnen im Staub, aus dem ihre bemitleidenswerte Rasse, durch das Wunder der Evolution vor Äonen hervor gekrochen war, langsam ihren verwundeten Körper in ihre Richtung bewegend. Auf die Winchester zu, die sie noch vor kurzem fest entschlossen in beiden Händen gehalten hatte und die nun wie eine Grenze zwischen ihnen lag. Gott liebt es den Menschen ein Messer in die Brust zu rammen und die Klinge danach etwas zu drehen. In diesem Moment war Jack Gott gewesen, ihr Gott, Herr über Leben und Tod. Er drückte noch zweimal ab, nur ein Reflex, aber er ersparte ihr das kommende Elend.

„Manchmal ist der Gedanke etwas tun zu können genauso befriedigend, wie es wirklich getan zu haben. Nur ein kleiner Vorschlag fürs nächste Mal.“
Ashs Worte ignorierend nahm Jack noch einen weiteren Schluck aus der vergilbten Flasche. „Wie weit ist es noch?“
„Dieser Ort nimmt es mit Entfernungen nicht so genau. Vielleicht sind wir schon morgen am Ziel oder erst in einigen Wochen.“ Ash konzentrierte sich wieder auf die Straße. Jack rauchte schweigend die Zigarette weiter und warf nach kurzem Überlegen den beinahe halb heruntergebrannten Kippenstummel aus dem geöffneten Fenster. Er würde sich etwas ausruhen und vielleicht sogar schlafen, ruhigen und gesunden Schlaf haben, so wie er ihn schon lange nicht mehr gehabt hatte.

Der Wagen fuhr weiter durch das zweifelhafte Dunkel der Nacht, immer weiter seinem ungewissen Ziel entgegen. Einsam und verlassen lag die Zigarette am Straßenrand, bis sie jemand von ihrem Elend erlöste. Ihr rotes Kleid flatterte im kühlen Nachtwind, und sie lächelte während ihr Blick den immer kleiner werdenden Rücklichtern in weiter Ferne folgte.

Askeron
05.02.2006 16:57

13

‚Liebe und Hass’

Die Liebe ist schon ein seltsames Konstrukt. Ein Leben lang versuchen wir sie zu finden und mit ihr die eine Person, die uns glücklich macht, bis dass der Tod unsere Wege für immer trennt. Jemanden, mit dem wir unsere Interessen, Vorlieben und Gefühle teilen können, ohne das lästige Wenn und Aber. Liebe heilt die gequälten Seelen, für sie sind wir bereit uns zu ändern. Wir bringen Opfer, wagen das Unmögliche, nur um sie vielleicht doch endlich zu finden. Haben wir sie dann gefunden, halten wir sie mit aller Kraft fest, denn es ist die Angst, die uns immer noch quält, die Angst, dass all das Schöne so schnell wieder vorbei sein könnte.

„Stefan Dierkes, wohnhaft in der Wienerstraße 7a  in 36045 Fulda? Eines dieser Hochhäuser am Aschenberg also?“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Weil sie beschissene Mietwohnungen in mehrstöckigen Häusern immer mit einem Vokal kennzeichnen.“
Stefan musste lachen. Ein ungewohntes Gefühl, das er so lange nicht mehr hatte genießen können. Dieser Abend hätte eigentlich die lang ersehnte Wende herbeiführen sollen. Jetzt lagen seine Träume in Trümmern, und die Zukunft hatte sich schlagartig in eine grinsende Fratze verwandelt, die ihn in weiter Ferne schadenfroh auszulachen schien.
„Rauchen Sie oder wie wäre es mit einem Glas Wasser?“
„Nein, Danke. Wieso fragen Sie?“
Sein Gegenüber klappte die Akte zu und lehnte sich in dem unbequemen Stuhl zurück. „Nun, das hier könnte länger dauern und ich möchte, dass sie sich wohl fühlen.“
Wie konnte die Sache nur so aus den Fugen geraten sein? Es war doch so gut geplant gewesen. Warum hatte sie ihm das nur angetan?

‚Neun, Zehn’ Das letzte Freizeichen verhallte unbeantwortet. Er knallte den Hörer wieder in die dafür vorgesehene Halterung und warf einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr. 23:13. Das konnte doch nicht sein. Er war sicher nicht zu spät sondern eher überpünktlich hier gewesen. Stefans Hand verschwand in seiner rechten Hosentasche und kam mit einem Päckchen Kaugummi wieder zum Vorschein.
Er hatte sogar noch genug Zeit gehabt sich die Zeitschriften und Illustrierten in der Auslage des Kiosks im Untergeschoss näher anzusehen. Nicht das er mit den neusten Nachrichten und Informationen nach dieser Nacht noch etwas anfangen musste. Es war viel mehr eine alte Angewohnheit, der er nur zu gerne noch einmal nachgegeben hatte.
Zitronenminze, der Geschmack des Kaugummis war schon nach kurzer Zeit verflogen. Wahrscheinlich wäre es ein Leichtes gewesen einen Kaugummi zu entwickeln, dessen Aroma bis in alle Ewigkeit halten würde, aber wer würde dann noch einen müden Cent in eine neue Packung mit neun weiteren, ewigen Vergnügen investieren?
Beim Kauen konnte Stefan sich am besten entspannen. Sie würde sich sicher nur etwas verspäten. Der Verkehr musste heute Abend wieder mörderisch sein, oder vielleicht steckte sie auch nur im Stau oder hatte eine Panne und zurzeit nicht die Möglichkeit an ihr Handy zu gehen. Es gab sicher eine ganz logische Erklärung. Schließlich war sie auch nur ein Mensch.

„Wir haben da ein kleines Problem, Herr Dierkes.“
Stefan schaute kurz auf und sein Blick traf den seines Gegenübers. Diese kalten blaugrauen Augen, die ihn mit einer Mischung aus Verachtung und Mitgefühl anstarrten, jagten Stefan einen kalten Schauer des Unbehagens über den Rücken.
„Hören sie mir zu Herr Dierkes?“ Der Mann, der in einen dunkelblauen Trenchcoat gekleidet auf der anderen Seite des Tisches saß, machte sich keine Mühe auf Stefans Antwort zu warten. „Ich bin mir sicher, dass sie uns mit dem Inhalt eines ihnen wohl bekannten Gegenstandes weiterhelfen können.“ Der dunkelhaarige Kommissar nickte einem Kollegen, der vermutlich hinter dem großen verspiegelten Fenster zu ihrer beider Rechten auf dieses vorher vereinbarte Zeichen gewartet hatte, zu, und kurz darauf wurde die schwere Eisentür des Raumes aufgestoßen. Ein unformierter Beamter trat ein. In seinen mit Plastikhandschuhen geschützten Händen hielt er Stefans grauen Koffer.

‚Drei, Vier…’ Stefan zählte wieder wortlos mit. ‚Fünf, Sechs’ Es war jetzt 23:18, und sie hatte sich immer noch nicht gemeldet. Das konnte doch nicht angehen. ‚Sieben, Acht’
„JA? Was ist?!“ Es war ihre Stimme, aber sie klang so anders. Dieser gereizte Unterton war mehr als ungewöhnlich. Stefan schwieg einen Augenblick und versuchte sich wieder zu sammeln. „Hallo, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Wegen heute Abend… Ich…“ KLACK. Die Leitung war tot. Im ersten Moment konnte er es nicht fassen. Wie konnte sie es nur fertig bringen ihn einfach weg zu drücken und das nach allem, was er für sie getan hatte. Sollten seine Opfer und Entbehrungen etwa völlig umsonst gewesen sein? Für sie war es sicher leicht weiterzugehen. Stefan hingegen konnte es nicht.

„Mit den Frauen ist es wie mit guten Zigarren. Bei manchen kann man auf einfachste Weise das Feuer entfachen und sie fast ein Leben lang genießen. Andere sind…“ Es folgte eine kurze Pause. Scheinbar suchte er nach den passenden Worten, „… komplizierter. Allein der Vorgang des Entfachens der Flamme gestaltet sich als unmenschlich aufwendig, und letztlich bleibt da immer noch die Frage, ob sie den ganzen Aufwand überhaupt wert war?“

‚Eins’ Ein weiterer Kaugummistreifen wanderte in Stefans Mund und verband sich unter immer heftigerem Kauen mit der übrigen geschmacklosen Masse. Das zerknüllte Einpackpapier landete auf dem Boden bei den anderen.
‚Zwei’ „Mit dem von ihnen gewählten Anschluss ist zurzeit keine Verbindung möglich. Bitte versuchen sie es später noch einmal.“ Diese Worte, und waren sie nur die emotionslose Ansage einer jungen Telefonistin, die die Welt auf diese Weise schon seit einem halben Jahrhundert erfreute, waren für Stefan wie ein Schlag in sein unschuldiges Gesicht. Es traf ihn so unvorbereitet, dass er im Begriff war das zweite Mal in seinem Leben die Kontrolle zu verlieren, und die Mischung aus verschiedensten Gefühlen bis hin zu Hass ihn ungehemmt zu überrollen drohte.

„Wut ist gut. Sie verleiht einem Menschen Kraft und ungeahnte Stärke. Dank ihr kann man seine natürlichen Grenzen überschreiten. Einfach einen Moment alles loslassen. Nicht jeder hat diese Macht. Für diese Erfahrung sollten sie dankbar sein, Herr Dierkes.“

Zuerst war es wie ein stumpfes Pochen auf der glatten Oberfläche. Der entsetzte Schrei einer überraschten Frau direkt hinter ihm schien aus weiter Ferne zu kommen. Erste Risse bildeten sich im makellosen Glas. Seine Schläge wurden immer heftiger und langsam breiteten sich die Spuren der sinnlosen Zerstörung aus. Schließlich gab das Glas unter der Wucht nach und viele kleine Splitter regneten gen Boden. Die Scheibe war zerstört. Stefan rang nach Atem. Er hatte es geschafft, es hatte gut getan, und seine Wut war erstmal verflogen.

„Selig sind die, die ohne Hass durchs Leben schreiten. Blind und unfähig ihr eigentliches Potential zu erkennen, aber ruhig im Geiste. Ich könnte so keinen Tag verleben. Wo bliebe dann der Spaß?“

Spaß? Da hatte er wohl Recht. Stefan hatte schon seinen Spaß gehabt, früher, als ihm lieb war. „Hey Sie! Keine falsche Bewegung!“ Die Stimme klang, als hätte er bereits ein Massaker angerichtet und wäre nun im Begriff sich neue Ziele zu suchen. Im übertragenen Sinne war diese Annahme im Bezug auf seine aktuelle Situation gar nicht mal so falsch. Die Scheibe und der abgerissene Telefonhörer waren zwar keine Menschen, genauso wenig wie die Glassplitter Blut darstellten, dennoch dürstete es Stefan in jenem Augenblick schon nach mehr. Welch glücklicher Zufall das „mehr“ schon vier Schritte hinter ihm stand. In Form zweier Wachleute von der Bahnhofssicherheit.
„Schau sich das einer an! Was hat ihnen die arme Telefonzelle nur angetan um so eine Behandlung zu verdienen?“
Die Worte verhallten auf dem ruhigen Bahnsteig. Die anderen Menschen hielten einen Moment inne und warteten gespannt auf Stefans Reaktion. Dieser ließ den Telefonhörer achtlos fallen und drehte sich langsam zu den beiden um. Seine Gedanken rasten nicht mehr. Sie waren hell und klar. ‚Der Koffer! Lass sie bloß nicht auf den Koffer aufmerksam werden! Sonst ist alles verloren! Bleib cool, Junge. Bleib einfach cool!’

„Womit wir wieder beim Thema wären, Herr Dierkes. Die Kollegen vom Bombenkommando haben ihr Gepäckstück schon in Augenschein nehmen können, jedenfalls, so weit es unter den gegebenen Umständen möglich war. Ein interessantes Stück Technik besitzen sie da. Bleiverkleidet und mit Sprengfallen gesicherten Schlössern ausgestattet. Wirklich beeindruckend.“ Er legte den handschriftlichen Bericht zur Seite und fixierte wieder Stefan sowie den grauen Koffer, der zwischen ihnen lag, mit dem durchdringenden Blick seiner blaugrauen Augen. „Sie sind sicher nur der törichte Bote. Ich wette, dass sie weder einen blassen Schimmer haben, wie man ihn öffnet, noch was sich darin befindet. Nicht das mich das lange aufhalten würde. Die Kollegen werden sicher einen Weg finden ihn zu knacken. Alles ist nur eine Frage der Zeit. Bei einer Frage können sie mir aber helfen und es wären in ihrem eigenen Interesse mir darauf vollkommen ehrlich zu antworten. Woher haben sie den Koffer, Herr Dierkes?“

Da war es wieder, dieses unscheinbare Problem mit dem grauen Koffer. Jeder Mensch hat einen Punkt, an dem er ohne zu zögern bereit ist die Grenze zu überschreiten. Hass, Ablehnung, Demütigung oder Trauer sind nur einige der vielen Wege zum Nullpunkt des gesunden Menschenverstandes. Gegenstände, wie in Stefans Fall der graue Koffer, bildeten hier eher die Ausnahme.

Auch wenn diese beiden Wachmänner in ihren schicken, Angst einflößenden, dunkelblauen Uniformen im Vergleich zu Stefan eine mehrwöchige WSV-Ausbildung genossen hatten und ihm auch sonst körperlich überlegen waren, bereitete es ihnen dennoch unerwartete Schwierigkeiten diesen abgemagerten Hänfling unter Kontrolle zu bekommen. ‚Sie hätten ihn nur in Ruhe lassen sollen. Wieso konnte ihn nur niemand in seiner Notlage verstehen? Ein wenig Verständnis wäre wirklich nett gewesen, aber wer bekommt so etwas heute schon aus reiner Menschlichkeit?’ Immerhin schienen sie die Umstehenden mit ihrem Gerangel zu erheitern, wenigstens etwas, was man nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Welch Überraschung musste das für den einen Muskelberg gewesen sein, als Stefan ihn ohne Probleme gegen die Metallverkleidung des nächsten Fahrscheinautomaten gestoßen und mit einem gezielten Tritt ins Gesicht ins Reich der Träume befördert hatte. So hatte er sich die letzten Stunden vor Feierabend sicher nicht vorgestellt. Anfängerglück oder pure Verzweiflung, genau konnte er das im Nachhinein nicht mehr sagen. Mit dem anderen hatte er zwar auch kaum Probleme, aber als ihre Kollegen dazukamen, hatten sich seine Chancen gänzlich auf unter Null reduziert. Von allen Seiten hagelte es Tritte und Schläge, bis es schließlich dunkel vor seinen Augen wurde, und Stefan mit Handschellen gefesselt in diesem kahlen Verhörzimmer wieder zu Bewusstsein kam.

Und da saß er nun schon seit einer halben Ewigkeit und ließ sich von den Fragen dieses Oberkommissars löchern. Er würde ihn einfach ignorieren, einfach schweigen und weiter in Erinnerungen schwelgen, bis es endlich vorbei war. Seine Augen tränten immer noch etwas, aber er blieb standhaft. Er würde nichts verraten, nicht mal, wenn sie ihn foltern würden.

„Ich denke, wir sind hier fertig, Herr Dierkes. Der Kollege wird sie aufs Revier bringen, wo wir zu gegebener Zeit mit einer ausführlicheren Befragung weitermachen werden. Der Anwalt, der ihnen von Rechtswegen her zusteht, wird dort auf sie warten. Vielleicht sind sie nach einem Gespräch mit ihm etwas kooperativer. Sie sollten bedenken, dass auch die Herren in den Arrestzellen sehr einsam sein könnten. Es wäre doch schade, wenn ihr hübsches Gesicht bald die Schlampe von jemandem namens Peter oder Horst werden würde. Finden sie nicht?“ Er wandte sich zu dem uniformierten Kollegen, der neben der Tür stand. „Der Transport müsste jeden Moment eintreffen. Schaffen sie ihn und diesen Koffer aus meinen Augen.“

Während sich der Raum langsam leerte blieb Jonas noch einen Moment sitzen. Was für ein faszinierender junger Mann dieser Stefan Dierkes doch war, nach außen hin so unscheinbar, freundlich, mitfühlend, zuvorkommend und wirklich sehr schüchtern. Seine beachtenswerte Loyalität würde schon bald zerbrechen, und es würde wie immer ein Hochgenuss werden. Routiniert entflammte er eine schnell hervorgeholte Zigarette, die Kippe danach. Zwar hätte dieses Gespräch besser laufen können, aber als kleiner Appetitanreger hatte es seinen Hunger zunächst etwas gestillt, für jetzt jedenfalls.

Der Hass hingegen ist viel einfacher, eine scharfe Lanze, die man gegen jeden richten kann. Er hat viele Ursachen und ist auf besondere Weise mit der Liebe verbunden. Unerwiderte Liebe zerstört den Menschen. Die höchsten Glücksgefühle können schon durch eine simple Geste ins Gegenteil umschlagen und dem Hass weichen. Er hilft die Grenzen des gesunden Menschenverstandes zu überschreiten und öffnet Türen, die man bisher nicht gekannt hat. Hass wird der Liebe immer im Weg stehen.

Hass, Stefan wurde hinaus auf den Gang geführt und seine Gedanken waren voll davon.

Askeron
14.01.2006 17:38

Vorweg erstmal danke an alle, die ihre Meinung zu 'In Nomine' gepostet haben. Denn letzten Endes sind es eure Meinungen, die zum Weiterschreiben motivieren ;)

@V!3cH: Wie Foolish Fox Furry schon richtig gestellt hat wäre es wirklich etwas naiv so viel Text nur im Browser zu schreiben. Word ist da wirklich hilfreicher, auch wenn beim Übertragen ins Forum einige Dinge verloren gehen. Sowohl von der Optik her, als auch von Kursiv hervorgehobenen Passagen und sonstigen Verschönerungen, die im Forum nicht nötig sind. Wer Intresse an einer Worddokumentversion der Geschichte hat kann mich gerne anschreiben.

@Foolish Fox Furry: Es freut mich das meine Geschichte hier so großen Anklang gefunden hat. Zwar sind es viele stille Leser, aber im Nachhinein würde es auch blöd klingen über tausend Mal das Selbe zu hören. Da die Geschichte immer noch am Anfang ihres Weges steht wird das sicher noch viel weiter gehen, aber lassen wir uns überraschen.

@Marya: Jep, das ist ein kleines Problem der Geschichte. War das erste Kapitel weitestgehend noch sehr episodenhaft laufen nun im Zweiten viele Wege zusammen und die Handlung wird straffer und die Charaktere werden etwas übersichtlicher. Nichts desto trotz sind noch sieben weitere Kapitel geplant und vielleicht wird 'In Nomine' auch irgendwann mal im Laden stehen :)

Nochmal Danke an Alle, die In Nomine dahin gebracht haben wo es heute ist. Fortsetzung folgt... ;)

Brett Fußzeile

Powered by PunBB
© Copyright 2002–2005 Rickard Andersson